NBA Zurück in die Zukunft

Heute Nacht wackeln in den USA die Körbe und die Einschaltquoten. Ein Fernsehereignis der absoluten Topklasse steht bevor. Basketball-Superstar Michael Jordan, 38, gibt sein Comeback.

Von Tobias Pox


Michael Jordan: Der Heilsbringer
REUTERS

Michael Jordan: Der Heilsbringer

Vor wenigen Wochen klingelte bei NBA-Chef David Stern das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein besorgter Marc Cuban. Der ebenso geschäftstüchtige wie exzentrische Besitzer des Nowitzki-Clubs Dallas Mavericks wollte wissen, was die zuletzt schlingernde Liga zu unternehmen gedenke, um sich in der neuen Saison besser zu präsentieren und der Baisse am Markt der Einschaltquoten entgegenzusteuern. Mittlerweile ist Cubans Problem nur noch rhetorischer Natur. Denn die National Basketball Association hat jene Leitfigur wieder, die für ihren Aufschwung in den neunziger Jahren hauptverantwortlich zeichnete: Michael Jordan ist zurück.

Die Umstände des Jordan-Comeback sind gleichwohl schon ein wenig würdelos. Denn der heute 38-jährige Grande des Korbballspiels wird nicht mehr das weltberühmte rote Jersey seines einstigen Clubs, des Serienmeisters Chicago Bulls, oder eines anderen Topteams tragen. Nein, Jordan wird die Parketts der NBA-Arenen im Durchschnittsblau der Washington Wizards betreten, der Kellermaus der Liga. "Ich denke, wir haben das Potenzial, ein Play-off-Team zu werden", hat Jordan vor Beginn der Saison die Messlatte für sich und die Seinen ganz erheblich hoch gelegt.

Showdown am "Ground Zero"

Mit blamablen 19 Siegen aus 82 Spielen waren die US-Hauptstädter in der vergangenen Saison die Lachnummer der NBA. Dieses öffentliche Gespött, so wird kolportiert, habe der seit anderthalb Jahren in Washington als Sportdirektor und Vereinsmitinhaber amtierende Jordan nicht mehr ertragen können. Also entschloss sich "His Airness" im letzten Herbst, seine Nike-Sneaker noch einmal zu schnüren. Die nötige Fitness hat er sich seit dem Frühjahr in hochkarätig besetzten Trainingsspielchen mit ehemaligen NBA-Kollegen geholt. Und dabei hat Jordan erkannt, dass er in der besten Liga der Welt noch mithalten kann.

Als das Comeback immer konkreter Züge annahm, handelte die NBA schnell. Die leeren Zuschauerränge und schlechten Einschaltquoten der Vorjahre im Hinterkopf, tüftelten die Ligaoberen einen zugkräftigen Spielplan aus. So findet die Auftaktpartie der Wizards im New Yorker Madison Square Garden statt. An jenem Ort also, an dem Jordan in seiner Blütezeit stets zu Hochform auflief und seinem Lieblingsgegner, den Knicks, reihenweise über 50 Punkte einschenkte.

Michael Jordan: "Wir haben das Potenzial, ein Play-off-Team zu werden"
REUTERS

Michael Jordan: "Wir haben das Potenzial, ein Play-off-Team zu werden"

Darüber hinaus verleihen die Terroranschläge vom September dem Debüt Jordans im 21. Jahrhundert eine an patriotischem Kitsch kaum mehr zu überbietende Symbolik, die Liga-Boss Stern selber nicht besser hätte ersinnen können: Der Mann, der die NBA retten soll, sucht den "Ground Zero" in der gepeinigten Stadt heim. Jordan hat seine wegen des "salary cap" begrenzte Jahresgage von einer Million Dollar, den Angehörigen der Opfer des 11. September gespendet. Nicht nur im New York dieser Tage giert man nach solchen Geschichten.

Möglichst viele Wizards-Spiele ins Programm hieven

Da ließen sich auch die Fernsehstationen nicht zweimal bitten. Das Ted Turner gehörende TV-Unternehmen Turner Sports warf seine Jahresplanung kurzerhand über den Haufen, um möglichst viele Wizards-Spiele - vor kurzem noch ein sicherer Quotenkiller - ins Programm zu hieven. Und auch NBC hat reagiert. Bisher hatte der Sender Basketball immer erst ab Weihnachten live übertragen, weil das sportliche Geschehen bis dahin nicht sonderlich großes Interesse weckt. Jordan wegen ist NBC nun von Anfang an mit dabei.

Dass bei dem ganzen medialen Comeback-Rummel die eigentliche Meisterschaftsfrage zur Nebensache gerät, kommt einigen indes durchaus gelegen. So können sich die Los Angeles Lakers ohne viel Aufsehen dem Projekt "Championship" zuwenden. Und dass der Meister der letzten beiden Spielzeiten seinen Titel verteidigen wird, darin ist sich die Fachwelt einig. Zumal Trainer Phil Jackson, einst Coach von Jordan in Chicago, das etablierte Personal mit so erfahrenen Veteranen wie dem ehemaligen Dream-Team-Mitglied Mitch Richmond oder dem begehrten Drei-Punkte-Spezialisten Lindsay Hunter höchst effizient verstärkt hat.

Kobe Bryant: Rüffel vom Meister
AP

Kobe Bryant: Rüffel vom Meister

Zudem kann Jackson auf den gekränkten Stolz eines seiner beiden herausragenden Spieler bauen. Kobe Bryant, neben Shaquille O'Neal zweiter Star der Lakers, wird es Michael Jordan zeigen wollen. Zwar gibt sich der 23-Jährige in Interviews normalerweise sehr zurückhaltend ("Michael ist eine Legende, ich nicht"). Aus dem Umfeld des Lakers-Spielers aber war zu hören, dass die Kritik des Altmeisters den jungen Bryant stark getroffen hat.

Jordan hatte behauptet, Bryant gehöre einer verwöhnt-verdorbenen Basketball-Generation an. Und so äußerte sich der Angeschuldigte. "Wir werden für alles kritisiert, was wir tun - nur weil wir anders sind", sagte Bryant, "dabei ist das doch genauso gewesen, als HipHop den Rock'n'Roll ablöste. Zuerst haben die Leute es gehasst, aber langsam begonnen, es zu verstehen, und jetzt lieben sie es. Genauso wird es eines Tages mit uns sein."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.