NBA in Deutschland Zu wenig Geld, zu wenig Tradition

Alle Jahre wieder: Vor dem offiziellen Saisonbeginn gibt sich die NBA in Europa die Ehre. Doch der Besuch des Trosses um Liga-Boss David Stern verkommt zur Routine. Deutschland scheint für die Basketball-Eliteliga nicht bereit.

Von Martin Sonnleitner, Berlin


Am Horizont ist noch eine Rest-Silhouette der alten DDR zu erkennen. Doch seit diesem Sommer prunkt inmitten verrotteter alter Schornsteine und Abrissruinen am Berliner Ostbahnhof die hypermoderne O2 World und kündet vom Sport des 21. Jahrhunderts. Draußen probieren sich jugendliche Fans in Drei-Punkte-Würfen, flankiert von Werbebannern einer giftgrünen Brauselimo. Und drinnen?

NBA-Profis Andray Blatche (l.) und Chris Paul (r.): Stippvisite in Deutschland
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NBA-Profis Andray Blatche (l.) und Chris Paul (r.): Stippvisite in Deutschland

Da sitzt der weltweit mächtigste Basketball-Funktionär, David Stern, zurrt lächelnd an seinem rosafarbenen Schlips und referiert milde über eine weitere Expansion auf dem europäischen Kontinent. Milde, wie gesagt, denn Stern ist primär ein hochprofessioneller Verkäufer. Feilbieter allerdings einer Marke, mit drei Milliarden Euro Jahresumsatz, von denen immerhin 20 Prozent in Europa erzielt werden.

Grund genug, alle Jahre wieder eine Stippvisite auf dem alten Kontinent abzuhalten. Die National Basketball Association (NBA) gab sich also auch in diesem Jahr die Ehre und wartete im Zuge des Pre-Season-Games zwischen den Washington Wizards und den New Orleans Hornets gleich mit ihrem Commissioner Stern auf. Vier Teams befinden sich derzeit auf Europatour. Die New Jersey Nets und Miami Heat wetteiferten in Paris und in London, die Wizards und die Hornets reisen zum Rückspiel am Freitag noch nach Barcelona. Am Dienstag bejubelten in Berlin 14.000 mehr oder weniger enthusiastische Zuschauer den Aufgalopp der wenigen Stars um die Hornets-Profis Chris Paul und Peja Stojakovic, die auch nur eine Halbzeit lang ihr Können unter Beweis stellten. Zu einer ausverkauften Halle hatte es nicht gereicht - trotz vieler Freikarten.

Dennoch hob Ligachef Stern an: "Ich glaube, dass es bis zu den Olympischen Spielen 2012 in London zu regulären Saisonspielen in Europa kommen wird. Die Hallen in Berlin und London sind die erste Wahl dafür." Zugpferde für Sterns Eliteliga sind bei der Eroberung außeramerikanischer Absatzmärkte natürlich auch die ausländischen NBA-Stars. "Wir haben 75 internationale Spieler, davon viele Leader", rechnet der seit 1984 der Liga vorstehende Basketballmanager vor. Spieler wie Yao Ming (China/Houston Rockets), Pau Gasol (Spanien/Los Angeles Lakers) und Dirk Nowitzki (Deutschland/Dallas Mavericks) würden dafür sorgen, dass aus ihren Ländern Nachwuchs für die NBA kommt.

Doch Sterns globale Strategien befinden sich auf einer Einbahnstraße. Während die NBA versucht, in Europa Tritt zu fassen und andererseits die Besten aus dem alten Kontinent für die NBA rekrutiert, glaubt der 66-Jährige nicht an die Chance für europäische Vereine, amerikanische Top-Stars zur Aufwertung ihrer Liga zu bekommen. "Das ist doch eine Frage des Geldes", doziert er selbstbewusst. "Wir zahlen 57 Prozent unseres Umsatzes an Gehältern aus." Wer wolle da mithalten?!

Dabei deutet sich gerade ein kleiner Trend in die andere Richtung an. So wechselten in der jüngeren Vergangenheit gleich mehrere Spieler der ersten NBA-Reihe zu europäischen Top-Vereinen. Josh Childress ging im Sommer beispielsweise für viel Geld von den Atlanta Hawks zum griechischen Euroleague-Dauergast Olympiakos Piräus, der argentinische Starspieler Carlos Delfino von den Toronto Raptors zum Moskauer Vorstadtclub BC Khimki. Auch Wizard-Guard Dee Brown sagte nach dem Spiel in Berlin, das sein Team 80:96 gegen die Hawks verloren hatte, unverblümt: "Definitiv kann es für uns ein Thema sein, in Europa zu spielen. Klar hängt es in erster Linie von Geld ab, aber eine Option ist es allemal." Überhaupt fühlten sich die beiden Teams auf ihrer Europareise sichtlich wohl, zumal die meisten ihre Frauen dabei hatten.

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Doch während russische, griechische und auch spanische Top-Clubs zwischen 30 und 40 Millionen Euro Jahresetat verplanen können, stapeln die deutschen Protagonisten ein wenig tief. "Wir bekommen natürlich nicht die internationalen Stars, weder aus den USA noch aus Europa", bedauert der Präsident der Basketball-Bundesliga (BBL), Thomas Braumann. Die deutschen Teams verfügen über Etats zwischen einer (Köln 99ers) und acht Millionen Euro (Alba Berlin). "Da ist die erste Qualität leider nicht zu haben." Vor allem nicht die der NBA-Profis, deren Jahressaläre in der Regel höher als die Etats einzelner BBL-Clubs sind.

"Wir entwickeln uns schrittweise und verbessern die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Vereine Jahr für Jahr", so Braumann weiter. "Das ist aber ein langwieriger Prozess, da Basketball in Deutschland keine wirkliche Tradition hat." Braumann hält dann auch ein Pre-Season-Game der NBA für hilfreich, um die Strukturen in Deutschland nach vorne zu bringen, und spricht von einem "Leuchtturm".

Der BBL-Boss lobt nicht nur das Vorhaben, in Zukunft regelmäßig NBA-Spiele in Europa auszurichten, sondern erwähnt auch Sterns stilles Vorhaben, eine Divison in Europa zu gründen und in die NBA einzuverleiben. "Das wird schon seit sieben Jahren diskutiert, es passiert aber nichts", erwähnt Braumann und schließt an, dass die Euroleague mit ihren potenten Clubs einen klammheimlichen Gegenpol zu Sterns expansiven Bestrebungen gebildet haben könnte. "Wer da letztlich am längeren Hebel sitzt, wird man sehen."

Als die NBA-Stars gutgelaunt und frisch geduscht in den Berliner Vollmondabend entschwanden, machte sich dann doch noch ein wenig Weltpolitik in der megamodernen Halle inmitten der ehemaligen DDR breit. Wizard-Center Etan Thomas brachte offenherzig ein beeindruckendes Plädoyer für die Abwahl der Bush-Administration und verwies in diesem Zusammenhang darauf: "Basketball is just a game."



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