Vince Carter Air Canada fliegt wieder

Er ist ein menschliches Naturereignis und Sprungwunder: Vince Carter. In Toronto wurde er mit spektakulären Flugeinlagen zum NBA-Superstar. Doch der Club trat auf der Stelle, und Carter wurde ungeduldig. Er forcierte seinen Wechsel zu den New Jersey Nets - und ist in einer neuen Heimat besser als je zuvor.

Von Sven Simon


Nets-Forward Carter: Gewisse Materialverachtung
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Nets-Forward Carter: Gewisse Materialverachtung

Es ist noch fast eine Stunde bis zum Spiel gegen Philadelphia. Die ersten Fans der New Jersey Nets schlendern in die Halle. Unten auf dem Feld sehen sie einen einzigen Spieler, der wirft. Es ist Vince Carter. Er albert rum. Zuerst versucht er, den Ball von der Mittellinie in den Korb zu befördern - per Bodenpass. Als er trifft, lacht er. Die wenigen Zuschauer klatschen. Die ersten Rufe werden laut: "Vince, zeig uns ein paar Dunks." Carter lacht und winkt ab. Gleich wartet ein Spiel auf ihn. Er will sich vorbereiten. Er stellt sich an die Dreierlinie und trifft zwölf Distanzwürfe in Folge. Später, beim Anlaufen mit den Teamkollegen, singt und tanzt er zur Musik, die aus den Lautsprechern scheppert. Er ist glücklich.

Im Dezember 2004 sah das noch anders aus. Damals spielte der Forward noch für die Toronto Raptors und trug er zum Anlaufen einen "iPod", um sich von der Außenwelt und seinen Problemen abschotten. Saß er im Spiel auf der Bank, bedeckte ein Handtuch seinen Kopf. Im Sommer zuvor hatte er darum gebeten, den Verein verlassen zu dürfen. Zum ersten Saisonspiel wurde er von den Raptors-Fans daraufhin mit Buhrufen begrüßt. "Er war sehr unglücklich, fragte oft, ob er wirklich zum Training gehen müsse", sagt seine Frau Ellen. Nach einem Spiel gegen die Sixers lieferte er sich mit Coach Sam Mitchell angeblich eine Prügelei in der Kabine.

Carters Spiel war so mies wie seine Stimmung. In den ersten 20 Spielen der Saison machte er nur 15,9 Punkte im Schnitt - der schlechteste Wert seiner Karriere. Dann verschwand er mit Problemen an der linken Achillessehne auf der Verletztenliste. "So hatte ich Vince noch nie gesehen", sagt Antawn Jamison, sein bester Kumpel aus alten Collegezeiten bei North Carolina. "Eine Sache bei ihm war, dass er - egal, was es für Probleme außerhalb gab - immer zum Basketball flüchten und das Spiel genießen konnte. Aber in dieser Zeit war ihm das nicht mehr möglich. Es war hart, all diese schlimmen Geschichten über ihn zu hören."

Ein gewisser Grad an Materialverachtung

Heute, nur gut vier Monate nach dem Trade, ist Carter wieder der Alte. Anfang Februar macht er gegen Detroit 41 Punkte und zwei Tage später 43 Punkte gegen Philadelphia. Noch mal vier Tage später erneut 43 Punkte gegen die San Antonio Spurs. Auch seine Dunks, die Markenzeichen des sprunggewaltigen Flügelspielers, haben wieder dieses gewisse Maß an Materialverachtung, was die Korbanlage betrifft. Gegen die Los Angeles Lakers zeigt er einen 360-Grad-Layup, bei dem er sich im Sprung um Brian Cook drehte und dann mit einem Fingerroll vollendete. Selbst in Zeitlupe ist nicht zu verstehen, wie ein Mensch so etwas in der Luft machen kann.

Spielmacher Kidd (l.): Vorreiter für Carter
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Spielmacher Kidd (l.): Vorreiter für Carter

Aber in New Jersey zeigt Carter plötzlich, dass er auch andere Qualitäten hat. "Vince öffnet das Spiel für uns", sagt Spielmacher Jason Kidd. "Ich bekomme viel mehr freie Würfe." Auch bei den Rebounds versucht der 28-Jährige, "ein bisschen was in die Statistik zu schreiben". Carters Spiel ist komplett, wie vor fünf Jahren zu seiner besten Zeit in Toronto. In 55 Spielen für die Nets kommt er auf 27,4 Punkte, knapp 6 Rebounds und 4,7 Assists. "Du kannst nicht einschätzen, was er dir alles gibt, bis du ihn für dich hast spielen sehen", sagt Nets-Coach Lawrence Frank. "Ich wusste nicht, dass er so ein guter Passgeber ist. Er hat mehr Überblick als die meisten anderen Spieler." Und er übernimmt Verantwortung. Gegen Cleveland trifft er zwei Dreier in der Schlussphase und sichert den Sieg.

Flugstunden mit Air Canada
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Vince Carter: Flugstunden mit Air Canada

Doch obwohl Carter wieder zurück auf seinem Niveau zu sein scheint, hagelt es weiter nur Kritik aus den Medien. Er werde als einer der Spieler in die Geschichte der NBA eingehen, der am weitesten unter seinen Möglichkeiten blieb, prophezeite Tim Legler, früher selbst Profi und nun TV-Kommentator. In der Woche, als er zum Starter beim All-Star-Game ernannt wurde, erzielte er seinen 10.000 Punkt in der Liga und wurde zum Spieler des Monats Februar in der Eastern Conference gewählt. "Es geht nicht darum, was Vince für die Offense der Nets tut, sondern es get darum, was die Offense der Nets für Vince tut", sagte der ESPN-Kolumnist und frühere NBA-Guard Greg Anthony. "Er ist kein Anführer. Er ist mental nicht so stark, wie man sich das von einem Anführer wünschen würde. Aber jetzt hat er ja mit Kidd jemanden, der ihm voran reitet."

Frust siegt über Motivation

Carter im Raptors-Trikot: Flugshow sondergleichen
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Carter im Raptors-Trikot: Flugshow sondergleichen

Die Kritik resultierte vor allem aus Carters Äußerungen kurz nach seinem Wechsel zu New Jersey. In einem Interview hatte er eingeräumt, aus Frust bei den Raptors nicht immer alles gegeben zu haben. Wasser auf die Mühlen derer, die ihn immer schon für ein eindimensionales Sprungwunder gehalten haben. Dass er kurz danach beteuerte, dass seine Äußerungen aus dem Kontext gerissen worden seien, konnte die Wucht der Anklagen nur unwesentlich mindern. Prominentester Kritiker war Charles Barkley, der Carter im Fernsehen mit seinen Sprüchen regelmäßig niedermachte. In den vergangenen Monaten verurteilten ihn zudem sein alter Teamkollege Antonio Davis, Raptors-Trainer Mitchell und Hall-of-Fame-Trainer John Thompson. Vince Carter niederzumachen war zeitweise das liebste Hobby der Basketball-Interessierten in aller Welt.



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