NFL-Running-Back Tomlinson Der beste Ballträger der Welt

LaDainian Tomlinson sorgt in der NFL für Furore. Nachdem der Running-Back der San Diego Chargers frühzeitig einen neuen Touchdown-Saisonrekord aufgestellt hat, strebt er nach den nächsten Superlativen. Während der Star bescheiden bleibt, wollen sogar Mitspieler Autogramme.

Von Marco Plein


Nicht schlecht, Marty Schottenheimer. Zweifellos, der Cheftrainer des Footballteams San Diego Chargers hat ein Gespür dafür, aus welchen Talenten einmal große Stars werden. "LaDainian Tomlinson wird der beste Running-Back der NFL sein", behauptete der 63 Jahre alte Footballcoach schon im Sommer 2004. Aber dass sich der Ballträger der Chargers nur knapp zweieinhalb Jahre nach dieser Prognose zum mit Abstand stärksten Angreifer der höchsten amerikanischen Football-Liga entwickeln würde, damit konnte auch Schottenheimer kaum gerechnet haben.

Im Heimspiel gegen die Denver Broncos, Anfang Dezember, brach Tomlinson den Rekord für die meisten Touchdowns in einer Saison. Schon zum 29. Mal trug der smarte Läufer den eiförmigen Lederball in die gegnerischen Endzone. Und als ob das nicht genug wäre, legte er gleich im nächsten Spiel, auswärts bei den Kansas City Chiefs, noch mal eben zwei weitere Touchdowns drauf. "31. Das ist doch eigentlich gar nicht möglich", sagte Mitspieler Antonio Gates etwas ungläubig. Doch, denn "LT" hat einfach einen Lauf, erzielt schon seit Wochen seine Punkte nach Belieben.

Doch ausführlich darüber sprechen mag er nicht. Obwohl die neue Bestmarke für ihn eine "gewaltige Leistung" ist. Vielmehr aber ist ihm nicht zu entlocken. Und das macht Tomlinson, im Vergleich zu vielen anderen, oftmals selbstverliebt auftretenden Footballprofis, sehr beliebt. Keine Eskapaden, keine Drogen- und Alkoholskandale: Tomlinson ist ein Musterprofi, der es nicht zulässt, dass seine Karriere, wie die mancher Kollegen, von solchen Ausfällen versaut wird. Selten zuvor erhielt ein NFL-Star landesweit derart viele Sympathien, wie die Rückennummer 21 der Chargers. "Ich freue mich riesig für ihn", sagte Edgerrin James, der Ballträger der Arizona Cardinals. "Er hat den Rekord verdient. Ich mag es, wie er uns Running-Backs vertritt."

Die Beliebtheit des 27-Jährigen kommt nicht von ungefähr, schließlich wird er wird er nicht müde, zu betonen, wie wichtig ihm die Arbeit seiner Teamgefährten ist. Ohne sie, sagt der neue Rekordhalter, hätte er die Bestmarke nicht annähernd erreichen können. Klar, könnte man meinen, was soll er auch anderes sagen? Denn Tomlinson ist als Ballträger schließlich auf die Arbeit der schweren Jungs vor ihm angewiesen. Und um diese bei Laune zu halten, sollte er sie auch ab und zu erwähnen. Doch dem Ausnahmafootballer glaubt man diese Worte tatsächlich, so offen und ehrlich wirkt er. Also betont Tomlinson, um die Bedeutung seiner "Offensive Line" ausreichend zu würdigen, gern: "Später einmal können wir unseren Kindern und Enkeln davon erzählen, dass wir Geschichte geschrieben haben." Wir, sagt er fast immer, nicht ich.

Im Heimspiel gegen Denver bat Tomlinson seine stürmischen Kollegen unmittelbar vor jenem Spielzug, der ihm den 29. Touchdown bescherte, doch bitte zu ihm in die Endzone zu kommen, um den Rekordmoment gemeinsam zu erleben. "Und das haben wir auch gerne getan", beschrieb Fullback Lorenzo Neal die Party unter Männern hinter der Linie der Broncos. "Alle, wirklich alle im Team freuen sich mit LaDainian."

"LT", den die Chargers vorsichtshalber schon mal bis 2011 vertraglich gebunden haben, kann auf dem Footballfeld aber noch viel mehr, als nur mit dem Ball in den Händen zielstrebig nach vorne zu spurten. Drei seiner Touchdowns fing er als Passempfänger, zweimal sogar warf er als Folge eines Trickspielzuges das Ei in die Endzone. "Schade, dass die geworfenen Touchdowns nicht auch in die Wertung mit eingehen", haderte Coach Schottenheimer. "Aber das wäre wohl etwas zu viel verlangt. Für mich ist LaDanian ohnehin der beste Running-Back, der jemals ein NFL-Trikot getragen hat."

Statistisch gesehen müsste Tomlinson aber noch ein paar Jahre spielen, um tatsächlich der erfolgreichste Angreifer der NFL zu werden. Derzeit belegt er mit 111 Touchdowns Platz elf der ewigen Bestenliste, für 100 Touchdowns jedoch benötigte er nur 89 Spiele, schneller war zuvor noch keiner. Und zu den 31, die er bereits in dieser Saison geschafft hat, wird womöglich noch der eine oder andere dazukommen, schließlich ist die Saison für San Diego noch nicht zu Ende. "Er setzt die Bestmarke so hoch, dass sie ewig lange nicht angekratzt wird", prophezeite Lorenzo Neal. Man kann verstehen, dass sich viele Spieler der Chargers schon vorsichtshalber ein Trikot oder einen Ball von ihm haben signieren lassen.

Der 1,82 Meter große und 100 Kilogramm schwere Tomlinson steht im Rampenlicht, kürzlich schaute er sogar bei Moderator Jay Leno in dessen "Tonight Show" vorbei. "Du solltest dich nach einer Gehaltserhöhung erkundigen", empfahl der Fernsehstar dem Footballspieler - derart überrascht war er, dass Tomlinson nicht wusste, in dieser Saison alleine mehr Touchdowns erlaufen zu haben als eines der 31 konkurrierenden NFL-Teams im Kollektiv. Doch der Rummel um ihn scheint "LT" nicht zu behagen, schließlich haben sich die Chargers klangheimlich und im Schatten der auf den Starspieler gerichteten Aufmerksamkeit zu einem der Topfavoriten der NFL gemausert.

Mit nunmehr dreizehn Siegen und nur zwei Niederlagen sind die Kalifornier bereits für die Anfang Januar beginnenden Playoffs qualifiziert. Das Ziel ist die Teilnahme am Superbowl XLI in Miami am vierten Februar 2007, vielmehr aber lassen sie sich noch nicht entlocken bei den Chargers. "Viele Spieler posaunen große Ankündigungen heraus, was sie alles leisten werden. So etwas mache ich nicht", sagt Tomlinson. Da musste ihm selbst Jay Leno mehrmals diesen einen Satz vorsagen, ehe Tomlinson ihn bescheiden wiederholte: "Es wäre schön, wenn wir es zum Superbowl schaffen."



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