NFL-Quarterbacks Malocher gegen Football-Adel

Das Erbe von Quarterback-Legenden wie Joe Montana oder Dan Marino ist in besten Händen: Peyton Manning und Tom Brady bestimmen auch in dieser Saison das Geschehen in der American-Football-Profiliga NFL. Zeit für eine simple Frage: Wer ist eigentlich der Bessere von beiden?

Von Tobias Pox


Wer in einer amerikanischen Sports-Bar für eine hitzige Debatte sorgen möchte, braucht nur eine einzige Frage in den Raum zu werfen: Wer ist der beste Quarterback in der NFL? Am vergangenen Wochenende bekam diese Mutter aller Fragen des US-Sports zusätzliche Brisanz, als die Indianapolis Colts und die New England Patriots aufeinander trafen. Dort kam es zum direkten Duell zwischen Peyton Manning und Tom Brady. Und diese zwei Herrschaften sind, da können Nostalgiker noch so laut den Namen Brett Favre und Sympathisanten von purem Entertainment noch so innig Michael Vick brüllen, die seit Jahren führenden Akteure der Spielmacherzunft.

Die Spitzenpartie wurde live im nationalen Fernsehen übertragen. Millionen von Budweiser oder Miller trinkenden Amerikanern – Football und (wässriges) Bier gehört in den Staaten genauso zusammen wie Fußball und (richtiges) Pils in Deutschland – konnten sich somit selbst ein Bild davon machen, wer denn nun der König ist.

Warten auf die ultimative Krönung

Dabei ist es natürlich widersinnig, ein einziges Match über die so grundlegende Quarterback-Frage entscheiden zu lassen. Beim 27:20-Sieg seiner nach acht Saisonspielen noch ungeschlagenen Colts unterstrich Manning mit zwei Touchdown-Pässen allerdings, dass er zur Zeit der Beste auf seiner Position hat und Brady (vier Interceptions, kein Touchdown) allenfalls der erste Herausforderer.

Ein Blick in die auch im Football so populäre Statistikdatenbank bestätigt diese Tendenz. Manning verbucht seit langem individuelle Fabelzahlen und dürfte, wenn er gesund bleibt, am Ende seiner Karriere die Rekordbücher komplett umgeschrieben haben. Eine markante Bestmarke verzeichnet der 30-Jährige mit dem akkuraten Seitenscheitel schon jetzt: Vor zwei Jahren warf er erstaunliche 49 Touchdownpässe während der Saison. Dass Manning auch in der laufenden Spielzeit das höchste Quarterback-Rating hat (diese Rubrik bündelt die Passqualitäten eines Profis und drückt sie in einer Zahl aus), versteht sich beinahe von selbst.

Das Sportlerleben des Peyton Manning ist jedoch bei Weitem nicht so rosig, wie all die Zauberwerte Glauben machen könnten. Der Superstar wartet noch immer auf die ultimative Krönung: den Gewinn einer Meisterschaft. Manning führt seine Mannschaft zwar stets bravourös und scheinbar mühelos durch die reguläre Saison, doch wenn es in den Playoffs ernst wird, verschwinden Angriffskunst und Durchsetzungsvermögen auf mysteriöse Art und Weise. Selbst die bloße Teilnahme an der Superbowl, dem NFL-Finale, blieb bisher Wunschdenken. Manning, der Schönwetterspieler? Indes: Kein Geringerer als Dan Marino, der vielleicht begabteste Quarterback aller Zeiten, blieb ebenfalls ohne Titel.

Effizienz hat andere Parameter

Tom Brady, 29, gehen derlei Sorgen komplett ab. Er dirigierte seine New England Patriots bereits in seinem dritten Profijahr 2002 unglaublich abgezockt zur Meisterschaft und ließ 2004 und 2005 zwei weitere Endspieltriumphe folgen. Seither ist der wohl begehrteste Single in Neuengland über jeden Zweifel erhaben. Dass er in statistischen Bestenlisten oft keinen der vordersten Plätze belegt, ist ihm deshalb auch egal. Effizienz hat andere Parameter. Wichtig ist, was man in den entscheidenden Spielmomenten leistet und wo man am Ende der Saison steht.

Was ebenfalls für Brady spricht, ist dessen Arbeitswut. Zwar ist auch Manning als Trainingsfanatiker bekannt, er wurde allerdings in eine Quarterbackfamilie hineingeboren (Vater Archie Manning spielte einst bei den New Orleans Saints, Peytons jüngerer Bruder Eli orchestriert die New York Giants) und gehörte frühzeitig zum Footballadel.

Brady hingegen hatte sowohl in seiner Highschool- als auch in seiner College-Mannschaft Probleme, in die Startformation zu kommen. Bei der Draft im Jahr 2000 wurde er nur an 199. Stelle von New England gewählt; Manning, zum Vergleich, wurde zwei Jahre zuvor als Erster gezogen. Wer aber, wie Brady, derart ehrgeizig ist, dass er selbst die Hochzeit eines Verwandten vorzeitig verlässt, um zu trainieren, der kann fehlendes Talent beziehunsgweise mangelnden Respekt anderer allemal kompensieren – und sich sogar zum meistdekorierten Quarterback seiner Generation hoch malochen.

So lange Peyton Manning ohne Meisterschaftserfolg bleibt, heißt der König der aktuellen NFL-Spielgestalter Tom Brady. Ob die bierselige Meute in den Sports-Bars zu dem gleichen Schluss kommt, steht freilich auf einem anderen Blatt.



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