NBA-Legende Reggie Miller Die Geburt eines Killers

Wenige Sekunden auf der Uhr, das Spiel auf der Kippe: Über viele Jahre läutete eine solche Situation bei den Indiana Pacers die "Miller Time" ein. Am liebsten traf Reggie Miller gegen die New York Knicks - und Intimfeind Spike Lee. "5IVE"-Autor Johannes Korge erinnert sich.


Große Spieler wachsen in wichtigen Partien über sich hinaus. Und suchen sich für diese Momente die Bühnen aus, die die Welt bedeuten. Was Reggie Miller im fünften Spiel der Eastern Conference Finals 1994 gegen die Knicks auf das Parkett des Madison Square Garden zauberte, machte ihn überlebensgroß und zur ultimativen Persona non grata in der berühmtesten Basketballhalle der Welt.

Die Vorzeichen: Beim Stand von 2-2 hätte ein Auswärtssieg in New York den Pacers den Heimvorteil beschert, das Team die Serie im nächsten Spiel vor den tobenden Fans in der Market Square Arena entscheiden können. In den ersten drei Vierteln lief die Partie an Miller vorbei, die knochenharte Verteidigung der Gastgeber zwang ihn zu schlechten Würfen. Nur 14 Zähler zeigte sein Box-Score-Eintrag nach 36 Minuten. Und dann explodierte Reggie: Wenige Sekunden nach Wiederanpfiff fand sein erster Dreier das Ziel. Plötzlich passten die Screens der Mitspieler exakt zu seinen Laufwegen, fast spielerisch konnte der Guard seine Gegner abschütteln - und abdrücken, immer wieder. Das Publikum im MSG schwankte zwölf Minuten lang zwischen Überraschung, Schock, nackter Angst und blanker Wut.

Ein Zuschauer jedoch, in der ersten Reihe, ziemlich genau gegenüber des Scorer-Tables, spielte seine eigene Rolle in diesem modernen Basketball-Drama. Film-Regisseur Spike Lee, treuer Knicks-Fan und äußerst gesprächig, wenn in der richtigen Stimmung, hatte Miller schon das ganze Spiel über wissen lassen, wie unterirdisch dessen Leistung in dieser wichtigen Partie ausfiel. Nun, da der Korb plötzlich unverfehlbar war, sah Reggie die Argumente auf seiner Seite. Und antwortete mit Trash-Talk-Salven, die eindeutig nicht für die TV-Übertragung zur besten Sendezeit geeignet waren. Nach nahezu jedem Treffer im Spiel folgte ein verbaler Faustschlag in Richtung Lee.

Das Publikum im Garden bekam schnell mit, welch episches Duell sich hier anbahnte, und lieferte den Soundtrack. Pfeifkonzerte und Schmährufe folgten jeder Ballberührung. Genau die richtige akustische Untermalung für Miller, der sich in der Schurkenrolle pudelwohl fühlte. "Ich liebe es, der Feind zu sein", sagte Miller nach der Partie. Seine 25 Punkte im vierten Durchgang sorgten für den 93:86-Sieg der Pacers. Nach einem besonders wichtigen Wurf legte sich Miller beide Hände an den Hals und zeigte erst Lee und dann allen Zuschauern, dass er den Knicks soeben das Genick gebrochen hatte. New York gewann zwar am Ende die Serie, "Killer Miller" hatte jedoch für den größten Moment gesorgt und sich einen Platz auf der Dartscheibe eines jeden Knicks-Fans gesichert.

Sechs Punkte in drei Sekunden

Nach der hitzigen 94er-Serie brannten Spieler, Zuschauer und Medien auf ein Rematch, die Pacers vor allem auf eine Revanche. In den Conference-Semi-Finals des folgenden Jahres tat ihnen der Spielplan diesen Gefallen. Und Reggie ließ sich nicht lange bitten. 105:99 lag New York im vierten Viertel des ersten Spiel vor eigenem Publikum vorn. Noch 18,7 Sekunden auf der Uhr. Entspannte Knicks-Spieler begannen auf der Bank bereits, sich Gedanken über Spiel zwei zu machen.

So bekamen sie Millers Drei-Punkte-Wurf zum 105:102 kaum mit. Was allerdings niemandem in der Halle entgangen sein dürfte, war die Tatsache, dass die Nummer 31 im Pacers-Trikot nur zwei Sekunden später den Einwurf der Knicks abfing, sich seines Gegenspielers mit einem Unterarmschubser entledigte und zum Schuss ansetzte. Zuvor hatte sich Miller, geistesgegenwärtig und nervenstark, mit zwei schnellen Dribblings hinter der Dreierlinie in Position gebracht. Statt des sicheren Halbdistanz-Zweiers, ein Wurf den Miller mit geschlossenen Augen getroffen hätte, sorgte er mit dem Long-Range-Treffer für den Ausgleich, 105:105.

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Die komplette Sequenz dauerte gerade einmal 3,1 Sekunden. In der Folge vergab Knicks-Guard John Starks, ob seiner Nervenschwäche quasi der Anti-Miller, zwei Freiwürfe, ebenso wie Center Patrick Ewing einen einfachen Sprungwurfs aus knapp drei Metern. Den Rebound sicherte sich Miller, Sekundenbruchteile später schickten die Referees den Guard an die Freiwurflinie. In seiner Karriere versenkte Miller 88,8 Prozent seiner Würfe von der Linie, die beiden Treffer 7,5 Sekunden vor dem Ende der Partie gegen die Knicks dürften zu den wichtigeren gehört haben.

New York vergab die letzte Chance auf den Ausgleich, auch die Serie würde sich Indiana, wenn auch erst nach sieben Spielen, sichern. "Wir waren absolut geschockt. Es war wie ein Alptraum, aus dem man nicht aufwachen kann. Ich denke heute noch daran. Jetzt kann ich darüber lachen, damals war mir absolut nicht lustig zumute", erinnert sich der eisenharte ehemalige Knicks-Forward Anthony Mason, selbst eigentlich eher prädestiniert für die Hauptrolle in schlechten Träumen. Auch Pacers-Coach Larry Brown dachte noch Jahre später bewundernd an den großen Moment seines Leistungträgers: "Für so einen Wurf braucht man einen besonderen Spieler, einen Athleten mit Eis in den Adern."

Spätestens seit dieser Partie gegen die Knicks hatte sich Miller endgültig als einer der besten Crunchtime-Spieler der Liga etabliert. Viele weitere wichtige Würfe sollten folgen, und für die letzten Sekunden eines engen Spiels kannte man ligaweit nur noch einen Namen: "Miller Time".



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