NBA-Schlaks Martin Schnäppchen vom Abstellgleis

Vergangene Saison war Kevin Martin ein ganz normaler NBA-Neuling: kaum Einsatzzeit, wenig Punkte. In dieser Spielzeit verletzten sich zwei seiner Teamkollegen, und plötzlich spielt der Basketballer von den Sacramento Kings groß auf.

Von Boris Alexeev


"Das fehlte uns noch", hieß es bei den Kings, als sich Peja Stojakovic (inzwischen bei den Indiana Pacers) im Dezember eine Rückenverletzung zuzog. Kurz zuvor hatte sich Bonzi Wells beim Spiel gegen die Charlotte Bobcats an der Leiste verletzt. Durch die Ausfälle fehlten Sacramento mit einem Schlag 32 Punkte pro Spiel. Ersatz aus den eigenen Reihen? Daran war zunächst nicht zu denken. Der Reservebank Sacramentos war vor der Saison einstimmig die Klasse abgesprochen worden.

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Aber bereits gegen Charlotte hatte ein Bankdrücker angedeutet, dass den Experten bei ihrer Einschätzung etwas entgangen war. Kevin Martin (2,01 Meter, 84 Kilogramm) sah in dem Ausfall von Wells seine Chance. In gut 41 Minuten Spielzeit gelangen dem 22-Jährigen gegen die Bobcats 19 Zähler, acht Rebounds und drei Assists ein. Zwar ging das Spiel in der Verlängerung verloren, aber Coach Rick Adelman schien unter seiner Ausschussware auf der Bank zumindest einen verkannten Rohdiamanten entdeckt zu haben.

Seitdem lief Martin von Beginn an auf und buchstabierte den Gegnern Silbe für Silbe die Definition des Shooting Guards. In fast 35 Minuten kam er auf 13,6 Punkte (50,8 Prozent Trefferquote) und 4,9 Rebounds. Zwölf Mal knackte er die 20-Punkte-Grenze. Wenn der Motor von "KM" heiß läuft, ist das quasi die halbe Miete für den Sieg: elf dieser Partien gewann Sacramento.

Der Schlaks war zwar bereits an der Uni von Western Carolina ein treffsicherer Schütze (23,3 Punkte pro Partie) und verließ diese vorzeitig nach drei Jahren, aber nichts deutete darauf hin, dass der 26. Draftpick von 2004 in seinem zweiten Jahr zum Leistungsträger werden würde. "Ich habe jetzt viel mehr Selbstvertrauen und treffe endlich die Würfe, die ich bekomme", analysiert Martin.

Dabei sah er vergangene Saison noch wie der durchschnittliche Rookie aus – verloren im weiten NBA-Ozean. 2,9 Zähler und 1,3 Rebounds in zehn Minuten. Endstation Abstellgleis. Nun ist alles anders. "Kevin hat diese Saison einen Riesenschritt nach vorn gemacht", lobte Adelman den schnellen Guard mit dem soften Handgelenk.

Und mit einem Jahresgehalt von 930.000 Dollar gibt es wohl nur wenige Spieler, die umgerechnet auf das Salär effektiver sind. Dass die Kings Wells hintenrum auf dem Trademarkt anboten, zeigt auch, wie groß das Vertrauen in die Konstanz von Martin ist.

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