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»Verlogene Veranstaltung«

Die ARD und ihr Sportkoordinator hatten zum Radsport viele Jahre lang eine fragwürdige Nähe, die ihnen nun selbst suspekt ist.
aus DER SPIEGEL 28/2006

Viel hätte nicht gefehlt, und von der Tour de France wäre dieses Jahr nichts zu sehen gewesen. Zumindest nicht im Ersten. Zumindest nicht live.

Der ARD-Vorsitzende Thomas Gruber war außer sich, als er vom neuesten Doping-Skandal erfuhr: »Das hat mit Sport nichts mehr zu tun.« Wenn es nach seinem ersten Impuls gegangen wäre, hätte man die Live-Übertragung der Tour abgebrochen, bevor sie begonnen hatte. Auch der für solche Entscheidungen zuständige Programmdirektor Günter Struve wollte die »ganze verlogene Veranstaltung« am liebsten vom Bildschirm verbannen.

Das wäre ein Zeichen gewesen. Aber nach langen Diskussionen und vielen Telefonaten im weiten Reich der ARD entschied man sich doch anders. Für den federführenden Saarländischen Rundfunk ist die Tour der Höhepunkt des Jahres. »Die generelle Ächtung einer Sportart ist mir nicht in den Sinn gekommen«, sagt Intendant Fritz Raff.

»Es wäre das falsche Signal gewesen«, sagt Struve nun. Gerade jetzt, da man bei der Tour hart gegen Doping durchgreife, müsse die ARD auf Sendung bleiben. Obwohl die Quoten viel schlechter sind als sonst. Schlechter gar als beim üblichen Nachmittagsprogramm. Die ARD hat, wie das ZDF auch, die Preise für Werbespots drastisch gesenkt. Ein Bierbrauer stieg als präsentierender Sponsor bereits aus.

So ist in diesen Tagen das Ende einer kuriosen Freundschaft zu beobachten - zwischen der gebührenfinanzierten ARD einerseits und dem Radsport, oder besser: Jan Ullrich andererseits. Als Held war Ullrich Garant für tolle Quoten. Seine Duelle mit Lance Armstrong lockten Millionen vor die Fernseher. War er einmal nicht dabei, wie in den Jahren 1999 und 2002, sackte die Quote drastisch ab. Mit solchen Helden stellt man sich gern gut.

Die ARD überschritt dabei manche Grenze. Sieben Jahre lang, bis 2004, war sie Kooperationspartner des Teams Telekom, das heute T-Mobile-Team heißt. Die Sender-»Eins« prangte auf den Trikots der Radler. Radsportreporter Hagen Boßdorf moderierte für Sponsor Telekom und schrieb gemeinsam mit Ullrich dessen Autobiografie »Ganz oder gar nicht«. Diese Nähe hängt der ARD bis heute nach. Das Sponsoring, räumt Boßdorf nun selbst ein, habe die Berichterstattung über das Team Telekom damals zwar »faktisch« nicht verändert, wohl aber »atmosphärisch«.

Nach Ullrichs Suspendierung wurde ARD-Sportkoordinator Boßdorf in den »Tagesthemen« als Experte befragt. Dort sagte er, das Material habe ausgereicht, den Star »von dieser Tour zu befreien«. Ein ARD-Sportmoderator sagt, er sei schockiert gewesen, als er »ausgerechnet Boßdorf den Abgang Ullrichs kommentieren« sah.

Boßdorf wiederum sagt, er fühle sich unabhängig genug, um den Fall zu kommentieren. Das Buch gemeinsam mit Ullrich zu schreiben sei »ein Fehler gewesen«. So etwas würde er - wie die Auftritte im Dienst von Sponsor Telekom - nicht mehr machen. »Ich habe dazugelernt.« Der Auftritt bei den »Tagesthemen« war mit Programmchef Struve abgesprochen. Der hatte Boßdorf einst auch die Genehmigung für das Ullrich-Buch erteilt und die Erlaubnis für den Telekom-Nebenjob gegeben. Heute wäre es ihm lieber, Boßdorf hätte beides nicht gemacht.

Mit den Radlern Jan Ullrich und Erik Zabel hat die ARD indes auch für diese Tour Verträge über exklusiven Zugang, sprich: Interviews. Dabei fließe auch Geld, bestätigt Boßdorf. Wie viel, sagt er nicht. MARKUS BRAUCK

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