Neue NBA-Generation Drei Revolutionäre

Michael Jordan, "Magic" Johnson, Larry Bird: Spieler, die die NBA über zwei Jahrzehnte dominierten. Mit Reggie Miller ist die alte Generation endgültig abgetreten. Der Ruf wird laut nach neuen Stars, und tatsächlich: Drei junge Basketballer haben das Zeug, nach ganz oben zu kommen. Von Jan Hieronimi


Pacers-Profi Miller: Dem Sonnenuntergang entgegen
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Pacers-Profi Miller: Dem Sonnenuntergang entgegen

Die rechte Hand liegt auf dem Herzen, der Zeigefinger der linken zeigt nach oben. Den Blick mit feuchten Augen ins Publikum gerichtet, so steht Reggie Miller unten auf dem Parkett, während von den Rängen der Applaus herabregnet. Spiel sechs der Playoff-Serie gegen Detroit dauert noch 15 Sekunden, es soll sein letztes NBA-Spiel sein. Das Aus der Indiana Pacers ist in diesem Moment zweitrangig. "Killer Miller" wird verabschiedet, eine ganze Auszeit lang, selbst vom Gegner.

Doch an diesem Abend geht noch mehr zu Ende: Mit Miller streckt der letzte Vertreter einer Generation die Waffen, die den Basketball seit mehr als zwei Jahrzehnten geprägt hat. In den Achtzigern retteten Michael Jordan, "Magic" Johnson und Larry Bird die NBA aus der Tape-Delay-Ära, in der die Spiele nur zeitversetzt zu sehen waren, und machten sie zu einem weltweiten Phänomen. Nun sind alle weg.

Egoisten und Playoff-Versager

Johnson, Bird und Isiah Thomas gingen vor einem Jahrzehnt, 2003 ritten David Robinson, John Stockton und Michael Jordan in den Sonnenuntergang, 2004 feierte Scottie Pippen seinen Abschied, 2005 trat Karl Malone im Stillen ab. Aus dem ersten "Dream Team", das 1992 in Barcelona die ganze Welt mit dem Basketball-Virus infizierte, ist einzig Christian Laettner, damals grünschnäbliger College-Absolvent, noch aktiv (Miami).

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NBA-Legenden: Herren ohne Ringe

Die Helden von damals sind heute Assistenztrainer, TV-Kommentatoren, trainieren College-Teams, halten Anteile an Clubs oder besetzen Manager-Posten. Zwei Jahrzehnte lang spielten sie die Meisterschaft mit schöner Regelmäßigkeit untereinander aus. Zunächst schien die Kobe-Shaq-Zweckgemeinschaft ein würdiger Nachfolger zu sein. Nach drei Titeln ist jedoch selbst die seit einem Jahr Geschichte. Und nun?

Die Luft ist dünn auf dem Gipfel der Liga, und nur wenige haben ihr Camp seit Jahren knapp unterhalb der Bergspitze aufgeschlagen: Kobe Bryant, Kevin Garnett, Tim Duncan oder Shaquille O'Neal. Sie sind allesamt künftige Hall-of-Famer, von denen jedoch keiner das komplette Paket mitbringt, um den NBA-Olymp zu stürmen. Bryant haftet der Ruf des Egoisten an, Garnett der des Playoff-Versagers, Duncan fehlt das nötige Charisma, Shaq plagt das Goliath-Syndrom. Und: Alle gehen auf die 30 zu, O'Neal ist mit 33 sogar schon auf dem Weg in die erste Midlife-Crisis.

Umso dringender suchen Fans und Liga nach frischem Superstar-Futter, nach der nächsten Basketballer-Version der eierlegenden Wollmilchsau: Talent, Athletik, Arbeitseinstellung, Gewinner-Mentalität, vereint in herzeigbaren Youngsters mit einem positiven Image und Glaubwürdigkeit auf der Straße. Und tatsächlich: Es gibt sie. Sogar drei davon - mit Namen, die so ungewöhnlich sind wie ihr Können: LeBron James, Dwyane Wade und Amaré Stoudemire. Den Profis aus Cleveland, Miami und Phoenix gebührt eine besondere Ehre: Die dürfen die NBA ins zweite Jahrzehnt des neuen Millenniums führen.

"Mit uns ist die NBA zurück"

"Sie sind genau das, was die Liga braucht", sagt Magic Johnson, der mit den Los Angeles Lakers die Achtziger dominierte. "Sie lieben den Sport, das zeigt sich in der Art, wie sie spielen - und ihre Teams gewinnen. Du kannst gar nicht anders, als von diesen Jungs mitgerissen zu werden", so der ehemalige Aufbauspieler.

Auch die Liga hat sie bereits zu Fackelträgern auserkoren, was jedoch an sich nicht viel heißen müsste: Die Liste der "Next Jordans" ist lang, Talent allein reicht aber nicht, um den Gipfel zu erklimmen. Stoudemire tönt bereits: "Mit uns dreien ist die NBA wieder zurück. Das ist gut für das Spiel und für die Fans." Das sind große Worte. Aber alle drei haben 2004/05 zumindest gezeigt, dass sie den Aufstieg nach ganz oben planen. Können sie dem Druck standhalten und sich zu Superstars vom Kaliber eines Jordan, Bird oder Magic entwickeln? Das Frühwarnsystem sagt bis jetzt: Ja.

Cavs-Star James: Brillanz in mittelmäßigem Team
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Cavs-Star James: Brillanz in mittelmäßigem Team

James erzielte als erster Spieler seit Michael Jordan mehr als 25 Punkte, sieben Rebounds und sieben Assists im Schnitt, und das in einem mittelmäßigen Ost-Team wie den Cleveland Cavaliers ohne raumschaffende Distanzschützen. Wade setzte seine Kombination aus Körperkontrolle und Speed in 24,1 Punkte und 6,8 Assists pro Spiel um und war damit Topscorer und Top-Vorlagengeber der Miami Heat. Stoudemire ist nicht weniger als die Revolution der Power-Forward-Position: stark genug, um sich Platz unterm Brett zu machen, aber unglaublich koordiniert und explosiv in seinen Bewegungen.

Athletisch und vielseitig waren sie bereits vergangene Saison. Und doch haben sie sich im Sommer 2004 allesamt deutlich verbessert. Wer das Glück hatte, beim Training des Team USA auf dem Weg nach Olympia einen Blick auf die Bronze-Crew zu erhaschen, sah einen Stoudemire, der nach dem offiziellen Ende der Übungseinheit Würfe aus der Mitteldistanz trainierte. Diese Waffe diente ihm in der abgelaufenen Saison als Antwort auf Gegenspieler, die vor seiner Schnelligkeit kapitulierten und zu viel Abstand ließen.

Vater mit 21

Auch Dwyane Wade hat die Schwächen seiner Rookie-Saison abgestellt. "Er hatte seine Probleme, aber das hing damit zusammen, dass er immer nach Belieben zum Korb ziehen und an die Freiwurflinie kommen konnte", erklärt Ex-Teamkollege Rafer Alston. "Aber er hat realisiert, dass gegnerische Teams ihm den Zug nehmen würden. Deshalb hat er im Sommer an seinem Wurf gearbeitet. Er ist so ein Typ, der sehr gerne arbeitet, gut zuhört und dazulernt." Es ist dieser Arbeitseifer, der aus guten Spielern sehr gute macht - und aus sehr guten großartige.

Eine professionelle Einstellung, die von jungen Männern kaum erwartet wird, am wenigsten wohl vom 20-jährigen Multimillionär LeBron James. Trotzdem steigerte der seine Quote von der Dreierlinie im Vergleich zum Debüt-Jahr um markige sechs Prozent. "Seine Reife, die Verantwortung zu verstehen, die er als bestens bezahlter Basketballprofi trägt, ist das, was ihn wirklich auszeichnet. Das setzt ihn auf eine Stufe mit den Michaels, Larrys und Magics, die jeden Abend vollen Einsatz boten", sagt Spurs-Coach Gregg Popovich.

Heat-Hoffnung Wade (M.): Typ, der sehr gerne arbeitet
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Heat-Hoffnung Wade (M.): Typ, der sehr gerne arbeitet

Vielleicht liegt das Geheimnis der drei darin, dass sie alle früh erwachsen werden mussten. James war schon als 17-Jähriger ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen auf zwei Beinen - damals noch auf Abruf. Der Hype bereitete ihn auf die Anforderungen des NBA-Alltags vor. "Selbst Michael Jordan kam nicht mit so hohen Erwartungen in die Liga. Viele wären in seiner Situation überfordert, doch er nicht", sagt Charles Barkley.

Stoudemire tingelte ohne elterliche Unterstützung von Highschool zu Highschool, musste sich selbst darum kümmern, seinem Leben eine Richtung zu geben. Wade wurde bereits als College-Spieler Vater, damals 20 Jahre jung und ohne Millionen auf dem Konto. "21 Jahre lang war ich arm. Die Dinge liefen nicht so, wie ich es wollte", erinnert er sich. Heute ist er mit seiner Familie finanziell abgesichert, und doch lässt er nicht nach. "Er weiß, warum er hier ist: Er hat hart gearbeitet und wollte gewinnen. Solange er sich in dieser Hinsicht treu bleibt, muss er sich um nichts Sorgen machen", sagt Heat-Manager und Trainerlegende Pat Riley.

"Er wird die Position des Centers revolutionieren"

Talent, Arbeitswillen, Professionalität. Alle drei besitzen diese Eigenschaften im Überfluss. Fehlt noch die letzte Steilwand auf dem Weg zum Gipfel: Ein Superstar gewinnt, wenn es darauf ankommt. Er will den Ball, wenn die Sekunden von der Uhr ticken. Und er führt sein Team zum Sieg, vor allem in den Playoffs, wo sich Männer von Mäusen trennen. Hinter Letzterem können Dwyane Wade und Amaré Stoudemire bereits ein Häkchen machen. Denn ihren wirklichen Durchbruch feierten die beiden erst in den Playoffs 2005.

Supertalent Stoudemire (l., gegen San Antonios Duncan): Das gelobte Land
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Supertalent Stoudemire (l., gegen San Antonios Duncan): Das gelobte Land

Wade war bis zu einer Zerrung des Rippenmuskels in Spiel fünf der Conference-Finals nicht zu stoppen und lieferte in den Playoffs 27,4 Punkte, 5,2 Rebounds und 6,8 Assists pro Spiel ab. Stoudemire lief ausgerechnet gegen Tim Duncan und die gefürchtete Spurs-Defense im Western Conference-Finale zu MVP-Form auf: 37 Punkte, 55,0 Prozent Trefferquote aus dem Feld und 9,8 Rebounds im Schnitt. "Ich habe immer davon geträumt, in diesem Team der Go-to-Guy zu sein. Sobald ich mein Spiel weiter verfeinert habe, werde ich die Suns ins gelobte Land führen können", verkündete er hinterher.

James dagegen blieb in Sachen Siege ein wenig hinter den Erwartungen zurück; seine Cavs stürzten nach gutem Start ab. Anders als Wade und Stoudemire hat er jedoch keinen MVP-Kandidaten an seiner Seite und muss jeden Abend alleine die Show schmeißen. Kommende Saison darf mit verbessertem Team jedoch die Playoff-Teilnahme von "King James" erwartet werden. "D-Wade" wird mehr Verantwortung schultern und "Shaq" mehr Ruhepausen erlauben. Und von Stoudemire erwartet sein Coach nicht weniger, als dass "er die Position des Centers revolutionieren wird". Er werde Center spielen, so Stoudemire, "aber mit einem anderen Dreh, mehr von außen, mehr Inside-Outside. Ich werde auf dem Court noch mehr machen als dieses Jahr", sagte er.

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