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FUSSBALL Viele Schattenseiten

DFB-Teamchef Franz Beckenbauer propagierte beim Amtsantritt beschwingtes Angriffspiel - doch seine Auswahl für Mexiko besteht aus glanzlosen Fußballhandwerkern. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Die Italiener bewiesen Sinn für feierliche Inszenierung. Bevor ihre Fußball-Nationalelf am Mittwoch voriger Woche in Avellino gegen die Deutschen antrat, predigte ein Geistlicher über Platzlautsprecher von Nächstenliebe auch im Profisport, es erklangen das »Halleluja« aus Händels »Messias« und Beethovens Hymnus »An die Freude«.

Franz Beckenbauer dürfte das schwerlich als ein Ständchen zu seinen Ehren empfunden haben. Der »Messias des deutschen Fußballs«, wie Teamchef Beckenbauer bei seinem Amtsantritt im Sommer 1984 von Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß gepriesen worden war, hat im vergangenen halben Jahr viel an Charisma eingebüßt und zur Freude kaum mehr Grund gehabt.

Auch das 2:1 gegen Weltmeister Italien, der erste Erfolg nach sechs sieglosen Spielen in Folge, täuscht nicht über die Erkenntnis hinweg: Die Erneuerung der Derwall-geschädigten Nationalelf ist nach Anfangserfolgen unter Beckenbauers Regie ins Stocken geraten.

Treffend befand »Bild«-Kommentator Paul Breitner, man dürfe nicht übersehen, daß »dieser Sieg viele, viele Schattenseiten hatte«.

Der Teamchef präsentierte in Avellino eine Mannschaft, deren Vorzüge sich weithin auf Einsatzbereitschaft und physische Stärke beschränken - mit Spielern wie Klaus Augenthaler oder Hans-Peter Briegel, Karlheinz Förster oder Guido Buchwald. Solange die Italiener auf dem morastigen Boden noch Kraft hatten, ihr flottes Kombinationsspiel aufzuziehen, waren die technischen Mängel der deutschen Recken offenkundig.

Daß ausgerechnet Beckenbauer, einst ein Propagandist des schönen Angriffsspiels, jetzt sein Team mit vorwiegend auf Torsicherung ausgerichteten Athleten bestückt, zeigt sein Dilemma auf: Er kann sich keinen Mißerfolg mehr leisten, wenn er nicht mit einer verunsicherten Mannschaft im Mai zur Weltmeisterschaft nach Mexiko fliegen will.

Als Beckenbauer vor anderthalb Jahren antrat, förderte er zunächst junge Techniker wie Thomas Berthold, Michael Frontzeck, Olaf Thon. Doch »Kaiser Franz« ist der ungeduldige Perfektionist geblieben, der er schon als Bayern-Kapitän war. Die Entwicklung der Jungen ging ihm nicht schnell genug, die Zeit drängte. Das »Verteidigerpaar der Zukunft« Berthold/Frontzeck wurde in die Nachwuchself des Deutschen Fußball-Bundes zurückversetzt.

Beckenbauer wäre ihre Integration in die Nationalelf gewiß eher möglich gewesen, wenn es dort Spieler mit den Führungsqualitäten geben würde, die einst Paul Breitner auszeichneten. Aber die altgedienten Karlheinz Förster, Felix Magath oder Karl-Heinz Rummenigge, allesamt über den Zenit ihres Leistungsvermögens hinaus, sind viel zu sehr mit den eigenen Problemen befaßt, als daß sie junge Kollegen lenken könnten.

So mündeten auch nach dem Italienspiel fast zwangsläufig die Diskussionen bei Bernd Schuster. Er ist der einzige deutsche Spielmacher von Weltklasse.

Doch Schuster beharrte bislang trotz aller Umstimmungsversuche von Beckenbauer und DFB-Chef Hermann Neuberger auf dem Entschluß, nicht mehr für Deutschland spielen zu wollen (SPIEGEL 44/1985). Der Profi beim FC Barcelona fürchtet, daß ihm bei einer Rückkehr die alten Schauergeschichten vom angeblich schwererziehbaren Jungen der Nation aufgetischt würden und er der ideale Sündenbock wäre bei einer WM-Pleite. Auch irritierte ihn offenkundige Ablehnung aus dem Kollegenkreis wie durch Lothar Matthäus, der meinte: Schuster solle bleiben, wo er ist.

DFB-Trainer Horst Köppel denkt da allerdings pragmatischer. Harmonie in der Mannschaft, so Köppel, sei sicher wichtig. Aber Siege seien wichtiger. Die Versuche, Schuster umzustimmen, werden fortgesetzt, trotz zwischenzeitlicher Dementis, auch von Köppel. _(Mit Vorstopper Jakobs (hinter Magath) ) _(beim Leistungstest der ) _(Nationalmannschaft am 27. Januar in ) _(Frankfurt. )

Mit Vorstopper Jakobs (hinter Magath) beim Leistungstest derNationalmannschaft am 27. Januar in Frankfurt.

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