NBA-Zwischenbilanz Ostens Schwäche, Nowitzkis Stärke

Die NBA-Saison ist erst zwei Monate alt, doch ein erstes Fazit lässt sich bereits ziehen: Starke Rookies werden vermisst, der Osten bleibt zweitklassig und Dirk Nowitzki bekräftigt als bester Mann des besten Teams seine MVP-Ansprüche. Ein Blick zurück und voraus.

Von Jan Hieronimi


Der Absturz der Überraschungsteams

Als die Orlando Magic sich mit uneigennützigem Mannschaftsspiel an die Spitze der Ost-Tabelle zauberten, verdrückte mancher Basketball-Purist eine Glücksträne: Ein Team junger Nachwuchstalente ohne Ego um den endlich genesenen Grant Hill schickte sich an, die mutige Ansage seines Forwards Dwight Howard von den Meisterschaftsambitionen wahr zu machen. Inzwischen sind in Orlando aus anderen Gründen feuchte Augen angesagt. Das Überraschungsmannschaft wurde von der Realität eingeholt, verlor zuletzt sieben von zehn Spielen.

Auch die zu Beginn stark gestarteten Atlanta Hawks (4:1) und die Golden State Warriors (7:3) stürzten aufgrund massiver Verletzungssorgen ab (9:20, beziehungsweise 17:17). Hoch eingeschätzte Mannschaften wie Dallas, Phoenix oder Chicago dagegen, die mies gestartet waren, legten starke Siegesserien hin und stehen nunmehr - man darf annehmen: für den Rest der Saison - ganz oben. Nicht umsonst weiß der aufmerksame Beobachter: Wenn es darauf ankäme, wer zu Saisonbeginn die beste Bilanz hat, würde sich kein Mensch die Playoffs ansehen.

Rookie of the Year: Der Einäugige unter den Blinden

Verglichen mit den Draft-Jahrgängen der vergangenen Spielzeiten, die immerhin Stars wie LeBron James, Dwyane Wade, Carmelo Anthony, Dwight Howard oder Chris Paul hervorbrachten, sieht die Klasse von 2006 wie eine Ansammlung unfertiger Pennäler aus: Kein Neuling erzielte mehr als 13,8 Punkte im Schnitt. Der zweite Pick der Draft, Blazers-Center LaMarcus Aldridge, könnte sich schon bald in der Aufbauliga NBDL wiederfinden, wo er Spielpraxis sammeln soll. Charlottes mit viel Hype angekündigter Forward Adam Morrison ist bester Scorer unter den Frischlingen, trifft jedoch nur unverzeihliche 37 Prozent seiner Würfe und zeichnet sich ansonsten durch mangelhafte Defense aus.

Nummer-Eins-Pick Andrea Bargnani legte, gefüttert mit genügend Minuten und Würfen, zumindest einen sehr soliden Dezember aufs Parkett. Nach der Rückkehr von Torontos Star-Forward Chris Bosh werden die Spielanteile des Italien-Imports jedoch sinken. Und so bleibt nach dem Ausschlussprinzip nur noch ein ernstzunehmender Kandidat für den Titel "Rookie of the Year": Portlands Brandon Roy, der den reich gedeckten Spielzeit-Tisch (30 Minuten pro Partie) nutzt, um ein vergleichsweise komplettes Stats-Menü aufzutragen (13,0 Punkte pro Spiel bei 41,5 Prozent aus dem Feld).

Geht K.G.?

In der Saison 2003/04 errangen die Minnesota Timberwolves 58 Siege und standen im Conference Finale. Seitdem ging es abwärts: 44 Siege im Jahr darauf, 33 in der Spielzeit 2005/06. Die Playoffs haben die Wolves jeweils verpasst. Star-Forward Kevin Garnett ist frustriert und enttäuscht vom Management, das es im Dezember nicht schaffte, Allen Iverson nach Minnesota zu lotsen. Ist für K.G. endgültig das Fass voll? Geht der Superstar, der (ebenso wie Iverson) immer seine Loyalität zu seinem Team betonte? Garnett wäre als Dank für seine harte Arbeit der Transfer zu einem Club mit Titelambitionen zu wünschen. Im Sommer 2008 kann er aus seinem Vertrag aussteigen. Viele Teams, darunter die L.A. Lakers, haben seinen Namen auf dem Wunschzettel. Wollen die Wölfe ihn nicht ohne Gegenleistung verlieren, sollten sie ihn vorher abgeben, solange sie noch können. Schließlich lautete das Fazit des Iverson-Trades zu den Denver Nuggets: Ein Jahr früher hätte sein altes Team, die Philadelphia 76ers, bessere Angebote bekommen.

Der Osten bleibt zweitklassig

Die NBA ist eine Zweiklassengesellschaft. Im Westen kämpfen die Top-Teams um den Playoff-Einzug. Im Osten dagegen erreicht bereits die Postseason, wer jedes zweite Spiel verliert. Sechs West-Teams haben eine Siegquote von über 60 Prozent, im Osten sind es lediglich zwei. In der Atlantic Division (aufgrund seiner unterdurchschnittlichen Qualität auch "Titanic Division" genannt) liegen die New Jersey Nets derzeit auf dem ersten Platz – mit einer Bilanz von 13:18 Siegen. Im Aufeinandertreffen der beiden Conferences sind die Machtverhältnisse klar. In 59,3 Prozent der Fälle ziehen die Teams der so genannten, sprichwörtlich letzten, "Leastern Conference" den Kürzeren.

MVP aus der zweiten Reihe

Yao Ming, der sanfte Riese der Houston Rockets, hatte endlich ein gesundes Maß an Härte entwickelt; dominierte seine Gegenspieler, übernahm Verantwortung. Kurzum, er nahm die letzte Hürde auf dem Weg zum Titel des besten Centers der NBA. Dann brach sich Yao im Spiel gegen die L.A. Clippers das rechte Bein – er wird erst Anfang Februar zurück erwartet …

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Yaos Chancen, am Ende der Saison zum wertvollsten Spieler gewählt zu werden, sinken damit gegen Null. So lohnt ein Blick auf die weiteren Kandidaten: Wird Kobe Bryants Wandel zum wahren Anführer belohnt? Reicht Tim Duncans stille Brillanz für seinen dritten MVP-Titel? Stößt Steve Nash mit seinem dritten Award in Serie in die Liga der legendären Bill Russell, Wilt Chamberlain und Larry Bird vor? Wird LeBron James (22) dank seiner kompletten Stats der jüngste MVP aller Zeiten? Oder wird der beste Spieler des derzeit besten Teams, Dirk Nowitzki, als erster Europäer gewürdigt?

Wahrscheinlich wird einer dieser Ausnahmespieler am Ende die Trophäe empfangen - verdient hätten sie es alle. "Most Valuable Player" des ersten Saisondrittels jedoch waren zwei Spieler, die wohl am Ende übergangen werden dürften. Beide wurden einst erst in der zweiten Runde gedraftet, beide haben sich ihren Star-Status hart erarbeitet: Washingtons Gilbert Arenas führte seine Wizards nach schwachem Start auf den dritten Platz im Osten – mit 35,1 Punkten pro Abend im Dezember. Michael Redd von den Milwaukee Bucks hält sein mittelmäßiges Team mit seinen Scorer-Fähigkeiten (27,8) im Playoff-Rennen, und brach unterwegs mit 57 Punkten den Bucks-Teamrekord des großen Kareem Abdul-Jabbar.



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