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HANDBALL Verfall der Sitten

In der Damen- wie in der Herren-Bundesliga gilt: Wer beim Spielerhandel nicht mittrickst, bleibt auf der Strecke. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Eine magere Dreizeilen-Notiz in der »FAZ« elektrisierte die Handball-Manager des Dorfklubs TV Lützellinden: Die polnische Nationalspielerin Barbara Krefft hatte sich bei einem Turnier in Holland von ihrem Verein AKS Chorzow abgesetzt.

Sogleich starteten die Lützellindener eine große Fahndungsaktion nach der Republikflüchtigen, im Grenzdurchgangslager

Friedland hatten sie Erfolg. Barbara Krefft packte ihre wenigen Habseligkeiten in eine Plastiktüte und übersiedelte ins Hessische.

Auch das nächste Problem lösten die pfiffigen Vereinsvertreter schnell: Die Polin wurde bereits nach sechs Wochen in der Bundesrepublik eingebürgert, weil einer ihrer Vorfahren angeblich Deutscher war. Damit entfiel die aufgrund internationaler Regeln bei Verbandswechseln geltende einjährige Sperre.

Trotz Massenarbeitslosigkeit fand sich für Barbara Krefft schon bald ein Job - beim Arbeitsamt in Gießen. Wohnung, Auto, sogar den Ehemann stellte der Verein: Karl-Heinz Wenzl, Regionalligaspieler beim TV Lützellinden.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Dank der wurfgewaltigen Barbara Krefft erreichte der Klub in den beiden letzten Spielzeiten Rang zwei.

Offenbar ist im 1700-Einwohner-Ort Lützellinden der Polin Reiz unerreicht: Mit Barbara Garleja und Ilona Nawa stehen inzwischen zwei weitere polnische Nationalspielerinnen in der Mannschaft des Vizemeisters. Sie reisten zwar legal aus, auch kassierte ihr Handball-Verband für jede als Ablöse 10 000 Mark, dazu Trikots, Sportschuhe und Schreibmaschinen. Aber ausgetrickst wurden die Polen trotzdem.

Weil der polnische Verband wegen des Falles Krefft jede Zusammenarbeit mit dem TV Lützellinden verweigerte, traten dessen Nachbarvereine Heuchelheim und Kirchhof als Einkäufer auf. Sobald die Spielgenehmigung für Garleja und Nawa vorlag, wurden sie an Lützellinden weitergereicht.

Einen »Verfall der Sitten« im deutschen Handball beklagt Klaus Schorn, Manager des Meisterschafts-Favoriten in der Herren-Bundesliga, TuSEM Essen. Das geht gewiß nicht gegen die Lützellindener, deren Einfallsreichtum die Branche allenfalls schmunzeln läßt. Doch bei dem Bemühen, ihre Teams mit Spitzenathleten zu verstärken, geraten die Vereine sowohl in der Damen- wie in der Herren-Bundesliga oft an den Rand der Legalität, und auch darüber hinaus.

Handballspieler gelten in der Bundesrepublik als Amateure, denen der Fiskus eine monatliche Aufwandsentschädigung von 700 Mark zugesteht. »Völlig unrealistisch«, nennt diese Summe Heinz Jacobsen, Manager des Bundesliga-Krösus THW Kiel (über 6000 Zuschauer pro Heimspiel, mehr als eine Million Mark Jahreseinnahmen). Doch wenn die Vereine - offiziell - mehr zahlen, verlieren sie die Gemeinnützigkeit. Sie seien deshalb gezwungen, so der Manager des OSC Dortmund, Uli Büker, »auf dubiosen Wegen Geld waschen zu müssen«.

Oft kassieren Spieler von ihren Klubs Kilometergeld für Fahrten, die sie tatsächlich nie gemacht haben. Kosten werden berechnet für Sportkleidung, die sowieso die Ausrüsterfirma stellt. Ablösesummen (für die Vereine) sind nur bis zu 5000 Mark erlaubt, Handgelder (für die Spieler) überhaupt nicht. Im Deutschlandfunk vermutete jedoch der Fachjournalist Uwe-Bernd Herchen unlängst, beim Wechsel des Nationalspielers Michael Roth von München-Schwabing zum TV Großwallstadt seien 60 000 Mark über den Tisch gegangen.

Gezahlt wird immer netto, meist bringen Sponsoren das Geld auf. Längst verdienen die deutschen Handball-Stars unterm Strich nicht weniger als Fußball-Profis mittlerer Qualität. »Wer oben mitspielen will«, so der Dortmunder Büker, müsse versuchen, »die Konkurrenz zu überbieten oder auszutricksen«.

Vor Saisonbeginn vereinbarten Vertreter des Deutschen Handball-Bundes (DHB) und der Bundesligaklubs, Zahlungen an die Spieler so zu begrenzen: monatlich 300 Mark Mietzuschuß und 800 Mark Ernährungsbeihilfe, pro Spieltag 50 Mark und pro Trainingstag 25 Mark, dazu eine jährliche Unkostenpauschale von 6000 Mark. Der Gesamtbetrag ergibt im Monat rund 2500 Mark.

Um »endlich Steuerehrlichkeit herzustellen«, fordert der Kieler Jacobsen die Finanzminister auf, die Aufwandsentschädigung »auf mindestens 2000 Mark im Monat zu erhöhen«. Sein Manager-Kollege Büker geht noch weiter. Er drängt die DHB-Bosse, der Einführung des Profitums im Handball zuzustimmen.

»Dann macht man Verträge«, so Büker, »legt sie dem Finanzamt vor, und jeder zahlt ordentlich seine Steuern.« Jetzt laufe »die ganze Sache doch nicht sauber«.

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