Superbowl-Aufregung Und der Sieger heißt... Detroit

Heute Nacht spielen in Detroit die Seattle Seahawks gegen die Pittsburgh Steelers. Dabei fokussieren sich die Blicke der Millionen Football-Fans auf einen Spieler, der in seinem Heimatort den ersten großen Triumph im letzten Spiel seiner Karriere feiern will.

Von Tobias Pox, Detroit


Der Superbowl thront in Detroit über allem, das verrät nicht zuletzt der Blick auf das Renaissance Center: An der Fassade des höchsten Gebäudes der Stadt hängt seit Wochen ein Banner mit dem offiziellen Endspiel-Logo, das sich über nicht weniger als 21 Stockwerke erstreckt. Aber was sind schon Wochen?

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Superbowl: Wenn die Haare zu Berge stehen

Die "Detroit Free Press", das auflagenstärkste Blatt der "Motor City", zählt seit einem Jahr aufgeregt die Tage bis zum Showdown runter. Nun ist es endlich soweit: Heute Nacht tragen die Pittsburgh Steelers und die Seattle Seahawks im schmucken Ford Field die 40. Auflage jenes Happenings aus, das wie kein anderes Show und Sport vereint.

Eigentlich passt es überhaupt nicht, dass das größte und bunteste Einzelsport-Spektakel der Welt ausgerechnet in Detroit ausgetragen wird, schließlich gilt die Stadt als eine der ärmsten, kriminellsten und heruntergekommensten in den USA. Doch die verrufene Autometropole hat es geschafft, sich für das Großereignis in einem ungewohnt festlichen und hübschen Gewand zu präsentieren. Das sonst so schmuddelige, triste Stadtbild ist, zumindest im unmittelbaren Zentrum, derart aufgemotzt worden, dass selbst viele Ortsansässige ihre Heimat nicht wiedererkennen. "Es ist egal, wer im Footballspiel am Sonntag siegt, der klare Gewinner dieses Superbowls ist die Stadt Detroit", verkündete Bürgermeister Kwame Kilpatrick jüngst mit geschwollener Brust.

Das Stadtoberhaupt hat Recht. Denn neben dem optischen Aufschwung darf sich Detroit ebenfalls über einen warmen Geldregen freuen. Geschätzte 130.000 Besucher halten sich an diesem Wochenende in der Stadt auf und werden für Übernachtungen, Essen und Trinken sowie Souvenirs viel Geld ausgeben. Optimistischen Prognosen zufolge könnte sich der Gesamtumsatz für die lokale Wirtschaft auf bis zu dreihundert Millionen Dollar belaufen. Für einen Ort, in dem über ein Drittel der Bewohner unter der Armutsgrenze leben, ist das mehr als nur ein Sechser im Lotto.

Die breite Masse der US-Bevölkerung interessiert sich derweil, im Gegensatz zu Mr. Kilpatrick, brennend für den Ausgang des Spiels. Die allgemeinen Sympathien gelten dabei eindeutig Pittsburgh. Die Mannschaft qualifizierte sich als letzte in ihrer Conference für die Meisterschaftsendrunde und musste deshalb einen beschwerlichen Weg ins Finale bestreiten: Alle drei Playoff-Begegnungen waren Auswärtsspiele.

Warten auf die Werbepause

Das Endspiel ist jedoch wie eine Heimpartie für den Traditionsclub, der bereits viermal im Superbowl triumphierte, denn Pittsburgh liegt nur viereinhalb Autostunden von Detroit entfernt. Seattles Fans sind zwar ebenso schnell am Ziel, allerdings nur per Flugzeug. Dementsprechend werden im Stadion die gold-schwarzen Vereinsfarben der Steelers überwiegen. Und überall sind die berühmten "Terrible Towels" zu sehen, jene gleichnamig beschrifteten Handtücher, die seit Mitte der Siebziger Jahre bei Pittsburgh-Anhängern Kult sind.

Der Hauptgrund, warum offenbar jeder plötzlich ein Steelers-Fan ist, heißt aber Jerome Bettis. Der 33-jährige Ballträger mit dem eingängigen Spitznamen "The Bus" beherrscht die Schlagzeilen in den USA. Die "Sports Illustrated" machte ihn zuletzt innerhalb von nur drei Wochen gleich zweimal zum Titelbild.

Tobias Pox, 1972 in Hamburg geboren, lebt seit Sommer 2005 in Detroit und arbeitet dort als freier Journalist. Pox kaufte sich 1989 bei seinem ersten Besuch in den USA ein T-Shirt der L.A. Lakers und kam nicht mehr von seiner Leidenschaft für Basketball los. Es ärgert ihn noch immer, dass der ehemalige NBA-Profi Detlef Schrempf ("Bester deutscher Import seit dem Volkswagen") ohne Meisterschaftsring abtreten musste.
Der Anlass für den Trubel? Der sympathische Bettis, der bei Fans, Spielern und Medien gleichermaßen beliebt ist, pflügt seit dreizehn Jahren mit seinem bulligen Körper durch die Liga, wird seine Karriere jedoch höchst wahrscheinlich nach dem Endspiel beenden. Dass er zum Abschied die Gelegenheit erhält, ausgerechnet in seiner Heimatstadt den ersten Titel zu gewinnen, ist natürlich filmreifes Drehbuchmaterial. "Jerome nach Detroit zu bringen, war das ganze Jahr über mein Antrieb", sagt Pittsburghs Quarterback Ben Roethlisberger, "die ganze Mannschaft freut sich so sehr für ihn."

Ob die rührende Geschichte ihr Hollywood-reifes Happyend findet, wird allein in den Vereinigten Staaten von rund 145 Millionen Fernsehzuschauer verfolgt werden. Ebenso interessant wie der sportliche Aspekt ist für viele TV-Gucker indes, was in den Spielunterbrechungen passiert, denn der Superbowl gleicht traditionell einer Werbemesse. Renommierte Großunternehmen wie Pepsi, Budweiser oder Burger King nutzen jedes Jahr die Gunst der immens hohen Einschaltquote und trumpfen mit innovativen neuen Spots auf.

Laut Umfragen schauen sich knapp 33 Millionen Amerikaner das Finale nur wegen der Werbung an. Wie viele US-Bürger nur wegen der Halbzeit-Show einschalten, ist nicht überliefert. Es werden aber auch diesmal nicht wenige sein, immerhin treten die Rolling Stones auf.



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