NBA-Rüpel Artest "Er suchte Ärger und bekam ihn"

Für eine der heftigsten Schlägereien in der Geschichte der NBA erhielt Ron Artest, 26, die bislang höchste Strafe. Im Interview spricht der Basketballer, der gerade von Indiana nach Sacramento wechselte, über das Image eines Bad-Boys, seine Ambitionen als Boxer und rabiate Zuschauer.


Frage:

Mister Artest, haben Sie die Schlägerei in Detroit vom November 2004 schon einmal wieder auf Video gesehen? Sie sind damals ja auf die Zuschauerränge gestürmt.

Artest: Na ja, ich hatte zu Hause in meiner Nachbarschaft eine Menge Auseinandersetzungen, als ich jünger war, das ist nichts Neues für mich. Es gab ein Problem, und ich habe es gerade gerückt. Das war alles.

Frage: Wenn Sie sich selber sehen, denken Sie dann, dass du vielleicht doch überreagiert hast?

Artest: Der Typ (ein Zuschauer hatte Artest mit einem Becher Bier beworfen, die Red.) hat doch Ärger gemacht. Das sollte man besser lassen, außer du willst Probleme bekommen. Er suchte Ärger und bekam ihn.

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NBA-Rüpel Artest: Faustkämpfer und Ballkünstler

Frage: Was passiert beim nächsten Mal, wenn Sie aufs Feld gehen und jemand beispielsweise Popcorn nach Ihnen wirf? Wie werden Sie reagieren?

Artest: Ich werde nichts machen. Die Strafe, die ich dafür bekommen habe, war so hart, dass ich zwei bis drei Mal nachdenken werde, bevor ich das noch mal mache. Ich werde definitiv cool bleiben.

Frage: Was haben Sie damals Ihren Kindern gesagt? Die müssen doch mitbekommen haben, dass irgendwas Außergewöhnliches passiert war.

Artest: Ich sagte ihnen: "Manchmal passieren Dinge einfach, und du musst sie hinter dir lassen. Lasst nicht zu, dass ein Tag den Rest eures Lebens beeinflusst." Und eines ist klar, wenn jemand eines Tages mal meine Kinder angreift, sollen sie zurückschlagen.

Frage: Was schmerzte mehr, die Suspendierung für 73 Spiele oder der damit verbundene Einkommensverlust?

Artest: Schwer zu sagen. Beides hat wehgetan.

Frage: Wollte die NBA an Ihnen ein Exempel statuieren?

Artest: Definitiv. Die Liga griff sehr hart ein. Sie wollen uns auf Linie halten, gerade die HipHop- und Ghetto-Jungs wie mich.

Frage: Stört es Sie, wenn der normale Fan Sie nur als "den Typ mit der Schlägerei" kennt, ohne Ihr Basketballtalent zu bedenken?

Artest: Ist mir eigentlich egal. Wenn die Leute mich anhand eines einzigen Vorfalls beurteilen, dann ist das halt so. Daran kann ich nichts ändern. Die Menschen, die mich kennen, wissen, wie ich wirklich bin. Darauf kommt es mir an. Der diese Saison eingeführte Dress Code für die Spieler geht ebenfalls in die Richtung, die HipHop- und Bad-Boy-Attitüde in der NBA loszuwerden.

Frage: Gleichzeitig profitiert die Liga jedoch von Jungs wie Allen Iverson oder Ihnen und Ihrem Straßen-Image.

Artest: Ja, aber das wollen sie nicht öffentlich sagen. Um dieses Bad-Boy-Image loszuwerden, müsste die NBA einen ganzen Haufen Spieler loswerden. Die meisten von uns kommen doch aus dem Ghetto, sogar die Jungs von Übersee, von denen viele mit Krieg aufwuchsen. Der Großteil der Spieler wuchs unter schwierigen Umständen auf. Eine blitzsaubere Liga wäre also schwer hinzubekommen.

Frage: Würden Sie gerne mit Ben Wallace in den Boxring steigen? Er war es ja, der mit einem harten Foul und einem Schubser erst die heftigen Fanreaktionen auslöste, die am Ende zu "The Brawl" führten.

Artest: Yeah! Das gäbe auf jeden Fall mehr her, als in der NBA zu kämpfen. Ich brauche keine Strafen und keine Spielsperren mehr, laut unserer Verträge ist es verboten, und David Stern (der NBA-Boss; die Red.) würde es auch nicht erlauben. Also würde ich mich lieber im Boxring mit ihm messen. Das wäre auf jeden Fall ein guter Fight.

Frage: Wer würde gewinnen?

Artest: Ich würde mein Geld auf mich setzen. Ich würde an Gewicht zulegen und wäre bereit. Allerdings müssten wir wahrscheinlich Kopfschutz tragen. Es sei denn, jemand findet sich, der uns 20 bis 30 Millionen Dollar zahlt, dann würden wir die Regeln vergessen und uns zurücklehnen und entspannen.

Frage: Haben Sie jemals die Wuttherapie gemacht, die Ihnen empfohlen wurde?

Artest: Nein. Jeder wollte, dass ich hingehe, aber ich glaube, ich muss mich alleine mit diesen Problemen auseinandersetzen. Ich wollte keine Hilfe, ich fand, das wäre der einfache Ausweg, mir von jemand anders helfen zu lassen.

Frage: Durch die Sperre haben Sie lange nicht spielen können. Was haben Sie gemacht, um wieder in NBA-Form zu kommen?

Artest: Es gibt eine Menge Turniere in New York City, und ich habe dort im Sommer viel gespielt. Streetball in NYC ist auf einem so hohen Niveau, das hat mir echt geholfen. Dann habe ich viel mit meinem Bruder David Artest gearbeitet, der physisch wohl härter ist als jeder Spieler, den ich in der NBA bisher gesehen habe.

Frage: Ich habe mir eben Ihren privaten Court hinter dem Haus angesehen. Sie haben doch auch ein paar Jungs zum Training eingeflogen, richtig?

Artest: Ja, die Workouts waren verdammt hart: Eins-gegen-eins übers ganze Feld, Wurfübungen, Zwei-gegen-zwei aufs ganze Feld, Fünf-gegen-fünf. Das war der effektivste Weg, mich nach der langen Sperre wieder in NBA-Form zu kriegen.

Frage: Warum riskiert eine große Nummer aus der NBA seine Gesundheit und seine Reputation, indem er bei den Entertainers Basketball Classic und auf anderen Playgrounds aufläuft?

Artest: Als ich jung war, zockte ich gegen NBA-Spieler, und das half mir sehr. Ich wollte schon immer als der beste Spieler in New York City gelten. Ich schätze also, dass dieses Gefühl, sich beweisen zu müssen, eine große Rolle spielte. Die Leute respektieren dich dafür, dass du vorbeikommst und alles gibst, und es ist ein tolles Gefühl, in New York so eine Art Legende zu sein. "Street Reputation" ist da, wo ich herkomme, eine wichtige Sache.

Frage: Sie haben auch in der Summer League gespielt. Hatten Sie dort das Gefühl, dass Sie extra hart angegangen wurden?

Artest: Sicher, aber da war ich froh drüber. Dadurch wurde mein Training härter und mein Spiel besser. Als ich in der Summer League 20 Punkte im Schnitt machte, fühlte ich mich bereit für die Saison.

Die Fragen stellte Niels Jäger

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Ron Artest, wieso er sich einmal mit dem NBA-Gott Michael Jordan anlegte und diesem dabei ein paar Rippen brach.

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