NBA-Vorschau Wie verwundbar sind die Mavericks?

Am Dienstag beginnt die NBA-Saison 2003/2004. Wie jedes Jahr werden die Los Angeles Lakers als Favorit gehandelt - trotz des Theaters um den der Vergewaltigung beschuldigten Kobe Bryant. Doch die Konkurrenz hat aufgerüstet. In Dallas hat Dirk Nowitzki einige neue Mitspieler bekommen, Cleveland setzt alles auf ein Wunderkind.

Washington - Okay, Baseball kann auch höllisch spannend sein, vor allem dann, wenn die jungen Wilden der Florida Marlins die satten Millionäre der New York Yankees so elegant und so unerbittlich auseinander nehmen und die World Series gewinnen. Glückwunsch! Die Football-Saison steckt hingegen noch in den Anfängen und wird uns um Weihnachten herum stärker beschäftigen als heute. Mit dem Eishockey hat es auch gerade wieder begonnen, aber auch das ignorieren wir eine Weile. Denn ab Dienstag sind wir ohnehin wieder voll ausgelastet, seelisch und moralisch, denn Dienstag, Freunde, beginnt sie, die Basketball-Saison, das Spiel der Kindmänner, der hochschnellenden Riesenkörper, unvergleichbar gewandt und artistisch - wenn es darauf ankommt und wenn sie vor der Saison etwas für die Kondition und die Beweglichkeit getan haben.

82 Spieltage bis Mitte April, jedes Mal mindestens ein Nerven zerfetzendes Spiel. Das Trainerkarussell hat sich gewaltig gedreht: Paul Silas trainiert nun LeBron James, das ultimative Talent (nie gab es mehr Vorschusslorbeeren für einen Jungen, der von der High School direkt zu einem NBA-Team wechselte). Der große Pat Riley will seit dem Wochenende nur noch Präsident der Miami Heat sein und nicht länger deren Coach. Larry Brown hat von Allen Iverson genug und versucht sich an den Pistons in Detroit, die keinen untrainierbaren Superstar mit Ghetto-Allüren besitzen.

Teil II: Teams der Eastern Conference wie immer ohne Chance

Zwei Neue für die Mavericks


Es sind die ambitionierten Verlierer, die in den Playoffs frühzeitig auf der Strecke geblieben sind und jetzt nach dem Trainer-Magier Ausschau halten, der die Wende herbeizwingt. Die großen vier aber - von den Lakers über San Antonio und Dallas bis hoch nach Sacramento - bauen auf dem Erworbenen systematisch auf.

Am Dienstag spielen die Lakers gegen die Mavericks. Fast schon ein Klassiker, bei dem sich die Lakers immer wieder besonders viel Mühe geben, die Nowitzki-Truppe zu zertrümmern. Meistens gelingt das, da es ja lediglich darauf ankommt, Steve Nash, der zur Fahrigkeit unter schwerem Druck neigt, aus dem Spiel zu halten. Und diesmal? Die Mavericks haben einen Coup in letzter Minute gelandet und Antoine Walker von den Boston Celtics geholt und damit das manchmal (aber nicht oft genug) brillante Tandem Walker/Pierce zerstört. Dazu hat Don Nelson Antawn Jamison von den Golden State Warriors geholt. Die Offensive ist die Stärke der Mavericks - da sind sie jetzt noch stärker. Die Defensive ist die Schwäche der Mavericks (und vor allem die von Dirk Nowitzki) - das bleibt so. Undenkbar, dass Phil Jackson für die Lakers soviel Mut zur Einseitigkeit aufbrächte: Teams wie Dallas sind enorm verwundbar und jedermann weiß auch, wie und wo.

Die Lakers haben sich nicht verziehen, dass sie San Antonio in der abgelaufenen Saison den Titel überlassen mussten. Was für eine Truppe ist da jetzt zusammen gekommen, ein All-Star-Team als Vereinsmannschaft. Gary Payton und Karl Malone sind auf ihre älteren Tage nach Kalifornien gezogen, um endlich einmal einen Titel zu gewinnen; nebenbei ist noch Horace Grant aufgetaucht. Gewinnen sie 65 oder 70 Spiele? Oder können die Alten nicht mehr Jacksons "Triangle-System" lernen?

Die Twin Towers gibt es nicht mehr


Natürlich hängt vieles davon ab, ob der Größte unter diesen Großen wieder so sensationell spielen kann wie in der vorigen Saison, als er 40 Punkte in Serie warf. Am 10. November muss Kobe Bryant in Denver vor Gericht erscheinen, wenn der Prozesstermin festgelegt wird. Seine Anwälte setzen einiges daran, die Verhandlung bis nach Ablauf der NBA-Saison hinaus zu verzögern. Doch welche Auswirkungen übt die Aussicht, für einige Jahre oder gar lebenslang wegen Vergewaltigung im Gefängnis zu verschwinden, auf Psyche und Physis eines Spielers aus? Kobe Bryant weiß wahrscheinlich auch nicht, wie frei er unter diesen Umständen spielen kann.

San Antonio erlitt den größtmöglichen Verlust: David Robinson, der glückliche Christ, spielt nicht mehr und widmet sich jetzt seinem bewundernswerten Projekt, einer Schule im ärmsten Teil der texanischen Stadt, die er gegründet, aufgebaut und finanziert hat. Ihm ist zutrauen, dass er allen Anfechtungen auf ein Comeback widersteht, so sehr die Spurs ihm auch nachtrauern. Sie umwarben ersatzweise Jason Kidd, doch der Pointguard zog es vor, bei den Nets in New Jersey zu bleiben. Deshalb ergeht es dem amtierenden Champion San Antonio in diesem Jahr wie den Lakers im Jahr zuvor: Sie gehen das Risiko ein, geschwächt um die Titelverteidigung zu spielen.



Aller Hype umschwirrt bis auf weiteres die Cleveland Cavaliers, die schwächste Mannschaft der vergangenen Saison, die sich LeBron James gekrallt hat. Der Junge, der schon Verträge im Gegenwert von 100 Millionen Dollar unterschrieben hat, ehe er seinen ersten Korb werfen konnte, spielte im letzten Vorbereitungsspiel Pointguard und kam damit wesentlich besser zurecht als zuvor auf anderen Positionen. Mal sehen, wie er sich schlägt: Viele abgebrühte Veteranen der Liga dürften sich seiner zum Zwecke der Entzauberung annehmen.

LeBron James, der neue Jordan?


Im Windschatten der Nummer 23 (James besitzt den Mut, Michael Jordans Nummer zu tragen) könnte Carmelo Anthony reifen, ein kaum minder begabter Rookie, den die Denver Nuggets an Land gezogen haben. Ebenso wenig ist der Serbe Darko Milicic zu verachten, der bei Larry Brown in Detroit lernt - dem wohl besten Lehrer der NBA. Oder schafft einer den Durchbruch, den niemand auf der Rechnung hat? Josh Beckett von den Florida Marlins hielt kein Weiser des Baseballs für eine Ausnahmeerscheinung, ehe er allen zeigte, was er kann. Warum sollte der NBA keine Überraschung beschert werden?

Vieles bleibt, wie es war: Die Western Conference ist ungleich stärker. Sacramento, Los Angeles, Dallas und San Antonio sind jeder Mannschaft der Eastern Conference überlegen. Falls die Timberwolves in Minnesota mit ihren wagemutigen Verpflichtungen - sie holten Sam Cassell aus Milwaukee und Latrell Sprewell aus New York, zwei hochbegabte, aber schwer integrierbare Spieler - zu Rande kommen, sind fünf Mannschaften im Westen besser als alles Vergleichbare drüben im Osten.

Und der Osten? Die Großen gehen anderswohin, da ist die Auswahl gering. New Jersey holt Alonzo Mourning, der sich mit schwersten Nierenproblemen plagt und in den vergangenen beiden Jahren kaum spielen konnte. Boston ist durch Walkers Verlust gezeichnet; Vin Baker versucht ein Comeback nach seinem Alkoholentzug. Die Pacers in Indiana haben Larry Bird wieder, der als Präsident den Club hochzureißen versucht.

Chicagos "Doberman Defense"


Beachtung verdient in jedem Fall, was sich in Chicago tut: Die Bulls nehmen einen Anlauf aus der Trostlosigkeit. Ehemalige Spieler wie John Paxson (Generalmanager), Bill Cartwright (Trainer) und John Bach (der die "Doberman Defense" der Bulls erfunden hat) sind zurückgekehrt und könnten die Stadt mit den Bulls versöhnen. Ja, und Scottie Pippen ist auch wieder da: Ihm fällt die schöne, schwere Aufgabe zu, die Jungen wie Eddy Curry mit den schwierigen Alten wie Jalen Rose zu einem Team zu schmieden.

Am wichtigsten für die Bulls-Fans, die vor jedem Spiel zum Standbild Michael Jordans pilgern wie die Yankees zu dem von Babe Ruth, ist jedoch eine andere Veränderung: Der verhasste Generalmanager Jerry Krause ist nicht mehr da. Er beendete 1998 die Ära Jordan, indem er die Bulls zerschlug - wer in Chicago sollte ihm das je verzeihen.

Michael Jordan, der ewige Goldjunge, ging ins Exil. Er hat nach seinem zweiten Comeback als Spieler die Washington Wizards populär gemacht, aber nicht in die Playoffs führen können. Er wollte nach seinem dritten Rücktritt wieder wie zuvor für den Spielbetrieb der Wizards Verantwortung übernehmen, aber der Besitzer Abe Pollin setzte ihn vor die Tür: eine neue Erfahrung für Jordan. Er war danach im Gespräch, als Herb Kohl die Bucks in Milwaukee zu verkaufen gedachte, was sich Kohl jedoch alsbald noch einmal überlegte. Nun entsteht in Charlotte eine Basketballmannschaft, die Bobcats, die in der Saison 2004/2005 den NBA-Betrieb aufnehmen wird. Auch dort in North Carolina ist Jordan im Gespräch. Andererseits aber muss ihn immer mehr die Stadt und die Mannschaft locken, der MJ alles verdankt und die ihm alles verdankt: Chicago. Kleine Wette: lieber Bulls als Bobcats, lieber Chicago als Charlotte.

Phantomschmerzen in Salt Lake City


Der Riesenwirbel um die erstaunliche Kündigung für die Ikone Jordan überschattete unverdienterweise den Rücktritt eines anderen Großen. John Stockton wäre vor zwei Jahrzehnten auch fast in Chicago gelandet, doch dann nahmen sich die Utah Jazz seiner an. Was für ein Tandem wären Stockton und Jordan geworden? Was für ein Tandem sind Stockton und Malone geworden! Fast zwei Jahrzehnte verließ sich Malone aufs Zuspiel des kleinen John, der den großen Karl zum "Mailman" machte, der zwangsläufig vollendete, was er sich ausgedacht hatte.

Die Jazz spielen zum Saisonauftakt gegen die Portland Trailblazers. Unsere Anteilnahme gilt jetzt schon den Zuschauern in Utah, die unter schwersten Phantomschmerzen leiden müssen: kein Stockton mehr, der unbewegten Gesichts den Ball vor sich hertreibt und Ausschau nach dem "Mailman" hält. Kein Malone mehr, der mit ungerührter Miene auf den blinden Pass wartet, der so sicher wie das Amen im Gebet gleich kommen wird, und den er zum x-ten Mal im Korb versenken wird. Vergangen, verweht. Ein paar Große lassen den Basketball ruhen. Ein paar andere nehmen ihn auf, um groß zu werden. Wir werden uns an die einen erinnern und die anderen an ihnen messen.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.