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Vereinigung VERSCHENKTE JAHRE

aus DER SPIEGEL 30/1993

Als die Welt noch sauber in Ost und West aufgeteilt und die DDR im Spiegel der Medaillen eine blühende Landschaft war, genoß Heiko März ein unbeschwertes Leben. Seine Lehrstelle sah der Fußballer höchstens drei Stunden am Tag. Und freitags forderten ihn die Kollegen im Dieselmotorenwerk auf: »Setz dich hin, ruh dich aus, morgen hast du ein Spiel.«

Die Kanutin Anke von Seck durfte ihr Abitur im 14. Schuljahr machen; der Handballer Rüdiger Borchardt sah in seinem Pro-forma-Job als Elektromechaniker »eine sichere, bequeme Existenz«. Und Hanns Sennewald ruderte beim Armeesportklub die Dienstgrade aufwärts.

Heiko, Anke, Rüdiger und Hanns waren vier jener unzähligen DDR-Talente, die ihren Dienst im sportdiplomatischen Korps schätzengelernt hatten. Der Staat nutzte die Athleten aus, die Athleten nutzten den Staat aus.

Wohl in keinem anderen Land der Welt wäre Hanns Sennewald Sportler geworden. »Ich war 15 und absolut unsportlich. Aber meine Mutter meinte: ,Sportler haben Privilegien, die kommen ins Ausland.' Für feinmotorische Bewegungen war ich nicht zu gebrauchen. Immerhin war ich schon damals ziemlich lang. Also bin ich zum Rudern.« Ein Jahr trainierte er bei der ASG Schwedt/Oder, dann wurde er entdeckt und auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Rostock delegiert.

Bei Heiko März dagegen wurden die staatlichen Talentspäher ganz fiebrig, als sie dem hochaufgeschossenen Jungen beim Schulsport zusahen. Leichtathletik sollte er machen oder Volleyball oder Rudern. Heiko entschied sich für Fußball. Als er 13 Jahre alt war, holte ihn der FC Hansa Rostock, mit 14 rückte er in die KJS ein. Die meisten Nachbarn im Plattenbau-Viertel Evershagen teilten den Stolz der Familie: »Der Heiko hat es geschafft.«

Eines Morgens las Anke von Seck ein Inserat in der Ostsee-Zeitung von einer Sichtung für Kinder. »Ich suchte einen Sport. Ich bin hin und beim Kanu hängengeblieben.« Sie war 14, als sie die Leistungsnorm der KJS erfüllte.

Rüdiger Borchardt hatte es eigentlich die Leichtathletik angetan - »doch meine Sportlehrerin trainierte die Handballjungen der TSG Wismar. Sie hat mich überredet«. Den späteren Umzug ins 60 Kilometer entfernte Internat der KJS Rostock hätte sich der damals zwölfjährige Schlaks am liebsten erspart. »Ich wollte nur Bezirksmeister werden. Aber mein Vater war ganz heiß.«

Die vier staatlich geprüften Talente wurden, weil sie ihren Spielkameraden körperlich überlegen waren, zielstrebig zu »Botschaftern im Trainingsanzug« ausgebildet. Sie wohnten in derselben Stadt, gingen auf dieselbe Schule und verinnerlichten dieselben Ideale.

Aus den Kindern des DDR-Sports sind Erwachsene der Wende-Zeit geworden. Das Land ist untergegangen, die Schule hat dichtgemacht. Und die Biographien der vier Musterschüler stehen für den Wandel vom staatsgelenkten zum sponsorabhängigen Sport, für die Irrungen der ersten drei gesamtdeutschen Jahre, für die Narben, die der Umbruch schlug, und für den schleichenden Verfall des Sports in einer Stadt, in der jeder siebente ohne Arbeit ist.

Hanns Sennewald, 31, hat Kaffeepulver und Filtertüten in seinem Spind deponiert. Im Aufenthaltsraum des Ruderzentrums, einer Baracken- und Schuppensiedlung am idyllischen Ufer der Warnow, stehen eine Kaffeemaschine und eine bunte Sammlung angekatschter Tassen. Die Kantine, in der früher täglich über hundert Jungen verköstigt wurden, ist schon lange geschlossen. Sennewald: »Dafür gab's einen Cola-Automaten, der schon wieder weg ist, weil er zu oft geknackt wurde.«

Der Student der Betriebswirtschaft ist ein aufgeschlossener, eloquenter Typ. Soll jedoch der Ruderer über die vergangenen Monate sprechen, faltet er erst mal seine großen Hände und fährt sie bedächtig zur Nasenspitze: »Es wird zusehends bitterer und schwerer, sachlich zu bleiben.«

Er will es trotzdem versuchen: »Die Form der Kandidaten für den Deutschland-Achter wird im Frühling in Zweier-Rennen überprüft. Im Vorjahr fuhr ich mit dem Potsdamer Detlef Kirchhoff. Wir waren besser als alle anderen, für Olympia nicht zu übergehen. Und wir paßten in die politische Landschaft: zwei Ossis in einem Westboot, das vom Kanzler getauft wurde.«

Statt Gold holte der Achter in Barcelona nur Bronze. Die Nerven hatten versagt. Sennewald und Kirchhoff wollten Wiedergutmachung, auch in diesem Frühjahr bestanden sie den Formtest. Doch diesmal verzichtete Bundestrainer Ralf Holtmeyer auf das Ostduo. »Objektive Kriterien hat er uns nicht nennen können. Wir zwei Birnen sollten da einfach nicht sitzen.«

Aus dem Ossi-Bonus, so sieht Sennewald den Wandel, ist ein Malus geworden. Ökonomische Aspekte hätten die politischen verdrängt. »Holtmeyer will, daß alle Achterruderer in Dortmund stationiert sind. Für den dortigen Ruderverein ist das wichtig. Denn je mehr Kader-Athleten für ihn fahren, um so mehr Fördermittel kassiert er. So werden die Osttalente vom reichen Westen aufgesogen. Und wir versinken in der Bedeutungslosigkeit.«

Sennewald fühlt sich zum drittenmal betrogen. 1984, er war Vierer-Weltmeister, boykottierte die Sowjetunion und mit ihr fast alle Ostblocksatelliten die Olympischen Spiele von Los Angeles. 1988, er saß inzwischen im Achter, durfte sein Boot nicht nach Seoul.

»Es ging damals um Geld und die Angst, gegen den starken BRD-Achter zu verlieren. Die Funktionäre rechneten sich aus: Acht Einzelkämpfer zusätzlich in anderen Sportarten garantieren mehrere Medaillen, der Achter keine. Das war die Basis, auf der abgerechnet wurde.« Im Vergleich zum Zorn über das neue Ungemach ist seine Wut auf das alte System kalt, erloschen.

»Zur Wende hatte ich eine passive Haltung.« Sennewald, dessen Frau an einer Rostocker Schule unterrichtet, machte sich nichts vor. Um im Westen durchzustarten, hatte er als Offizier der Volksmarine den falschen Beruf und als Ruderer den falschen Sport. Bis zu den Spielen in Barcelona erhielt er als Olympiakandidat den Sonderstatus »Weiterverwender«, dann schied Oberleutnant Sennewald aus dem Militärdienst aus.

Schon 1991 hatte sich die Bundeswehr aus dem von der Volksmarine geerbten Ruderzentrum zurückgezogen. Seitdem versuchen einige alte NVA-Idealisten und drei Trainer, auf ABM-Basis oder mit Jahresverträgen angestellt, die zusehends verfallende Anlage zu retten. Sennewald: »Die Stadt sagt, daß sie hinter uns steht. Aber sie tut nichts. Haben Sie unsere Toiletten gesehen?«

Das Styling des »Sportshop Heiko März« kann mit jeder Großstadt-Konkurrenz mithalten, das Sortiment entspricht dem westlichen Zeitgeist: von Baseballkappen bis »Air Jordan«-Basketballstiefeln der Marke Nike. Vor vier Monaten hat März, 28, das Geschäft in der Einkaufspassage am Doberaner Platz eröffnet. »Es war mehr Arbeit, als ich erwartet habe.« Der Publikumsverkehr ist noch dünn.

An einer Wand hängt ein himmelblaues Trikot mit der Aufschrift »Banco d'Italia«. Es ist ein Hemd von Thomas Doll, dem deutschen Nationalspieler. Heiko und Thomas saßen auf der KJS in derselben Schulbank.

Als sie 20 waren, trennten sich ihre Wege. Doll ging zu Dynamo Berlin, nach der Wende zum Hamburger SV und schließlich zu Lazio Rom. März blieb bei Hansa Rostock. Angebote aus Dresden und Jena lehnte er ab. »Westprofis stehen schon mit 18 unter Streß. Wer nichts taugt, wird aussortiert. Im DDR-Fußball wurde man mit der Zeit träge. Was hätte mir ein Wechsel gebracht?«

Acht Wochen nach dem Mauerfall besuchte März seinen Ex-Hansa-Kollegen Axel Kruse, der im Juli 1989 geflohen war und bei Hertha BSC Berlin spielte. »Heiko, hat er gesagt, wir sind die kleinen Ossis, und die haben eine große Klappe. Die sind noch viel blinder als wir, aber die haben Selbstvertrauen.« Nach der Informationsreise stand für März fest: »Ich werde Profi bei Hansa.«

Die Rostocker hatten für die letzte Saison um die DDR-Meisterschaft einen Trainer aus dem Westen verpflichtet: Uwe Reinders, der als Bundesligaprofi Teile seines Lohns am Spieltisch verzockt hatte, trainierte vor allem die Ellbogen seiner »zu braven Spieler«. Wie ein Kolonialherr maulte er über die Anpassungsprobleme seiner Schutzbefohlenen. »Er hat uns ein Jahr lang beleidigt«, sagt März. Es hat die Kicker nicht weiter berührt, Menschenverachtung waren sie gewohnt.

Angeschoben von einer Westpresse, die Reinders in Rostock »zur Speerspitze gegen die roten Socken erhob« (ein Hansa-Funktionär), stieg das Großmaul von der Ruhr zum Messias auf. Der FC wurde letzter DDR-Meister und qualifizierte sich für die Bundesliga. »Uwe, unser Heiland«, schrieb ein Fan.

Reinders holte drei Profis aus dem Westen. März: »Mit denen konnte er nicht so umspringen wie mit uns. Da haben wir uns gefragt, ob wir uns seine Erniedrigungen weiter gefallen lassen müssen.« Es war der Anfang vom Ende der Hansa-Herrlichkeit. Reinders mußte gehen, das Team stieg in die Zweite Liga ab.

Auch die Stimmung in der Stadt kippte. Jede Niederlage reicherte den Unmut über die Gehälter der Profis an. »Früher trafen wir uns öfters zum Bier in der Wappenklause. Das ist vorbei. Man meidet die Öffentlichkeit. Dauernd hören wir den Vorwurf: Keine Leistung bringen, aber dicke Kohle kassieren.«

März und seine ehemaligen Stehrang-Fans leben nicht mehr in einer Welt. Doch soll er sich seiner Gage von monatlich rund 10 000 Mark schämen? Die Mannschaft bedrückt ihre eigene Befindlichkeit. »Wir sind nicht mehr locker, wir sind verklemmt. Es ist paradox: Heute macht sich jeder mehr Zukunftssorgen als früher. Man hat sich halt an den Wohlstand gewöhnt.«

Dem Klub geht es schlecht. Die Zuschauer verweigern sich, zuletzt kamen nicht mal mehr 1000 ins Stadion. Nach drei gescheiterten Westtrainern soll jetzt ein preiswerter Alt-Rostocker ran. Hansa probt die Wende rückwärts.

Daß März als zweiter Kapitän bisweilen seine Meinung kundtat, zeigte Wirkung. Vereinspräsident Gerd Kische hat ihm gedroht, die Genehmigung zur Nebenbeschäftigung könne jederzeit zurückgenommen werden. Doch der Spieler befindet sich längst in der inneren Emigration. »Wenn der Sportladen läuft, höre ich nächstes Jahr mit Fußball auf.«

Zehn Weltmeistertitel und drei olympische Goldmedaillen hat sie gewonnen, noch im vorigen Jahr wurde sie zur »erfolgreichsten Sportlerin Mecklenburg-Vorpommerns« gekürt. Am Brunnen der Lebensfreude vor der Universität dreht sich jedoch niemand nach Anke von Seck, 26, um, wenn sie auf dem Weg zu ihren Biologie- oder Sportseminaren ist. »Die ersten beiden Olympiasiege in Seoul, damals für die DDR, stärkten mein Selbstvertrauen. Das dritte Gold in Barcelona hat nichts verändert.«

Daß sie vom Westen zur Politur des Medaillenspiegels benutzt und dann vergessen wurde, stört sie nicht: »In der DDR siegten wir en gros. Da waren Konkurrenz und Druck noch stärker.«

Sie hat auch nicht wie andere DDR-Athleten geglaubt, im vereinten Deutschland seien Medaillen der Schlüssel zum Reichtum. »Kanuten paddeln unter Ausschluß der Öffentlichkeit, die Wertschätzung ist hüben wie drüben gering.«

In der Umbruchphase erlebte sie ihre Nebenrolle im Sport sogar als Vorteil. »Die Athleten waren damals die Lieblinge der Politiker. Im Volk hat das Argwohn erzeugt. Mit der Wende luden sie ihren Haß auf die populären Stars ab. Da hätte ich keine Katrin Krabbe oder Heike Drechsler sein mögen.«

Der Sport, sagt sie, die Ellbogen defensiv über dem Bauch verschränkt, werde »weiter an Boden verlieren«. Sollen Sportler verschont bleiben, wenn jeder dritte in der Industrie Erwerbstätige seinen Arbeitsplatz einbüßt?

Einerseits weiß Anke von Seck genau, daß der ungeschriebene Vertrag zwischen Regime und Athleten im Einig-Vaterland nicht mehr gelten kann. Andererseits ärgert sie sich über die Ignoranz der Funktionäre: »Es war nicht alles schlecht. Etwa das Sichtungssystem oder die KJS. Aber das wollen einige Herren aus dem Westen nicht wahrhaben.«

Das Angebot des VW-Werks, nach Wolfsburg zu ziehen, lehnte sie ab. »Ich war verheiratet, mein Mann studiert wie ich in Rostock. Es wäre ein Wechsel in meinem Leben und eine unsichere Sache gewesen.«

Ihre Partnerin im Zweierkajak, Ramona Portwich, hat eine VW-Offerte angenommen. Anke von Seck Immobilität vorwerfen fällt leicht. Aber gilt das Recht auf eine eigene Vita nur für Wessis? Ist ein vorübergehender Arbeitsplatz im Westen wertvoller als die Hoffnung auf neue Perspektiven im Osten?

Von Secks Klub, der SC Empor, reformiert sich zum Breitensportverein. Stolz zählt man bereits 2000 Mitglieder. Das frühere Hätschelkind der Stadt muß jetzt rentabel wirtschaften. Wie ein gewöhnlicher Mieter hat Empor für Turnhallen, Schwimmbäder und Verwaltungsräume teuer zu zahlen.

Daß mit der neuen Marktwirtschaft aber »irgendwas nicht stimmt«, liest Empor-Geschäftsführer Peter Haschke aus einem Brief des Senats. Ob der Verein in der Lage sei, wird angefragt, ein Sportangebot zur Integration Jugendlicher aus dem Strafvollzug anzubieten. Pro Stunde und Person werden 50 Mark Vergütung offeriert.

Von den 240 000 Einwohnern der Stadt sind 80 000 Kinder und Jugendliche. Die Nächte von Lichtenhagen stehen wie ein Fanal für die Orientierungslosigkeit der Heranwachsenden. Gern würde Haschke seinem Sportclub eine soziale Verantwortung übertragen: »Aber vorbeugend hat der Senat keine zwei Mark für uns.«

Die Finanznot geht einher mit der Resignation an der Kanu-Basis. Von ehedem 50 Leistungssportlern bekommt Anke von Seck noch die Namen eines knappen Dutzend zusammen. Medaillen seien auf absehbare Zeit keine mehr zu erwarten. Auch nicht von Anke von Seck. Sie wird im Januar Mutter.

Rüdiger Borchardts Arbeitstag hat jetzt rund 13 Stunden. Im Februar beteiligte er sich mit 49 Prozent an der Baufirma seines Schwiegervaters. Acht Arbeiter stehen bei ihm in Lohn, zuletzt haben sie ein Mietshaus in Neustrelitz saniert. Borchardt, 29, kümmert sich um Organisation und Buchhaltung. Abends geht er seinem Hauptberuf nach, bei den Handballern des HC Empor.

Mit dem Kapitalismus hat der 153malige Nationalspieler schon weitreichende Erfahrungen gemacht. »Verschenkte Jahre« wollte er, der früher zahlreiche Fluchtangebote abgelehnt hatte, nachholen. Dem Verdener Stahlhändler Arndt Wolters, der antrat, den Handball in der Hansestadt zu retten, vertraute er. Erst als Borchardt erkannte, daß auch Wolters »nur einer jener Geschäftemacher des Westens war, die den Sport als Türöffner mißbrauchten«, verließ er Rostock.

Borchardt nahm ein Angebot aus der Zweiten Liga an. Sportlich war Grün-Weiß Minden eine Nummer zu klein, beruflich verhieß der Wechsel eine große Zukunft. Der Importeur des dänischen Sportartikelherstellers Hummel bot ihm eine Kaufmannslehre und anschließend die Generalvertretung Nordost an. Nach einem Jahr machte die Firma Pleite und Minden keinen Sinn mehr.

Die Heimholung nach Rostock, vom Empor-Vorstand zum »symbolischen Akt« hochgeredet, endete traurig. Die durch 20 Westabgänge ausgezehrte Mannschaft stieg aus der Bundesliga ab. Der Verein, von einem Sponsor um eine halbe Million Mark geprellt, stand kurz vor dem Zusammenbruch. Vizepräsident Hans Ulrich Henke, ein Diplomökonom, will künftig mit »schlankeren Strukturen das Überleben sichern«. Im Klartext heißt das: Das zweite Herrenteam, die Damenriege und die Kindermannschaften stehen zur Disposition.

»Wir sind zum direkten Wiederaufstieg verurteilt«, weiß Borchardt, »eine zweite Chance kriegen wir nicht.« Existenzangst empfindet er deshalb nicht. Früher, sagen Wegbegleiter, habe sich Borchardt nur über den Handball definiert. Jetzt hat er ein lukratives Angebot des VfL Gummersbach abgelehnt, die neue Mietwohnung besorgte er sich über einen Lübecker Makler selbst. »Wir haben ein kleines Baby, unser Sohn ist gerade eingeschult, in Graal-Müritz ist endlich meine Datsche fertig, dazu die Baufirma. Noch mal wegziehen? Nein, danke.«

Die Menschen im Osten, hat Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth gesagt, als die Kali-Kumpel von Bischofferode in Bonn protestierten, »brauchen Zukunft«.

Rüdiger Borchardt hat sich für eine Zukunft in Rostock entschieden. Nur hat darin der Sport kaum noch Platz. Sein Sohn Clemens, 7, gilt als Handballtalent. Aber der Weg zum Training, das aus Kostengründen in einer Halle weit draußen stattfindet, ist zu weit. Der Vater ist besorgt: »Clemens muß von der Straße. Unsere Gegend ist nicht die beste.« Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Für den Sieg des Sozialismus *

wurde in Rostock alles getan. Die besten Talente gingen auf die Kinder- und Jugendsportschule. Beim Sportclub Empor kümmerten sich 200 Trainer und Mediziner um 350 Athleten in sechs Sportarten. Das Resultat waren Idole wie die Sprinterinnen Silke Möller oder Marita Koch. Die Handballer wurden zehnmal DDR-Meister und stellten das halbe Nationalteam, der Armeesportklub produzierte olympisches Edelmetall im Ringen, Schwimmen und Rudern. Nach der Wende folgten über hundert Athleten, darunter Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk und Kanu-Weltmeisterin Ramona Portwich, dem Lockruf des Westens; drei von vier Trainern mußten entlassen werden. Der Armeesportklub, in dem die Hälfte aller Athleten, Trainer, Ärzte und Funktionäre auch der Stasi dienten, wurde aufgelöst. Die Suche nach privaten Sponsoren ist für Sportler wie Vereine in der wirtschaftlich maroden Hansestadt meist vergeblich, viele Gebäude der einstigen Medaillenschmieden verrotten.

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