Nowitzki wird 30 Der Herr ohne Ringe

Dirk Nowitzki läuft die Zeit davon: Der deutsche NBA-Star feiert heute seinen 30. Geburtstag. Wertvollster Spieler der Liga und siebenfacher All-Star ist er gewesen - nur NBA-Champion eben nicht. Wird Nowitzki das nächste Mitglied im Club der Ringlosen?

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Für Normalsterbliche markiert der 30. Geburtstag einen Wendepunkt. Themen wie Kinder, Karriere und Torschlusspanik gewinnen an Bedeutung. Jedoch auch der durchschnittliche NBA-Star muss sich nach drei Jahrzehnten auf Erden, und meist mehr als einem in der stärksten Liga der Welt, Gedanken über seine berufliche Zukunft machen. Aktuelles Beispiel: Dirk Nowitzki.

In einer sich stetig verjüngenden Liga stehen Leistungsträger in seinem Alter immer öfter am Scheideweg. Das "championship window", also der Zeitraum, in dem ein Spieler körperlich in der Lage ist, seine Mannschaft zum Titel zu führen, schließt sich langsam. Der alternde Star hat nun zwei Möglichkeiten. Entweder bleibt er dem Team treu, hofft auf passende Zukäufe und den ersehnten Ring in den kommenden zwei, vielleicht drei Jahren. Oder er verlangt den Wechsel zu einem Titelkandidaten und hofft, so doch noch Meister zu werden.

Im Falle Nowitzkis könnte die erste Variante bedeuten: Die Mavericks müssen ihr Team verjüngen, sich auf den Positionen des Centers und des Power Forwards verändern und vor allem Jason Kidd auf der Aufbauposition besser integrieren. Nach dem Wechsel des Point Guards von den New Jersey Nets im Februar hatten Team, Fans und Medien große Hoffnungen in das vermeintlich letzte fehlende Stück zum Meisterschaftspuzzle gesetzt.

"Wir müssen diese Chance jetzt nutzen", hatte Nowitzki mit Blick auf die nahen Playoffs gesagt. Doch ein Spielsystem, das die Stärken Kidds - selbst jenseits der 30 und noch nie Meister gewesen - verpuffen ließ, brachte den Mavericks das Aus in der ersten Runde und Trainer Avery Johnson um seinen Job. Nachfolger Rick Carlisle reiste in der vergangenen Woche nach Deutschland, um ersten persönlichen Kontakt zu Nowitzki aufzunehmen.

Bequemer, durchaus gängig, aber nicht immer erfolgreicher ist die zweite Option. Diese umfasst den Wechsel zu einem Titelfavoriten, reduzierte Spielzeit, meist enorme Gehaltseinbußen - aber eben manchmal auch die Meisterfeier. Unvergessen ist Small Forward Glenn Robinson, der für die San Antonio Spurs 2005 im Alter vor 32 Jahren zwar nur neun Spiele machte, auf der Party nach dem 4:3 Final-Sieg gegen Detroit aber feierte, als hätte er das Team soeben allein zum Titel geworfen. Für Nowitzki käme diese wenig elegante Möglichkeit, wenn überhaupt, sicher erst in einigen Jahren in Frage.

Sollten beide Varianten nicht zum Erfolg führen, befände sich der Deutsche im illustren Club der NBA-Stars, die trotz beeindruckender Karrieren nie den Titel holen konnten. Prominentestes Beispiel der neunziger Jahre waren Karl Malone und John Stockton, die bei den Utah Jazz zwar Bestleistungen wie am Fließband produzierten - Stockton hält den Rekord für die meisten Assists und Steals, Malone ist zweifacher MVP und zweitbester Punktesammler der NBA-Geschichte - in den Playoffs scheiterten "Stockalone" jedes Mal.

Karl Malone bewies nach seinem Abschied von den Jazz, dass der Wechsel zu einem heißen Titelkandidaten eben nicht immer auch die Meisterschaft bedeuten muss. Zusammen mit Aufbauspieler Gary Payton heuerte Malone 2003 bei den Los Angeles Lakers an, die den Titel zuletzt dreimal in Folge gewonnen hatten. Doch die Finalserie gegen Detroit ging 1:4 verloren. "Der Titel war immer das ultimative Ziel", sagte der "Mailman" (so genannt, weil er Punkte so zuverlässig lieferte, wie der Postbote die Briefe) frustriert bei seinem Abschied aus der Liga.

Mit dem 4:2-Finalsieg gegen die Los Angeles Lakers sind Kevin Garnett, Paul Pierce und Ray Allen dem Schicksal entgangen, titellos in den Ruhestand gehen zu müssen. Für andere aktuelle NBA-Stars dagegen tickt die Uhr gnadenlos. Denvers Allen Iverson etwa gilt als einer der furchtlosesten Athleten der Liga, war trotz nur 1,83 Metern Körpergröße der wertvollste Spieler der Saison 2000/2001 und viermal bester Punktesammler der NBA. Bei seiner einzigen Finalteilnahme unterlag er 2001 mit den Philadelphia 76ers gegen die Lakers aus Los Angeles.

Nowitzki teilt mit Freund Nash das Schicksal

Aufbauspieler Steve Nash von den Phoenix Suns hat es trotz zweier MVP-Trophäen noch nicht einmal bis ins NBA-Finale gebracht. Der wertvollste Spieler der Jahre 2005 und 2006 scheiterte in den Playoffs bisher immer vorzeitig. Nowitzkis Ex-Teamkollege und guter Freund organisierte das rasante Angriffsspiel seiner Suns zwar immer ästhetisch ansprechend, Zählbares kam bisher aber nicht heraus.

Als ultimativer "Underachiever" könnte schließlich Tracy McGrady in die NBA-Geschichtsbücher eingehen. Bei sieben Playoff-Teilnahmen erreichte der Spieler der Houston Rockets noch nie die zweite Runde. Persönliche Erfolge - McGrady hatte die Liga 2003 und 2004 in Punkten angeführt - treten so in den Hintergrund.

Ob Nowitzki mit seinen nun 30 Jahren schon zum alten Eisen gehört und sich in die Riege der ringlosen Multimillionäre einreihen wird, hängt zum einen an der Personalpolitik der Mavericks in diesem Sommer. Zum anderen an der Frage, ob es Trainer Carlisle gelingt, eine Mavs-Mannschaft mit gekippter Teamchemie und ohne passendes Spielsystem wieder auf Meisterschaftskurs zu bringen.



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