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25. Januar 2008, 13:14 Uhr

NBA-Topcenter Kaman

"Habe schon darüber nachgedacht, für Deutschland zu spielen"

Die LA Clippers spielen eine schlimme Saison. Ein Profi des Loserclubs hat dennoch Spaß: Chris Kaman. Das Basketballmagazin "FIVE" sprach mit dem Center über seine Leistungssteigerung, Angeber in der Liga und mögliche Einsätze fürs deutsche Nationalteam.

Frage: Mister Kaman, über sie schwirren viele Gerüchte herum. Stimmt es, dass Sie auf einer Hühnerfarm groß geworden sind?

Chris Kaman: Oh ja, über mich wird viel Mist geschrieben. Ich bin auf einer 80 Quadratkilometer großen Farm in Michigan aufgewachsen. Wir hatten viele Maisfelder, ein paar Nutztiere. Aber eine Hühnerfarm war es nicht.

Frage: Stimmt es denn, dass Sie unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) leiden, dass sich unter anderem mit Hyperaktivität bemerkbar macht?

Kaman: Im normalen Leben habe ich heute keine Probleme mehr. Aber mit zwei Jahren wurde bei mir ADHS festgestellt. Seither musste ich Ritalin nehmen (eine Amphetamin-ähnliche Substanz mit stimulierender Wirkung; die Red.). Das ist ein Medikament, das die Prozesse im Gehirn schneller laufen lässt. Meines läuft wohl ansonsten ein bisschen zu langsam.

Frage: Wie machte sich bei Ihnen die Störung in der Kindheit bemerkbar?

Kaman: Ich hatte Probleme, mich zu konzentrieren, vor allem im Schulunterricht. Wenn mich etwas wirklich interessierte, ging es eigentlich, aber sobald ich etwas nicht interessant fand, wurde es schwierig. Deshalb mochte ich die Schule nie, die Zeit war hart für mich. Als ich zur Uni ging, habe ich allerdings aufgehört, die Medikamente zu nehmen.

Frage: Waren Sie ein besonders wildes Kind?

Kaman: Ich muss schon zugeben, dass ich ziemlich verrückt drauf war. Und außerdem ließen uns unsere Eltern nie allzu weit von unserem Haus weglaufen, um zu spielen, weil wir damals in einer ziemlich üblen Gegend lebten. Also mussten wir in unserer direkten Umgebung etwas finden. Einmal saß ich auf dem Dach der Nachbarn, mein Bruder saß auf unserem. Also rissen wir die Schindeln ab und warfen sie wie Frisbees aufeinander.

Frage: Wie haben Sie das umstrittene Medikament Ritalin vertragen?

Kaman: Ich habe unter den Nebenwirkungen gelitten. Du hast weniger Appetit, wirst dadurch natürlich schneller müde, hast weniger Energie. Ich war immer irgendwie schlapp. Manche Leute berichten von Organschädigungen, zum Beispiel an der Leber. Damit hatte ich Gott sei Dank noch keine Probleme. Ich war einfach nur sehr dünn als Kind, weil ich so wenig aß.

Frage: Was heißt "sehr dünn"?

Kaman: In der zwölften Klasse war ich zwar 2,13 Meter groß, wog aber nur 90 Kilogramm. Ich konnte wegen der Medikamente einfach nicht zunehmen. Erst als ich sie absetzte, nahm ich zu – in meinem ersten Jahr zehn Kilogramm. Heute wiege ich 120 Kilo.

Frage: Wie war es für Sie, als Sie 2003 von Michigan nach Los Angeles zogen, nachdem die Clippers Sie verpflichtet hatten?

Kaman: Für mich war das eine echte Umstellung. Los Angeles ist natürlich eine schnelle Stadt, die NBA eine Riesenliga mit vielen Verlockungen …

Frage: … denen etliche NBA-Profis schon erlegen sind.

Kaman: Ich möchte nicht schlecht über andere reden. Ich gehe nicht auf Partys oder in Clubs. Ich trinke nicht und versuche, mich aus allem Ärger raus zu halten. Okay, ich fahre gern mal etwas zu schnell mit dem Auto. Aber ansonsten mach ich keinen Mist.

Frage: Wir haben gehört, dass Sie auch künstlerisch interessiert sind.

Kaman: Das stimmt. Momentan arbeite ich gerade an einem Dokumentarfilm. Wir sind dabei, das ganze Material zu schneiden. Es ist schon mein zweiter Streifen. Vor zwei Jahren im Sommer nahm ich ein 500.000 Dollar teures Wohnmobil, das ich meinen Eltern gekauft hatte.

Frage: Und wohin ging der Trip?

Kaman: Wir fuhren von Michigan bis nach Alaska. 108 Stunden Fahrt hin, 108 Stunden zurück. Wir waren zu acht unterwegs und hielten öfter einfach an, um Leute zu interviewen. Daraus habe ich dann eine Doku gemacht. Ich mache halt die interessanten Sachen, die kein anderer NBA-Spieler tun würde. Witzig war, dass ich das Mobil mitten in Kanada im absoluten Nichts in einen Graben gefahren habe. Sechseinhalb Stunden mussten wir auf Hilfe warten.

Frage: Auf der Überholspur sind Sie in punkto Karriere. Sie haben sich diese Saison sehr verbessert und gelten inzwischen als einer der besten Center der NBA. Was ist der Grund für Ihre deutliche Leistungssteigerung?

Kaman: Ich habe zehn Kilogramm abgenommen und zusammen mit unserem Kraftcoach Rich Williams hart gearbeitet. Außerdem habe ich viel Zeit mit Co-Trainer Kim Hughes verbracht. Er ist einer der Hauptgründe für mein verbessertes Spiel. Wir waren fast jeden Tag im Sommer zusammen. Er hat gereboundet, mir den Ball gepasst, mich immer wieder verbessert. Als unser Forward Elton Brand sich dann während der Saisonvorbereitung verletzte, wusste ich, dass ich noch eine Schippe drauflegen muss.

Frage: Wegen seines Achillessehnenrisses konnte Brand bis heute nicht wieder spielen. Für die Mannschaft war das Fehlen des Topscorers sicherlich bitter. Aber hat Ihnen Brands Ausfall in der persönlichen Entwicklung nicht eher geholfen?

Kaman: Ja, schon. Aber ich will mir nicht auf die Schulter klopfen. Es gibt eine Menge Spieler in der NBA, und ich möchte da wirklich niemandem zu nahe treten, die so arrogant rüberkommen und immer nur von sich selbst reden. Wenn ich gut spiele, dann habe ich gut gespielt. Okay, danke. Aber ich stelle mich nicht an die nächste Straßenecke und erzähle der ganzen Welt davon. Das mag ich auch nicht an dem ganzen All-Star-Ding.

Die Kritik am All-Star-Game und das Problem der Beidhändigkeit

Frage: Was stört Sie am All-Star-Game? Die Zuschauer lieben das Spektakel zur Halbzeit der Saison, wenn sich die Teams der Eastern und Western Conference messen.

Kaman: Die Liga lässt die Fans abstimmen. Das ist ein Nachteil für viele Jungs, die wirklich gute Spieler sind. Aber weil sie halt zu wenig dunken oder von den Fans nicht so oft gesehen werden, schaffen sie es nicht ins Team. Es geht viel zu viel um Politik und PR.

Frage: Sind Sie sauer, dass Sie nicht ins West-Team für das Spiel am 17. Februar in New Orleans gewählt wurden?

Kaman: Nein, aber natürlich würde ich gern zum All Star berufen werden. Ich hatte bisher eine recht gute Saison. Klar hatte ich auch miese Spiele, aber wer hat die nicht.

Frage: Wer sind Ihrer Meinung nach derzeit die fünf besten "Big Men" in der NBA?

Kaman: Tim Duncan (San Antonio), Kevin Garnett (Boston), Dwight Howard (Orlando), Yao Ming (Houston) und Dirk Nowitzki (Dallas).

Frage: Und Sie selbst?

Kaman: Ich setze mich nicht auf solche Listen. Ich kümmere mich nicht um so etwas. Es gibt da diese Redensart: Ich will nicht, dass mein Kopf zu groß wird, denn ich muss ihn ja immer mit mir herumtragen. Ich arbeite einfach hart und versuche alles, damit wir als Team Spiele gewinnen, auch wenn wir gerade echt mies sind. Wir hatten halt sehr viele Verletzungen.

Frage: Denken Sie darüber nach, wie gut die Clippers sein könnten, wenn Leistungsträger wie Brand oder Spielmacher Shaun Livingston gesund wären? Livingston fehlt wegen einer Knieverletzung seit elf Monaten.

Kaman: Ich versuche, genau das nicht zu tun. Verletzungen passieren, da kannst du nichts ändern. Du kannst nur hoffen, dass die Jungs alles auskurieren und nicht zu früh wieder einsteigen (Brand und Livingston sollen Anfang März wieder spielen; die Red.).

Frage: Wie nur wenige Basketballer können Sie beidhändig werfen. Mit welcher Hand treffen Sie besser?

Kaman: In Korbnähe ist es egal, da treffe ich schon jetzt gleich gut. Aber sobald ich knapp vier Meter vom Ring weg bin, wird es schwer. Und manchmal komme ich sogar durcheinander. Ab und an sieht man ja, dass ich direkt am Korb leichte Bälle vergebe. Das kommt dann meist dadurch, dass ich nicht sicher bin, ob ich jetzt nach rechts oder links gehen soll.

Frage: Ihr Nachname klingt nicht sehr amerikanisch. Hat Ihre Familie etwa europäische Wurzeln?

Kaman: Sie werden es nicht glauben, aber meine Urgroßeltern waren Deutsche.

Frage: Wie wäre es dann mit der deutschen Nationalmannschaft? Die könnte ein weiteres NBA-Ass neben Nowitzki gut gebrauchen.

Kaman: Darüber habe ich sogar schon mal nachgedacht, aber dann müsste ich ja mein Land verraten. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich machen würde.

Die Fragen stellte Dean Walle

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