Verlierer der Coronakrise im Sport »Ich vermisse den Geruch des Spieltags: Currywurst, Wunderkerzen, ungewaschene Trikots«

Maskottchen, Stadionsprecher, Allesfahrerin: Während der Profisport trotz Shutdown weitermacht, verlieren Menschen hinter den Kulissen den Job – und ein Stück ihrer Identität. Hier erzählen sie ihre Geschichten.
Im Feuervogel-Kostüm heizt Felix Schumacher eigentlich die Fans in der Halle von Hagen an

Im Feuervogel-Kostüm heizt Felix Schumacher eigentlich die Fans in der Halle von Hagen an

Foto:

Sebastian Sendlak

Felix Schumacher, 28, Maskottchen aus Hagen

»Eigentlich sorge ich als Maskottchen dafür, dass es laut wird, dass die Zuschauer klatschen, rufen, feiern. Doch weil viele Vereine von Zuschauereinnahmen leben, die nun fehlen, herrscht Stille in den Hallen. Für uns Glücksbringer ist seit März fast alles komplett auf null gefahren.

Um in einen normalen Beruf zurückzukehren, bin ich viel zu verrückt. Schon mit zwölf Jahren habe ich erstmals in einem Maskottchen-Kostüm gesteckt und wurde direkt in der zweiten Basketballliga engagiert. Mit 18 habe ich mich selbstständig gemacht und aus einem Hobby wurde eine eigene Firma mit einem Team von rund 25 Mitarbeitern. Ob als Hahn auf dem Eis oder als Teddy auf der Platte. Knapp 100 Charaktere haben wir bislang selbst produziert – nun lassen die Bestellungen auf sich warten.

Ich habe Soforthilfe vom Staat bekommen, darf sie aber nur für Fixkosten, nicht aber für den Lohn ausgeben. Mein Gehalt habe ich komplett auf das Minimum runtergefahren. Derzeit halte ich uns mit meinen Ersparnissen über Wasser. Aber aufgeben ist keine Option.

Besonders verwirrend ist es, dass es in jeder Sportart andere Corona-Beschränkungen gibt. Ein Beispiel: Während ich in der ersten Basketballliga als Maskottchen aufs Spielfeld darf, aber fünf Meter Abstand halten muss, darf ich wiederum in der zweiten das Spielfeld nicht betreten. Nach dem Spiel ist auch das Duschen nicht mehr erlaubt und das ist unter einem Kostüm, in dem es bis zu 50 Grad werden kann – gerade in Corona-Zeiten – ganz schön unangenehm. Nur herumstehen und winken geht dann natürlich auch nicht.

Aber wie früher auf Basketballkörbe klettern, auf Eismaschinen herumfahren oder auf das Geländer steigen – das fällt komplett weg. Dabei lechzen die Leute nach Unterhaltung und es ist doch genau jetzt die perfekte Zeit für eine Ladung gute Laune. Besonders für die Kinder fällt ein Freund weg. Oftmals kommen sie nur für das Maskottchen, weil sie sich im jungen Alter damit am besten identifizieren können. Einmal traf ich auf einen Jungen, der mir stolz ein nachgebasteltes Kostüm präsentierte. Für das Kind war ich dem Moment der beste Freund, ein Idol. Da hatte ich tatsächlich Tränen in den Augen. Es ist einfach viel mehr als nur ein Job.«

Kristian Peters-Lach, 40, Stadionsprecher der Krefeld Pinguine

Auch ohne Publikum versucht Hallensprecher Kristian Peters-Lach Stimmung auf dem Eis zu entfachen

Auch ohne Publikum versucht Hallensprecher Kristian Peters-Lach Stimmung auf dem Eis zu entfachen

Foto: Dr. Christoph Jürgens

»Der DJ und ich legen sozusagen das Streichholz unter die Lunte, und dann startet die Rakete. So läuft es normalerweise bei den Heimspielen der Krefeld Pinguine. Bei uns in der Halle steht die berühmte Nordtribüne mit 2500 Fans. Wenn die Kurve loslegt, wackelt die Hütte.

Nun wird es eine ganze Saison lang Geisterspiele geben. Ich war bei mehr als 500 Spielen dabei, 2004 wurde ich mit 24 Jahren der jüngste Stadionsprecher der Liga. Beim Vorbereitungsturnier im November hatte ich meinen ersten Corona-Einsatz – es war eine sehr, sehr komische Situation.

Außer den Teams waren nur Journalisten da. Trotzdem war ich nervöser, als wenn Fans in der Halle gewesen wären. Wie vor einer Rede auf einem Familiengeburtstag mit den engsten Verwandten. Jetzt war es der engste Kreis um die Mannschaft, die ich fast neun Monate nicht gesehen hatte.

Ich habe trotzdem versucht, es wie immer zu machen: Spielstände durchgesagt, Strafzeiten, die Torschützen. Man muss natürlich gucken, dass es nicht albern wird. Bei Toren brülle ich die Spielernamen nicht so laut wie sonst. Mit einer gewissen Inbrunst ja, aber nicht in der üblichen Intensität. Ich versuche einen Weg der Mitte zu finden – man hat ja trotzdem Fernsehzuschauer, die einen an der Sprechmelodie wiedererkennen.

Normalerweise setze ich viel auf Interaktion. Das fällt nun leider komplett weg. Es gibt beispielsweise ein Anfangsritual: Zu ›Let me Entertain you‹ von Robbie Williams laufe ich aufs Eis, die Halle ist komplett dunkel, nur ein Spot ist auf mich gerichtet. Nach und nach begrüße ich die Tribünen: ›Halloooo Krefeld‹ – ›Hallo Kristian‹ kommt es üblicherweise zurück.

Jetzt ist es so, als würde ich in eine leere Lagerhalle rufen. Ich habe zwar Resonanz, der Schall hallt zurück von den Banden und Wänden, aber es ist für mich wie ein leeres Echo. So, als ob man in eine Dose sprechen würde.

Es fehlt der Jubel, das Raunen, die Pfiffe. Dem Sport fehlt das Feuer. Es gibt zwar schönes Eishockey, aber weniger krachende Checks und Geschubse vor dem Tor. Die Fans holen sonst die Extraprozente aus den Spielern raus.

Was ich noch vermisse: den Geruch des Spieltags. Nach Currywurst, Wunderkerzen, dem einen oder anderen ungewaschenen Trikot. Und die Wärme von durchschnittlich 5500 Zuschauern. Auf dem Eis ist es kalt, minus fünf Grad, ich sitze unten direkt an der Bande. Um mich aufzuwärmen, gehe ich jetzt in den Drittelpausen im Umlauf joggen, da habe ich leider nichts mehr zu tun. Vielleicht wird 2021 mein fittestes Jahr.«

Silvia Krüger, 54, Allesfahrerin aus Köln

Fanliebe: Silvia Krüger hat seit mehr als 30 Jahren kein Spiel des 1. FC Köln ver­passt

Fanliebe: Silvia Krüger hat seit mehr als 30 Jahren kein Spiel des 1. FC Köln ver­passt

Foto: Silvia Krüger

Beim ersten Geisterspiel von Ihrem Effzeh in Gladbach rollen bei Silvia Krüger Tränen. »Richtig geheult« hat sie beim ersten Heimspiel gegen Mainz als die Hymne »Mir stonn zo Dir« lief.

Es waren die ersten Spiele ihres Vereins, die Krüger jemals im Fernsehen gesehen hat.

Und das Ende einer beeindruckenden Serie. Seit 1989 hat Krüger kein Köln-Spiel verpasst, weder zu Hause noch auswärts. 31 Jahre lang, jedes Spiel, live im Stadion.

Und jetzt?

»Die Pandemie hat mir mein Leben genommen. Dem Effzeh stell' ich alles unter, da ist nur die Familie drüber. Aber die achten darauf, dass nicht gefeiert wird, wenn Köln spielt.«

Mit Krügers Familie fing alles an. Mit ihrem Vater geht sie 1977 zum ersten Mal ins Stadion, Auswärtsderby in Düsseldorf. Vor einem Stand fragt Papa seine Elfjährige: Welche Mütze möchtest du haben, Effzeh oder Fortuna? Sie wählt den Geißbock.

Seitdem, sagt sie, verpasst sie freiwillig kein Köln-Spiel mehr. Der Fußball wird zur Droge, Krüger reist ihrem Klub bis ins Trainingslager hinterher. Ihre Ausbildung zur Floristin sagt sie kurzfristig ab, als sie erfährt, dass es auch Samstagsschichten gibt. Sie arbeitet im Leverkusener Rathaus, nimmt für lange Auswärtsreisen frei. Als eine Chefin ihr 1989 keinen freien halben Tag gewährt, kann sie nicht nach München, 1:5-Pleite gegen den Rekordmeister. Bis zum Frühjahr dieses Jahres ist es das letzte Spiel, das sie verpasst hat.

Einmal gegen Frankfurt steht sie mit Fieber im Block. Ein anderes Mal mit Gipsfuß. Mehr als 1000 Spiele am Stück. Und jetzt: Corona.

Was sie genau am Stadionbesuch vermissen würde, das hätte sie vor der Pandemie gar nicht sagen können. Nun fällt es ihr auf. »Die Stimmung. Und zwar die spontane: Wenn das Spiel schlecht läuft, ein Ruck durchs Stadion geht und auf die Mannschaft überspringt. Wenn wir da gewesen wären, wären die Saison anders verlaufen«, sagt sie mit Blick auf die abstiegsbedrohten Kölner.

Die Gesänge fehlen ihr. Und: »Man vermisst tatsächlich den Gegner – mal jemanden zu haben, an dem man sich reiben kann, mit dem man in der Bahn diskutiert.«

Ihr Freundeskreis bestehe zu 99 Prozent aus Köln-Fans. Kinder oder ein Partner, »das lässt sich nicht vereinbaren«. 1986 verpasst sie ein Spiel gegen Dortmund. Ihr damaliger Verlobter will Urlaub machen auf Gran Canaria. »Aber der war von 'nem anderen Verein. Und danach der Ex-Verlobte.«

Letzte Saison hat sie für ihre Treue vom Klub einen Geißbock aus Gips überreicht bekommen. Einen aus Tinte hat sie sich auf den Oberarm stechen lassen. Im roten Audi mit Klubemblem fährt sie von ihrem Heimatdorf eine halbe Stunde zu den Spielen nach Köln-Müngersdorf.

Was macht Silvia Krüger, wenn sie wieder ins Stadion darf?

»Noch früher losfahren und die Menschen treffen, die man gar nicht mehr sieht – aus der Eifel, aus Süddeutschland, den Fanklub aus Belgien. Ich bin im Wartemodus. Sobald einer anruft und sagt, du kannst wieder ins Stadion, würde ich sofort kommen – auch unter Corona-Bedingungen.«

Thomas Harders, 57, Imbissbesitzer in Hamburg

Vor Corona herrschte Hochbetrieb im Imbiss von Thomas Harders unweit vom Hamburger Volksparkstadion. Nun wartet er täglich auf einen Gast

Vor Corona herrschte Hochbetrieb im Imbiss von Thomas Harders unweit vom Hamburger Volksparkstadion. Nun wartet er täglich auf einen Gast

Foto: Marie-Julie May

Seit 07.30 Uhr steht Thomas Harders in seinem Imbiss. Der Geruch von Bratfett liegt zwar noch in der Luft, aber frittiert wird hier kaum noch. »95 Prozent der Kunden sind Fußballfans und Konzertbesucher«, erklärt Harders, der den »Grillpavillon« seit 22 Jahren führt. Wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen fällt das Publikum aus dem 50 Meter entfernten Volksparkstadion komplett weg – und damit auch seine Einnahmen. Für den selbst ernannten »Pommes-King« steht die Existenz auf dem Spiel.

Harders kauft statt 300 Würstchen nur noch 30, statt zehn Kilogramm Ketchup gibt es jetzt nur noch eine Tube. »Im Sommer mussten wir sogar Ware wegschmeißen, selbst Getränke laufen irgendwann ab. Das macht so keinen Spaß mehr.«

Um 09.45 Uhr plötzlich große Freude: »Ich habe einen Kunden«, jubelt Harders, der seinen treuen Stammkunden schon von Weitem entdeckt. Zwei Coffee to go für 2,40 Euro gehen über die Theke – bis um 12 Uhr wartet Harders vergeblich auf weitere Kundschaft. 

Seit neun Monaten war er nicht mehr auf der Bank. »Normalerweise fahre ich zwei- bis dreimal im Monat zum Geld einzahlen. Was jetzt in die Kasse kommt, wird für Spritgeld und den Einkauf ausgegeben.« Letzte Woche Montag habe er nur 9,20 Euro eingenommen. »Jeder Hartz-IV-Empfänger verdient mehr«, sagt Harders. Seither lebt er von dem Erbe seiner Frau. Die tägliche Fahrt lohnt sich schon lange nicht mehr – die Kosten sind höher als die Einnahmen. »Ich bin nur zur Beschäftigungstherapie hier«, sagt Harders. »Zu Hause würde mir nur die Decke auf den Kopf fallen.«

Dabei hatte er sich dieses Jahr viel vorgenommen: wollte den Laden renovieren, einen neuen Getränkekühlschrank kaufen, über Weihnachten in den Urlaub fahren und Geld für die Rente zurücklegen – das fällt alles flach. Hoffnung, dass es bis zum Sommer mehr Lockerungen geben wird, hat Harders keine. »Auch mit 1000 Fans im Stadion kann mir langfristig nicht geholfen werden.«

Eine gute Nachricht gibt es dann doch noch. Am Tag zuvor hat Harders erfahren, dass er vom Hamburger SV für eine Spendenaktion ausgewählt wurde. »Davon kann ich jetzt erst mal drei Monate leben. Aber eigentlich ist mir das auch peinlich, so abhängig von anderen zu sein – wie lange soll das noch so weitergehen?«

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