Viswanathan Anand über die Schach-WM 1995 im World Trade Center "Wenn man mich in ein U-Boot setzt, spiele ich auch in einem U-Boot"

Viswanathan Anand traf bei seiner ersten Schach-WM auf Champion Garri Kasparow und war ihm nicht gewachsen. 25 Jahre später erinnert er sich an die miserablen Bedingungen und wie schlecht Kasparow vorbereitet war.
Ein Interview von Florian Pütz
Garri Kasparow (l.) und Viswanathan Anand spielten für Fotos auch auf dem Dach des World Trade Centers: "Spektakuläre Orte haben nichts mit dem Schachspiel zu tun"

Garri Kasparow (l.) und Viswanathan Anand spielten für Fotos auch auf dem Dach des World Trade Centers: "Spektakuläre Orte haben nichts mit dem Schachspiel zu tun"

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Henry Groskinsky / The LIFE Images Collection via Getty Images

Viswanathan Anand war erst 25 Jahre alt, als er 1995 die bis dato größte Chance seiner Schachkarriere bekam: Der Inder forderte Weltmeister Garri Kasparow heraus, der den Titel bereits seit zehn Jahren verteidigte. Am 11. September 1995 begann das WM-Duell im 107. Stockwerk des World Trade Centers in New York.

SPIEGEL: Wie war das für Sie, als Sie erstmals das World Trade Center betraten?

Anand: Spektakuläre Orte haben nichts mit dem Schachspiel zu tun. Ich kann sehr gut an einem Ort mitten im Nirgendwo spielen. Während man Schach spielt, hat man kein Auge für die Szenerie. Auf der anderen Seite war es gut für die Öffentlichkeit. Aber wenn man mich in ein U-Boot setzt, spiele ich auch in einem U-Boot.

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Viswanathan Anand, 50, war von 2000 bis 2002 einer von zwei und von 2007 bis 2013 unumstrittener Schachweltmeister. Der Inder verlor den WM-Titel an Magnus Carlsen, konnte ihn in einem zweiten Duell 2014 aber nicht zurückerobern. Anand ist noch immer aktiv, in der Weltrangliste rangiert er mit 2753 Elopunkten auf dem 16. Platz.

SPIEGEL: Sie waren ein junger Spieler und traten gegen Garri Kasparow an. Wie nervös waren Sie?

Anand: Ich habe schon vorher verstanden, dass ich mit seiner Erfahrung nicht würde mithalten können. Er hatte fünf Weltmeisterschaften gegen Anatolij Karpow gespielt und die sechste gegen Nigel Short. Dieses Defizit konnte ich so schnell nicht aufholen.

SPIEGEL: Rund um das Brett soll es recht laut gewesen sein, weil die Glasscheiben den Lärm kaum abhalten konnten.

Anand: Der Kommentator versuchte, Schach so klingen zu lassen, als sei es American Football. Er schrie. Das war seine Art, das Spiel dem Publikum attraktiv zu machen. Er war sehr, sehr lebhaft. Und es gab wegen der Brandschutzbestimmungen keine schalldichten Wände. So konnte man gelegentlich hören, was der Kommentator sagte. Die Spielbedingungen waren ziemlich schlecht. Aber nach dem ersten Tag hört man auf, darüber nachzudenken.

SPIEGEL: Das Duell begann gut für Sie. Nach acht Unentschieden holten Sie den ersten Sieg. Sie müssen gedacht haben, dass Sie nun in Fahrt kommen.

Anand: Ich war beeinflusst vom WM-Kampf Kasparow gegen Short 1993. Short war nach den ersten vier Spielen drei Punkte hinten gewesen. Nach vier Spielen hatte man das Gefühl, das Match sei vorbei. Ich war also sehr motiviert, das zu vermeiden.

SPIEGEL: Was passierte nach Ihrem Sieg in der neunten Partie?

Anand: Ich habe meinen großen Fehler im zehnten Spiel gemacht, als ich die Spanische Eröffnung wiederholte, die bis dahin funktioniert hatte. Kasparow nahm die Niederlage so schlimm auf, dass er alles in seine Vorbereitung auf diese Eröffnung investierte. Ich verlor das Spiel und danach glitt mir das Match aus den Händen. In der 14. Runde war ich dort angekommen, wo Short auch gewesen war - nur dass ich es geschafft hatte, es zehn Runden hinauszuzögern. Ich habe denselben Kollaps erlebt. Du verstehst nicht, warum du so schlecht spielst, du verstehst nicht, was passiert.

SPIEGEL: Kasparow gewann das WM-Duell nach 18 Partien. In Ihrer Biografie "Mind Master" schreiben Sie, Sie seien nicht bereit gewesen für solch eine Bestie von Match. Was machte diese Partie so bestialisch?

Anand: Man muss sich daran gewöhnen, dass der Einsatz und der Druck sehr hoch sind. Man kann sich nicht auf sich selbst verlassen. Ich habe während der meisten Zeit meiner Karriere geglaubt, ich wüsste, zu was ich in der Lage bin – positiv und negativ. Aber in diesem Match habe ich festgestellt, dass ich offenbar nicht wusste, zu was ich negativ in der Lage bin. Es hat lange gedauert, bis ich die Erfahrung hatte, um mit solchen Spielen umzugehen. Aber jemand, der direkt viel aus dem Match gelernt hat, war Wladimir Kramnik, der Sekundant von Kasparow bei dieser WM.

SPIEGEL: Inwiefern?

Anand: Er sagte, er sei erstaunt gewesen, wie schlecht Garri vorbereitet gewesen sei. Ich analysiere vier oder fünf Stellungen und entscheide dann, welche ich wähle. Und Kramnik sagte, Garri würde die erste Stellung nehmen, die ihm gefällt. In dieser würde er großartige Arbeit leisten, aber andere würde er ignorieren. Und das ist komisch. Für den Rest der Welt war Kasparow weiterhin der Spieler mit der besten Vorbereitung. Aber Kramnik verstand, dass er die Vorbereitung Kasparows eigentlich nicht fürchten musste. Sie war nicht so gut, wie die Legende besagte.

SPIEGEL: Im Jahr 2000 wurde Kramnik nach einem Sieg gegen Kasparow Weltmeister. Was haben Sie aus 1995 gelernt?

Anand: Nicht viel, weil ich nur meine eigene Perspektive hatte. Aber Kramnik hat mir die Augen geöffnet. Es kam mir nie in den Sinn, Kasparow als einen Spieler anzusehen, dessen Eröffnungen ausgenutzt werden könnten. Aber selbst in seiner höchsten Spielstärke gab es Schwächen, das will ich sagen.

SPIEGEL: Ein Fußballer kann den Ball beiseitelegen, ein Tennisspieler den Tennisschläger. Aber ein Schachspieler kann sein Gehirn nicht zur Seite legen. Denkt man als Spieler nicht permanent über Züge nach? Das muss doch sehr anstrengend sein.

Anand: Das ist teilweise wahr. Aber wir haben unsere Rituale nach den Partien: Man geht ins Sportstudio, macht einen Spaziergang, spielt Karten, was immer einen entspannt. Und man gibt sich Mühe, nicht über das Spiel nachzudenken. Ich würde das Schachspiel nicht allzu sehr von anderen Sportarten unterscheiden. Es hängt von den Emotionen des Spiels selbst ab.

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Über den Wolken: Die Schach-WM 1995 im World Trade Center

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Henry Groskinsky / The LIFE Images Collection via Getty Images

SPIEGEL: Fünf Jahre später, im Jahr 2000, haben Sie die Fide-Meisterschaft in Neu-Delhi gewonnen. War es ein Wendepunkt in Ihrer Karriere?

Anand: Eindeutig. Zum ersten Mal habe ich die Weltmeisterschaft gewonnen. Delhi war für mich wichtig, weil ich es endlich auf dem Schachbrett geschafft habe. Ich habe den Job erledigt.

SPIEGEL: Die Verbände waren damals gespalten, es gab zwei WM-Titelträger. Hat es Sie gestört, dass Sie nicht der unumstrittene Weltmeister waren?

Anand: Ich hatte das Gefühl, dass ich über die Kritik keine Kontrolle habe. Ich meine, was hätte ich tun können? Ich hätte nicht in beiden WM-Zyklen spielen können.

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08.12.2022 20.59 Uhr

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SPIEGEL: In der Bundeskunsthalle in Bonn verteidigten Sie Ihren WM-Titel 2008 gegen Kramnik. Scheint weniger glamourös als das New Yorker World Trade Center.

Anand: Wir waren in einem ausgezeichneten Hotel direkt am Rhein. Wir hatten viel Ruhe. Es war das beste Match, das ich je gespielt habe. Ich erinnere mich an keine negativen Momente. Es verlief wie ein Traum. Ich habe einen der besten Spieler der Geschichte geschlagen. Ich war sehr glücklich, für mich war es der Höhepunkt. Es war der Moment, in dem ich Kramnik in einer Partie ziemlich überzeugend besiegt habe. Es war der Moment, in dem ich nicht mehr erklären musste, was für ein Weltmeister ich war. Das hat mir sehr viel bedeutet.

SPIEGEL: Im Jahr 2013 verloren Sie den WM-Titel an Magnus Carlsen. Hat es Sie unter Druck gesetzt, in Ihrer Heimatstadt Chennai zu spielen?

Anand: Wahrscheinlich ja. Ich glaube sogar, Carlsen scheint entschieden zu haben, dass er nie in Norwegen spielen wird. Aber 2013 hatte ich eine Schachkrise, und vielleicht hat das den Druck auch erhöht.

SPIEGEL: Was war der Grund für Ihre Schachkrise?

Anand: Vielleicht habe ich mit den Entwicklungen nicht Schritt gehalten und hatte Mühe, mich anzupassen. Meine Ergebnisse waren ziemlich schlecht. Carlsen hatte eines der besten Jahre in der Geschichte. Das machte es besonders schwer.

SPIEGEL: War damals schon zu erwarten, dass Carlsen ein so dominanter Spieler werden würde?

Anand: Das erschien mir durchaus plausibel. Ich hatte schon damals das Gefühl, dass nicht nur ich, sondern alle gegen ihn Probleme haben. Aber es ist wirklich beeindruckend, wie er sich immer weiterentwickelt hat.

SPIEGEL: Sie spielen immer noch auf hohem Niveau, aber nicht mehr um WM-Titel. Was sind heute noch Ihre Ziele?

Anand: Ich spiele einfach und genieße es. Ich denke nicht allzu viel an Ziele. Wenn es interessante Turniere gibt, spiele ich gern.

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