US-Baseball Finale der Antihelden

Die Tampa Bay Rays sind zum ersten Mal in den Playoffs, der einzige Titel der Philadelphia Phillies liegt 28 Jahre zurück: In der World Series spielen zwei Teams um die US-Baseball-Meisterschaft, die bislang vor allem Erfolglosigkeit verband. Dennoch könnten sie zu Trendsettern werden.

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Akinori Iwamura von den Tampa Bay Rays sah den Ball auf sich zukommen. Jed Lowrie von den Boston Red Sox hatte ihn geschlagen. Es war der letzte Versuch des Titelverteidigers, das entscheidende siebte Spiel um den Finaleinzug in der Major League Baseball (MLB) zu drehen. Vergeblich.

Als Iwamura den Ball mit seinem Handschuh aufnahm, riss Rays-Werfer David Price jubelnd die Arme hoch. Er sah, wie Iwamura die wenigen Meter zur Second Base rannte und sie mit seinem linken Fuß berührte. Ein kleiner Schritt für Iwamura, ein großer für die Rays. Mit dieser Bewegung schickte er die Mannschaft zum ersten Mal in der Teamgeschichte in die World Series.

"Ich dachte, dass wir gut sein würden, aber das hätte ich in einer Million Jahren nicht erwartet", sagte Price' Kollege Scott Kazmir. Zuvor hatten die Rays es nie auch nur geschafft, mehr als 70 der 162 Saisonspiele zu gewinnen. Und nun hat das Team aus Florida die Chance, als erster Club der MLB-Geschichte den Weg "from worst to first" - vom schlechtesten Team der Liga in einem Jahr (66 Siege und 96 Niederlagen) zum Meistertitel im folgenden Jahr - zu schaffen. Das wäre so, als ob Arminia Bielefeld, in der vergangenen Saison als 15. der Bundesliga nur knapp am Abstieg vorbeigeschrammt, in dieser Saison Meister würde.

So überraschend der Siegeszug der Rays kommt, er ist kein Zufall. Das Team hat laut Fachmagazin "Baseball America" das beste Nachwuchssystem der Liga - und ein Auge für Talente. Der 23-jährige Price verteidigt im entscheidenden Spiel den Vorsprung, der 24-Jährige B.J. Upton ist das Herzstück der Offensive. Werfer Matt Garza, 23, wurde zum wertvollsten Spieler der Halbfinalserie, Evan Longoria schlug in seiner ersten Saison als Profi 27 Homeruns.

Mit Joe Maddon haben die Rays zudem einen unkonventionellen, taktisch klugen Trainer, der seinen größtenteils Playoff-unerfahrenen Spielern Sicherheit gibt. Auch deshalb blieb das Team nervenstark, als es zunächst im fünften Spiel der Halbfinalserie gegen die Red Sox nach einer 7:0-Führung noch 7:8 verlor und in Partie sechs ebenfalls den Kürzeren zog (2:4).

Der Erfolg der Rays ist die logische Folge der erfolgreichen Förderungs- und maßvollen Einkaufspolitik. Ein Meistertitel für das Team aus Florida hätte angesichts der Finanzkrise hohen symbolischen Wert - als Sieg der sparsamen Kleinen über die verschwenderischen Großen: Tampa Bay besiegte die finanziell deutlich potenteren Teams der Chicago White Sox (121 Millionen fürs Personal) und der Boston Red Sox (133 Millionen). Der Finalgegner aus Philadelphia gibt mit 98 Millionen mehr als zweimal so viel aus wie die Rays. Sollte Tampa Bay die Phillies schlagen, wäre das ein starkes Signal an den Rest der Liga: Seht her, mit wenig Geld, aber viel Sachverstand sowie guter Spielerausbildung und -entwicklung geht es auch.

Philadelphia: Erinnerung an peinliche Playoff-Auftritte

Während die Rays ihre uramerikanische Geschichte vom Siegeszug des Außenseiters schreiben wollen, kämpft der Finalgegner aus Philadelphia gegen seine eigene. Die Stadt sehnt sich nach einem Sieger. Als letztes Team aus einer der vier großen Ligen holten die Basketballer der 76ers 1983 eine Meisterschaft nach Südost-Pennsylvania. In ihrer 125-jährigen Geschichte haben die Phillies gerade mal einen Titel gewonnen - 1980. Drei Jahre darauf und noch einmal 1993 verloren sie im Finale. Danach verpassten sie bis 2007 die Playoffs, wo sie in der ersten Runde klar 0:3 gegen die Colorado Rockies verloren.

Auch wegen Erinnerungen wie der an den peinlichen Playoff-Auftritt in der vergangenen Saison spielen die Phillies nicht nur um den Titel, sondern auch gegen ihr Verlierer-Image. Bislang klappt es: Sie setzten sich in der ersten Runde 3:1 gegen die Milwaukee Brewers und im Halbfinale gegen die Los Angeles Dodgers 4:1 durch - fast zu einfach. Weil die Best-of-Seven-Serie schon nach fünf Partien entschieden war, hatten die Phillies sechs Tage Pause. Das kann ein großer Nachteil sein, wie sich im vergangenen Jahr zeigte. 2007 hatten die Colorado Rockies vor der World Series gegen Boston sogar acht Tage Pause, fanden in den Finalspielen nie ihren Rhythmus und verloren glatt in vier Partien.

Das will Philadelphia unbedingt vermeiden. Trainer Charlie Manuel sorgt dafür, dass seine Mannschaft im Takt bleibt. "Er beschäftigt uns, das ist gut", sagt Second Baseman Chasey Utley. Rhythmus ist für die Offensivasse der Phillies besonders wichtig. Das Team schlug 214 Homeruns - die meisten in der National League. Utley allein schaffte 33, ebenso wie Left Fielder Pat Burrell. First Baseman Ryan Howard kam sogar auf 48.

Nun muss die Mannschaft nur ihre Lockerheit bewahren - und vergessen, dass Tampa Bay während all seiner Jahre des Verlierens gegen sie mehr Siege (zehn) holten als Niederlagen (fünf). Vielleicht sollten sich die Phillies vor Augen führen, dass sie trotz dieser negativen Bilanz und ihrer Playoff-Vergangenheit in einer Hinsicht nahezu so unbelastet wie die Rays in die erste Finalpartie gehen können: Phillies-Ersatz-Outfielder So Taguchi ist der einzige Spieler beider Teams, der in einer World Series schon einmal einen Treffer hatte.



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