Gewalt und Missbrauch im Spitzensport Jetzt hilft sich Deutschlands Sportelite selbst

»Haben hohen Bedarf«: Der Spitzensport hat ein Problem mit Gewalt und Missbrauch. Das System ändert sich nicht von allein. Dafür gibt es jetzt eine Anlaufstelle. Sie arbeitet anonym, unabhängig und, ja, parteiisch.
Kreidefußspuren auf der Turnmatte: Zuletzt hatten vor allem Missstände und Übergriffe im deutschen Turnen für Aufsehen gesorgt

Kreidefußspuren auf der Turnmatte: Zuletzt hatten vor allem Missstände und Übergriffe im deutschen Turnen für Aufsehen gesorgt

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Julian Finney / Getty Images

»Anlauf gegen Gewalt« – unter diesem passend aktiven Titel hat der Verein Athleten Deutschland am Montag eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt im Spitzensport in Betrieb genommen. Es ist das erste Angebot dieser Art außerhalb der Verbandsstrukturen im deutschen Spitzensport.

Und es war offenbar dringend notwendig.

Immer wieder sind in den vergangenen Jahren Missstände, Gewalttaten und Missbrauchsfälle im Spitzensport ans Licht gekommen. Unter anderem berichtete der SPIEGEL über Betroffene im deutschen Turnen , Boxen und Schwimmen . Auch international gab es immer wieder Fälle wie etwa die vielen Sexualstraftaten von Larry Nasser, dem langjährigen Arzt der US-Turnerinnen um Superstar Simon Biles.

»Wir haben einen hohen Bedarf gesehen«, sagte Vereins-Vizepräsident Tobias Preuß bei der Vorstellung der Anlaufstelle. Bereits seit Bekanntwerden der Pläne hätten sich verstärkt Betroffene bei Athleten Deutschland gemeldet, etwa ein bis zwei pro Monat. »Das hat uns gezeigt, wie wichtig das Thema ist und dass wir schnell handeln müssen«, sagte der ehemalige Wasserballer Preuß. Tatsächlich sind von der Idee bis zum Start nur rund 15 Monate vergangen.

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Natürlich weiß Athleten Deutschland schon sehr viel länger, wie relevant das Thema Gewalt und Missbrauch im Sport ist. So habe die Studie »Safe Sport« bereits 2017 gezeigt, dass von 1800 befragten Kaderathletinnen und -athleten 30 Prozent physische, 37 Prozent sexualisierte und über 86 Prozent psychische Gewalt erfahren haben. Das Thema gehört daher vielmehr zum Gründungsansatz, mit dem die Vertretung der deutschen Kaderathletinnen und -athleten 2017 angetreten ist: Sportlerinnen und Sportlern faire, saubere und sichere Rahmenbedingungen zu bieten, indem sie ihr Potenzial entfalten können.

Worauf Preuß sich mit dem »hohen Bedarf« vor allem bezieht, liegt in der Unabhängigkeit der neuen Anlaufstelle begründet. Denn: Bisher konnten sich Sportlerinnen und Sportler entweder an interne Beratungsstellen ihres Vereins, Stützpunkts oder Verbands wenden, oder eben Angebote außerhalb des Sports nutzen. Beides, das zeigte sich Athleten Deutschland in Gesprächen mit Betroffenen schnell, ist häufig unzureichend.

So sei der Gedanke, sich etwa an den eigenen Verband zu wenden, oftmals mit Ängsten verbunden, dass einem dort nicht geglaubt oder dass dort nicht ausreichend im Sinn der Betroffenen gehandelt werde. Vielen Fällen sei in der Vergangenheit gar nicht erst nachgegangen worden. »Für mich als Athletin ist es super wichtig zu wissen, dass ich hier Menschen habe, die komplett hinter mir stehen, die sich für mich einsetzen, und dass ich die Hilfe, die ich benötige, auch bekomme – und das alles unabhängig vom Verband, der mich vertritt«, sagte Präsidiumsmitglied Léa Krüger.

Außerdem, und auch das ist Athleten Deutschland wichtig: Während viele Hilfsangebote sich an Betroffene sexualisierter Gewalt richten, geht es der Athletenvertretung um jede Form von Gewalt, körperlich, seelisch oder sexualisiert. »Alles, was die AthletInnen als übergriffig empfinden, ist Grund genug, sich zu melden«, sagte Krüger.

Standard statt Dschungel

Preuß wies zudem auf strukturelle Defizite bei verbandsinternen Angeboten hin, die mit dieser Anlaufstelle adressiert worden seien: »Die Stellen sind regional sehr unterschiedlich besetzt und nicht flächendeckend von gleicher Qualität und gleicher Quantität vorhanden«, so Preuß. Betroffene berichteten zum Beispiel von einem regelrechten Dschungel und viel undurchsichtigem Hin und Her von einer Person zur nächsten. »Da haben wir jetzt einen standardisierten Prozess geschaffen, der gleichbleibend sicherstellt, dass allen die Hilfe und Unterstützung zukommt, die sie sich vorstellen und vor allem wünschen«, sagte Preuß.

Wie dieser Prozess aussieht?

Betroffene können sich telefonisch oder per E-Mail an die Beratungsstelle wenden. Bei Bedarf werde dann eine psychotherapeutische Erstberatung durch eine Traumatherapeutin und/oder eine rechtliche Beratung durch Anwältinnen vermittelt. Auf Wunsch werden die Betroffenen auch langfristig begleitet.

All das geht anonym, vertraulich, und, ja, parteiisch vonstatten (»Wir sind auf der Seite der Athletinnen und Athleten«). Und: »Es geschieht nichts ohne die Zustimmung der Betroffenen«, betonte Krüger. Außerdem sollen sich die Betroffenen in einem Netzwerk austauschen können. Auch das geht auf den Wunsch Betroffener zurück, die sich einerseits gern vernetzen, andererseits aber auch gern ihre Erfahrungen und ihr Wissen teilen möchten.

Anlauf gegen Gewalt

Anlauf gegen Gewalt  ist eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt im Spitzensport. Betroffene können sich per E-Mail oder telefonisch an die Anlaufstelle wenden.

Das Erstgespräch erfolgt anonym, die Schilderungen bleiben vertraulich. Die Anlaufstelle verweist bei Bedarf an Unterstützung aus einem Pool von geschulten Psychotherapeutinnen und/oder Rechtsanwältinnen. Eine weiterführende Begleitung ist auf Wunsch ebenso möglich.

So nehmen Sie mit Anlauf gegen Gewalt Kontakt auf:

Hotline: 0800 9090444, Sprechzeiten: montags 11 bis 14 Uhr und donnerstags 16 bis 19 Uhr

E-Mail: kontakt@anlauf-gegen-gewalt.org

Wer die Hotline anruft, landet bei Fachkräften des Vereins NINA, Träger des bundesweiten »Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch«. Hierfür seien die Mitarbeitenden speziell für die Besonderheiten des Spitzensports im Vergleich zu anderen Ökosystemen, in denen es zu Gewalt kommen kann, sensibilisiert worden. Für eine Welt also, in der der Grat zwischen positivem Vertrauens- und gefährlichem Abhängigkeitsverhältnis schmal ist. »Diese Grenzen, zwischen dem, was man vielleicht im Alltag schon als übergriffig wahrnimmt, die verschwimmen im Sport oftmals ein wenig mehr«, sagte Krüger.

Foto: Alex Livesey / Getty Images

Die Nähe zu Betreuungspersonen, falsch verstandene Loyalitäten – das sind Zustände, die Gewalt fördern können, und die in der Sportwelt »superpräsent« sind, wie es Preuß sagte. Das alles sei von außen oft nicht leicht zu verstehen. Hinzu kommt die der Sportwelt so eigene hohe Emotionalität, die Bereitschaft, für seine Träume alles zu geben, was wiederum auf die sehr tradierte Einstellung trifft, dass man sich doch einfach nur mal zusammenreißen muss, dass ein bisschen Schmerz eben dazu gehört, dass Erfolg einen Preis hat.

»In dieser Kultur ist es einfach unmöglich, dass sich von innen heraus Dinge ändern«, sagte Preuß mit Blick auf jene, die auch heute noch sagen: Es gibt doch schon die Anlaufstellen innerhalb der Verbände, wieso ist das überhaupt alles nötig?