Super Bowl Fragestunde mit göttlichem Beistand

Es ist eines der größten Sportereignisse der Welt. Beim Super Bowl sitzt fast eine Milliarde Menschen vor dem Fernseher. Als festes Ritual zu diesem Event gehört der "Media Day". Einige Tage vor dem Finale treffen sich Journalisten und Teams zu einem Tete-a-tete. Da bekommen sogar alte Haudegen der Medienbranche weiche Knie.

Von Daniel Killy, Jacksonville/Florida


Eagles-Star Owens: "Gott lässt mich spielen"
AP

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Es ist 10 Uhr morgens an diesem eher grau-kalten, unfloridianisch anmutenden Vormittag in Jacksonville. Erwachsene Medienprofis verhalten sich wie Teenager vor einem Popkonzert. Jeder versucht die beste Position vor dem Alltel-Stadium zu ergattern. Als die Tore geöffnet werden, trampelt eine wilde Horde Journalisten in den Innenraum des Stadions. Stative und Kameras wirbeln durch die Luft. In der Arena sitzen, in kleine Hochsitze gezwängt, artig aneinander gereiht, die Granden des Footballs. Zunächst die Philadelphia Eagles, Champion der National Football Conference (NFC). Eine Stunde lang stehen ausgewählte Stars der schubsenden und drängelnden Medienmeute Rede und - wenn es gut läuft - Antwort.

Die weniger prominenten Teammitglieder sitzen derweil auf der Tribüne, gucken zu ihren umlagerten Mitspielern hinüber und hoffen ihrerseits auf Aufmerksamkeit. Wenn sie nicht sitzen und auf Kundschaft warten, laufen sie zwischen den Medienvertretern umher und filmen ihresgleichen beim Filmen der Journalisten. Die wiederum holen dann schnell ein Kamerateam herbei, um aufzunehmen, wie die Sportler die Medienmenschen filmen.

Vorbereitungen für den Super Bowl: Größtes Einzelsportereignis der Welt
REUTERS

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Wer die größten Journalistentrauben vor seiner Box vereinen kann, ist wichtig. Meist sind es die Quarterbacks, die den meisten Auftrieb verursachen - wohl deshalb, weil man ihnen als Spielmachern auch zutraut, Wortführer zu sein. Die größte Aufmerksamkeit bei den Adlern von der Ostküste wird in diesem Jahr allerdings nicht Quarterback Donovan McNabb zuteil, sondern Wide Receiver Terrell Owens, dessen Knöchelverletzung ganz Philadelphia und halb Amerika um seinen Einsatz in der brisanten Begegnung am Sonntag (24 Uhr MEZ, live in Premiere) bangen lässt.

Die Eagles haben die Super Bowl noch nie gewonnen, nur einmal konnte Philadelphia das seit 1967 ausgetragene Finale zwischen dem AFC-Sieger und dem Champion der National Fotball Conference (NFC) erreichen. Das ist inzwischen 24 Jahre her, umso wichtiger wäre es, dass Owens beim Super Bowl XXXIX eingesetzt werden kann. Zwar ist der Starprofi seit einigen Tagen wieder im Training, doch noch hat ihm die medizinische Abteilung des Clubs keine Spielgenehmigung erteilt.

Patriots-Ass Brady: Auch in Meteorologie bewandert
DPA

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Kein Hinderungsgrund für Owens. "Ich werde spielen", verkündet der 31-Jährige, "ich habe zwar Respekt vor der Entscheidung unserer Ärzte, aber ich habe den besten Arzt, den man sich vorstellen kann - Gott. Und der lässt mich spielen." Die Traube vor Owens Kabuff kann es kaum glauben: Eine richtig exklusive Botschaft war das. Gott möchte, dass Owens spielt. Da Gott aber für Rückfragen gerade nicht zur Verfügung steht, bleiben doch letzte Zweifel an Owens Aussage. Auch daran, dass er jetzt zwar nur 81 Prozent fit sei, am Sonntag hingegen 181-prozentig. Bei solchen Zahlen können eigentlich auch nur höhere Kräfte im Spiel sein.

Philadelphias Nummer 17, Carlos Gomez, sitzt auf der Tribüne, guckt dem ganzen Treiben zu und rückt die Dinge um Owens ganz pragmatisch zurecht. "TOs Karriere neigt sich dem Ende entgegen. Es ist doch klar, dass er spielen möchte. Ich kenne ihn auch privat. Er ist kein Egoist, er will nur spielen." Ein klassisches Media-Day-Statement. Genauso wie diese trotzig hinterher geschobene Botschaft: "Wir sind hier, um zu gewinnen."

Philadelphia-Profis: Sportler fragen Sportler
AP

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Angesichts solcher Statements ist es für den CBS-Kollegen ein harter Job, seine News für die Fernsehgemeinde mit harten Fakten zu garnieren. Dann wird es auch schon langsam Zeit, Abschied von den Eagles zu nehmen. Wie schnell eine Stunde doch vorübergehen kann. Nur gut, dass nach all der investigativen Anstrengung jetzt der Brunch lockt, das heimliche zweite Drittel des Media Days. Denn nun ist es allmählich Zeit für das aufregendste aller Rituale.

Neben dem Verzehr von Muffins, Bacon und Würstchen kommt es zum Showdown Kollegen gegen Kollegen. Alycia Lane von CBS interviewt Heiko Mattys und Jürgen Nitsch von RTL New Media. Zu ihrem Glück hat auch Martin Derler von den "Oberösterreichischen Nachrichten" ein offenes Ohr für sie. "Interessiert man sich in Österreich für Football?" Was soll der arme Kollege bloß antworten? Dass er den weiten Weg nach Jacksonville nur auf sich genommen hat, obwohl daheim niemand Anteil an seinen Artikeln nimmt?

Alltel Stadium in Jacksonville: Gigantische Veranstaltung
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Elegant umschifft Derler die Klippe und bejaht die Frage einfach und nonchalant. "By the way, which city are you from?", will die alerte Alycia noch wissen. "Linz" antwortet Derler wahrheitsgemäß. "Oh, these guys from Linz", fügt der Kameramann hinzu. Derweil bedauern andere lautstark, dass "Miss TV Azteca" vom gleichnamigen mexikanischen Sender dieses Jahr den Weg nicht zum Media Day gefunden hat - jene mit kürzestem Rock und anderen medienwirksamen Attributen ausgestattete Dame, die die Reporterschar in den vergangenen Jahren durch ihre bloße Anwesenheit beglückte.

Zum Trost hält der Fernsehsender Fox ein Stockwerk höher Hof. Dessen Starjournalistenriege, gespickt mit ehemaligen Footballgrößen, lässt sich von den weniger prominenten Medienvertretern interviewen, was sie denn wohl so am Sonntag alles moderieren werden. Weltweit rund eine Milliarde Menschen werden sich das Spektakel im Fernsehen vermutlich angucken.

Dekoration: Geschäumte Statuen fürs Finale
AP

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Das Schlussdrittel des Media Days ist dieses Mal Titelverteidiger New England Patriots gewidmet. Alles ist wie am Vormittag, nur die Trikots sind anders. Und die Statements haben jetzt deutlich mehr Gewicht. Tom Brady, der smarte Quarterback des zweimaligen Super-Bowl-Siegers (2002 und 2004), der zum dritten Mal in vier Jahren das Endspiel erreichte, gibt zu bedenken, dass sein Golfspiel sehr gelitten habe, was aber am unsteten Wetter in New England liege. Wie gut, dass sich vor dessen Box die größte Traube gebildet hat, sonst wäre diese Neuigkeit womöglich verloren gegangen.

Die Jungs vom deutschen Pay-TV-Sender Premiere mühen sich, einem Spieler der Patriots den Aufsager "Viel Spaß beim Superbowl mit Premiere" abzuringen. "And now once more please." Das war jetzt aber wirklich mal eine Exklusiv-Beobachtung, genauso wie das Bemühen eines mexikanischen Kollegen, mittels Puppenspiel etwas Substanzielles aus seinem Gegenüber herauszubekommen. Oder das Originalzitat von Eagles-Quarterback Donovan McNabb: "Der Media Day ist eine Stunde Ablenkung und Spaß - aber dann geht's wieder um den Sport." Ach ja, Sport - war da nicht was?

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