NFL-Überraschung New Orleans Titelträume nach der Katastrophe

Kein Stadion, ein Teambesitzer, der weg wollte, wenig Zukunft in einer verwüsteten Stadt - das waren die New Orleans Saints vor einem Jahr. Jetzt ist das Footballteam die große Überraschung in der NFL. Das Team ist jung und hungrig, und die Fans haben die Liebe zu ihrem Club neu entdeckt.

Von Sebastian Moll


Das Nachtleben gehört in New Orleans so selbstverständlich zum Alltag wie Jazz und Jambalaya. Das legendäre Partyviertel French Quarter war nach Hurrikan Katrina schon wieder in Betrieb, als die Stadt noch offiziell noch evakuiert war. Doch an einem Montag früh um vier Uhr ist es gewöhnlich selbst in der trotz aller erlittenen Härten überaus lebenslustigen Metropole verhältnismäßig ruhig.

Als am 12. Dezember vergangenen Jahres die New Orleans Saints von ihrem 42:17-Sieg gegen die Cowboys mitten in der Nacht aus Dallas zurück kamen, dachte jedoch niemand an die bevorstehende Arbeitswoche. Tausende von Fans warteten am Flughafen und in den Bars des French Quarter auf die Spieler. Dort, wo man sich ansonsten eher für Ragtime und Dixieland interessiert, konnten die Menschen bis zum Sonnenaufgang von den unablässig wiederholten besten Spielszenen nicht genug bekommen. Vor dem Verwaltungsgebäude des Teams standen Fans die ganze Nacht Schlange, um am folgenden Morgen Tickets für die Playoffs zu ergattern, die die Saints gerade erreicht hatten.

Der Sieg gegen die großen Cowboys war der vorläufige Höhepunkt einer rauschhaften Erfolgssaison für die Saints. Niemand hätte vor einem Jahr der Mannschaft zugetraut, zehn von sechzehn Spielen zu gewinnen und am kommenden Samstag als Favorit gegen Philadelphia um den Divisionstitel zu spielen. Nur zwei Siege ist die Mannschaft noch vom Super-Bowl entfernt und mittlerweile glaubt man nicht nur in New Orleans daran, dass sie es bis in Finale schaffen kann. Und das, obwohl die Saints vor gerade einem Jahr weder ein Stadion noch eine Zukunft in ihrer weitgehend verwüsteten und zu drei Vierteln verlassenen Heimatstadt hatten. Team-Besitzer Tom Benson hatte bereits die Koffer gepackt und war auf dem Sprung nach San Antonio, wo man ihn samt Mannschaft mit offenen Armen und beträchtlichen finanziellen Anreizen empfangen hätte.

Als New Orleans unter Wasser stand, hatte Benson sogar schon Büros in San Antonio angemietet. Der inzwischen pensionierte Liga-Commissioner Paul Tagliabue musste einschreiten, damit die Saints wenigstens noch eine Saison in New Orleans ausharren – die in Not geratene Stadt im Stich zu lassen, hätte schließlich auch auf die NFL kein gutes Licht geworfen. Benson gab zähneknirschend nach, doch dass er offenbar nur auf einen Grund dafür gewartet hatte, der ärmsten Großstadt und somit auch dem schlechtesten Sport-Markt der Nation den Rücken zu kehren, nahm man ihm in New Orleans noch lange übel. So wurden tausende aus den überschwemmten Häusern geborgene Kühlschränke, aus denen verfaulte Lebensmittel zum Himmel stanken, mit Bensons Namen besprüht. New Orleans und die Saints konnten sich nicht mehr riechen.

Jetzt haben die Stadt und ihr Football-Team jedoch eine neue Liebe füreinander entdeckt. "Die Saints sind ein Symbol der Wiedergeburt, der Erneuerung und dafür, dass die Wunden heilen können", sagte zum Jahreswechsel sogar die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, die unmittelbar nach Katrina Tom Benson am liebsten zum Teufel gejagt hätte. Benson bestand damals trotz der Katastrophe auf die Fortzahlung der vertraglich vereinbarten 185 Millionen Subventions-Dollar durch den Staat, während Blanco versuchte, ihm klar zu machen, dass New Orleans andere Sorgen habe. Schon nach dem ersten Heimspiel der Saints vergangenen September im Superdome, in dem sich während der Katastrophe unter den Evakuierten schreckliche Szenen abgespielt hatten, war Blanco jedoch froh, Benson gehalten und mit ihm zusammen das Stadion renoviert zu haben: "Während jener schlimmen Tage war der Superdome ein Symbol unseres Elends. Jetzt steht er für die Hoffnung", sagte sie beglückt nach dem 23:3-Auftaktsieg gegen Atlanta.

Hauptautor des Phoenix-aus-der-Asche-Märchens am Mississippi ist der neue Coach Sean Payton, den amerikanische Sportjournalisten gerade mit überwältigender Mehrheit zum Trainer des Jahres gewählt haben. Payton, der vorher als Assistent unter dem legendären Dallas- Cowboys-Chef Bill Parcells gearbeitet hatte, sah von Anfang an in der Aufgabe in New Orleans eine Riesenchance: "Eine solche Gelegenheit bekommt man in der NFL nur einmal", sagte Payton, der vorher einen Cheftrainerposten in Oakland ausgeschlagen hatte, um weiter unter Parcells zu arbeiten. Für einen ehrgeizigen Trainer gab es keine bessere Situation, und das erkannte Payton sofort: Er konnte von Null beginnen und niemand erwartete große Dinge von ihm. Außerdem hatte er Spieler mit einem enormen ungenutzten Potenzial wie den lange verletzten Quarterback Drew Brees und den Running Back Reggie Bush, der als Rookie neu ins Team gekommen war.

Am meisten reizte Payton jedoch die Gelegenheit, an etwas mitzuwirken, das weit wichtiger und bedeutsamer ist als Football. "Er sprach von Anfang an in jeder Mannschaftssitzung von zwei Zielen: der Meisterschaft und dem Ziel, eine treibende Kraft beim Wiederaufbau von New Orleans zu sein", erzählt Offensive Tackle Jon Stinchcomb. Das zweite Ziel haben die Saints bereits erreicht. Insofern ist für die Saints diese Saison schon jetzt gelungen – egal, wieweit sie in den Playoffs kommen.



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