NBA-Zwerg Nate Robinson Im Land der Riesen

Trotz nur 173 Zentimetern Körpergröße legt sich Knicks-Guard Nate Robinson mit den Giganten der NBA an - verbal und unter den Körben. Im zweiten Teil des "FIVE"-Artikels schildert Autor Johannes Korge, wie der Winzling in New York aufblüht.


Dies ist der zweite Teil des "FIVE"-Artikels über Nate Robinson. Zum ersten Teil gelangen sie hier.

In der Liga erwartete den damals 21-jährigen Nate Robinson eine Knicks-Franchise ohne Führung, Richtung oder Perspektive. Von den Phoenix Suns an 21. Stelle der Draft 2005 ausgewählt, verschiffte ihn der Club als Teil des Kurt Thomas/Quentin Richardson-Trades beinahe augenblicklich nach New York. Unter Trainer Larry Brown und später Isiah Thomas zeigte Robinson regelmäßig Leistungen, die den leidgeprüften Knicks-Fans rare Lichtblicke während der wohl traumatischsten Jahre der Club-Geschichte bescherten.

Mit seinem explosiven Naturell und einer ebensolchen Spielweise bot sich Nate für die Rolle des Energizers von der Reservebank geradezu an. "Jeder stellt die Körpergröße in den Vordergrund. Solange ich spiele wie ein Gigant, ist alles bestens", sieht sich Robinson selbstredend als einen der wichtigsten Spieler in der Knicks-Rotation.

Natürlich schafft die mangelnde Körpergröße des Robinsons Matchup-Probleme, die es schwierig machen, eine ideale Position im System der Knicks zu finden. Als Aufbauspieler leistet er sich zu viele Ballverluste (sein Assist-Turnover-Verhältnis gehörte zu den schlechteren unter allen Einsern in der Liga), für den Posten des Shooting Guards sind 1,73 Meter eigentlich deutlich zu wenig. Zwar gleicht Robinson mangelnde Körpergröße mit Sprung- und Schnellkraft aus, gerade am Zonenrand jedoch hat er längeren, schwereren Guards zu oft zu wenig entgegenzusetzen.

Gleiches gilt für das gegnerische Pick-and-Roll, hier fehlt oft schlicht die Masse, um sich gegen einen gut gestellten Block zu behaupten. Dazu kommen Probleme in der Mann-gegen-Mann-Verteidigung. Jeder größere Guard (und das ist nun einmal so gut wie jeder Gegenspieler) kann sich sicher sein, reichlich Gelegenheiten zum Distanzwurf zu bekommen. Nutzt Nate seine Sprunggewalt, um den Schuss zu verhindern, macht er sich damit sehr anfällig für Fouls und Drives. Mit seiner Geschwindigkeit kann er zwar den gegnerischen Zug zum Korb recht zuverlässig stoppen, gegen den Jumpshot fehlen ihm jedoch die Waffen - und verlässt er zum Block den Boden, ist es auch um die Drivedefense geschehen.

Robinson profitiert vom High-Speed-Basketball der Knicks

Mit seiner Hochgeschwindigkeits-Offensive brachte Mike D'Antoni in dieser Saison eine Angriffsphilosophie nach New York, die nicht nur die Zuschauer verzückt, sondern auch für das Spiel des Nate Robinson geradezu geschaffen scheint. Die vielen Fastbreak-Situationen helfen immens, sein vergleichsweise unterdurchschnittliches Passspiel wettzumachen, außerdem ermöglichen sie den Zug zum Korb und nicht selten einen seiner spektakulären Dunks.

Coach und Mitspieler wissen jedoch, dass Robinson stets den eigenen Schuss im Auge behält, im Zweifelsfall eher selbst abdrückt, als den Teamkollegen zu suchen. In dieser Rolle, als punktender Aufbau, verlässt sich der 24-Jährige im Halbfeld noch immer zu häufig auf seinen Sprungwurf, statt die enorme Antrittsschnelligkeit zu nutzen und in Richtung Zone zu ziehen. "Er hat noch einen weiten Weg vor sich", weiß auch Mentor D'Antoni.

Es lässt sich kaum bestreiten, dass dem SSOL-System (Seven Seconds or Less) die Tendenz innewohnt, die Statistiken gerade auf den Guard-Positionen aufzublähen. Steve Nashs MVP-Titel 2005 und 2006 wurden, ohne die zweifellos starke Leistung des Suns-Aufbaus schmälern zu wollen, durch die taktische Ausrichtung des Teams begünstigt. Ähnliches gilt für Chris Duhon und eben Robinson in New York.

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Was also bringt die Zukunft für Nate "The Great"? In der NBA gilt: Je kleiner ein Spieler ist, desto wichtiger werden Spezialisierung, Fitness und vor allem mentale Stabilität. Als Grenzgänger warten vor allem im letzten Punkt noch viele Herausforderungen auf Robinson. Es ist seine Verantwortung, aber auch die des Knicks-Trainerstabs, für Konstanz und Fokus zu sorgen. Gelingt dies nicht, ist der Weg aus der Liga kurz und abschüssig. Behält Robinson aber seine athletischen Fähigkeiten und lenkt er seine Emotionen noch konsequenter in geregelte Bahnen, steht ihm die Chance offen, einer der größten Zwerge der Ligageschichte zu werden.



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