NBA-Schiedsrichterin Palmer Violet, der Vampir

Sie war eine Sensation: NBA-Schiedsrichterin Violet Palmer. Die 41-Jährige arbeitete wie besessen, sicherte sich so den Respekt der Basketballprofis. Der Aufstieg einer schwarzen Frau in einer Männerdomäne.

Von Tobias Pox, Detroit


Es ist die perfekte Frage für die Sport-Edition des berühmten Quizspiels Trivial Pursuit - aber wohl für die "Genius Edition", denn nur eingefleischte Kenner werden die Antwort wissen: Welches Ereignis sorgte am 31. Oktober 1997 nicht nur in der National Basketball Association (NBA), sondern in der gesamten amerikanischen Sportwelt für Furore? Die Lösung: Mit Violet Palmer stand zum ersten Mal eine Frau als Schiedsrichter bei einem Spiel in einer der vier großen US-Profisportarten (Basketball, American Football, Baseball, Eishockey) auf dem Feld.

Schiedsrichterin Palmer (r., mit Allen Iverson): "Ich denke es liegt an meinen Fähigkeiten"
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Schiedsrichterin Palmer (r., mit Allen Iverson): "Ich denke es liegt an meinen Fähigkeiten"

Acht Jahre später redet kaum mehr jemand über den Fall Palmer. Und das ist wahrscheinlich das beste Lob, das man der Betroffenen machen kann. Denn Frau Palmer hat sich im Reich der muskelbepackten, tätowierten, nicht selten machohaften NBA-Hünen längst etabliert; sie fällt nicht länger auf und gehört zum festen Liga-Inventar. "Sie ist gut", sagt der 36-jährige Routinier Robert Horry vom Meister San Antonio. "Am Anfang haben viele sie bei ihren Entscheidungen bedrängt, aber sie blieb standhaft. Das sagt eine Menge über sie aus. Die Jungs respektieren sie, und sie schrickt vor niemandem zurück."

Dass Palmer derart resolut ist, verwundert nicht, schließlich blies ihr in den ersten Jahren ein Gegenwind von Orkanstärke entgegen. "Dies ist ein Männersport und das sollte es auch bleiben", polterte etwa die Spielerlegende Charles Barkley. Von den Rängen hallte es gnadenlose Sprüche wie "Violet, geh zurück in die Frauenliga!" oder gar "Violet, du bist scheiße!"

"Ich habe mich in dir getäuscht"

Doch die Beschimpfte ließ sich nicht beirren. Sie stellte eindrucksvoll unter Beweis, dass sie den hohen Anforderungen des schnellen und körperbetonten Spiels in der NBA gewachsen ist. Das musste schließlich selbst das Raubein Barkley eingestehen. Nach einer Partie traf er Palmer und ihre zwei Schiedsrichterkollegen auf dem Parkplatz und sagte: "Violet, ich habe mich in dir getäuscht. Du bist okay." Dann zeigte er auf die zwei Männer und fügte hinzu: "Du bist besser als er und er."

Wer aber denkt, Palmer sei ein Pionier, der von früh auf das Ziel hatte, Geschlechterbarrieren im Sport zu durchbrechen, der irrt. "Die NBA war nie mein Ziel, weil ich sie für unerreichbar hielt", sagt Palmer. Nachdem sie erst im College-Basketball und später in der amerikanischen Frauenprofiliga WNBA ihr Schiedsrichtertalent gezeigt hatte, wurde sie jedoch überraschend von der NBA zu deren Trainingscamp für Referees eingeladen.

Es gibt deshalb Leute, die meinen, die 41-Jährige sei eine Quotenfrau, die als Imagekampagne der Liga dient und daher eine Sonderbehandlung genieße. Aber diesen unverbesserlichen Kritikern kann von vornherein die Stimme entzogen werden. Träfe das vorgebrachte Argument zu, hätte die NBA kaum vor drei Jahren Dee Kantner, die zeitweilig neben Palmer als zweiter weiblicher Referee agierte, gefeuert.

Videoanalyse und ein 200-Seiten-Handbuch

Einen weitaus interessanteren Erklärungsansatz für Palmers Erfolg lieferte vor einiger Zeit die deutsche Basketballzeitschrift "Five". "Violet Palmer ist eine schwarze Frau, und eine Gemeinsamkeit, die von Allen Iverson bis LeBron James viele NBA-Spieler teilen, ist, dass sie von allein stehenden schwarzen Müttern aufgezogen wurden", schrieb das Magazin. Danny Fortson, Center der Seattle Supersonics, bekräftigt das: "Sie (Palmer) sieht beinahe aus wie meine Mom. Sie wirft dir diesen Blick zu, der heißt: Ich will nichts hören! Klappe halten! Ich kenne diesen Blick von meiner Mutter, und er bedeutet nichts Gutes."

Tobias Pox, 1972 in Hamburg geboren, lebt seit Sommer 2005 in Detroit und arbeitet dort als freier Journalist. Pox kaufte sich 1989 bei seinem ersten Besuch in den USA ein T-Shirt der L.A. Lakers und kam nicht mehr von seiner Leidenschaft für Basketball los. Es ärgert ihn noch immer, dass der ehemalige NBA-Profi Detlef Schrempf ("Bester deutscher Import seit dem Volkswagen") ohne Meisterschaftsring abtreten musste.
Auch dieses Denkmodell greift aber letztlich zu kurz. Denn es beruft sich ebenfalls hauptsächlich darauf, dass Palmer eine Frau ist. "Ich glaube nicht, dass mein Geschlecht etwas mit meiner Position zu tun hat", erklärt sie. "Ich denke, es liegt an meinen Fähigkeiten. Die Spieler respektieren mich als Schiedsrichter und behandeln mich nicht anders als meine männlichen Kollegen. Sie wissen, dass ich meinen Job erledigen und das Spiel ebenso so gut wie die Männer kontrollieren kann", so Palmer.

Unter dem Strich zählt mit anderen Worten nur eines: die Leistung. Und harte Arbeit. Palmer studiert regelmäßig das über 200 Seiten dicke Handbuch für NBA-Schiris und betreibt eine intensivere Videoanalyse als mancher Trainer. "Als Referee gehst du nach dem Spiel zurück ins Hotel und guckst dir die ganze Partie noch einmal auf Band an", sagt Palmer und beschreibt damit den selten beachteten Arbeitsalltag ihrer Zunft. "Manche Spielszenen gucke ich mir zehnmal an und frage mich: Wie hättest die diese Situation anders behandeln können? Wir Schiedsrichter sind wie Vampire, es fällt uns schwer, Schlaf zu finden."

Die Geschichte von Violet Palmer mag eine besondere sein. Doch das sollte sie nicht. Palmer ist schlichtweg von Berufs wegen NBA-Schiedsrichter und unterscheidet sich kaum von ihren männlichen Arbeitskollegen. Nur eine Konzession macht man der Frau, "die einzige", wie NBA-Refereechef Ronnie Nunn betont: Violet Palmer hat in jeder Arena ihre eigene Umkleidekabine.

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