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TISCHTENNIS Volles Risiko

Zwei Nachwuchsspieler sollen das angekratzte Image des deutschen Männer-Tischtennis wiederaufpolieren. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Wenn bundesdeutsche Tischtennisfunktionäre nach Perspektiven ihrer Sportart gefragt werden, antworten sie gern mit der Nennung einer Postanschrift: Josef-Neuberger-Straße 36.

Dort teilen sich, im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim, Jörg Roßkopf, 18, und Steffen Fetzner, 19, eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Seit sie vor drei Jahren beschlossen, hauptberuflich Tischtennis zu spielen, verläuft ihr Leben nahezu parallel.

In der nur hundert Schritte von der Wohnung entfernt gelegenen Sporthalle trainieren sie täglich sechs Stunden, falls sie nicht gerade, wie derzeit bei den Europameisterschaften in Paris, auf Dienstreise sind. Mit der schweißtreibenden Arbeit an der Tischtennisplatte ist das Tagespensum allerdings noch nicht geschafft. Oft steht danach Waldlauf auf dem Programm.

Die beiden Teenager sollen Deutschland nach beinahe 20jähriger Bedeutungslosigkeit in einer Sportart wieder in die Weltspitze führen, die in der Bundesrepublik immerhin von 701 436 Spielern in 9560 Vereinen wettkampfmäßig und von Millionen auf Terrassen oder in Partykellern als Hobby betrieben wird.

Oben waren die Deutschen zuletzt 1969, als der Düsseldorfer Eberhard

Schöler, heute 47, Vizeweltmeister im Einzel und mit der Mannschaft wurde. An den Erfolg des Abwehrkünstlers kam in der Folgezeit keiner heran.

So konsequent wie Roßkopf und Fetzner haben deutsche Nachwuchsspieler allerdings auch noch nie an ihrer Profikarriere gearbeitet. Beide verließen die Schule nach der Mittleren Reife und arbeiten seither, zunächst in einem Sportinternat des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), seit knapp einem Jahr als Wohn- und Zweckgemeinschaft, an ihrem Aufstieg. Dabei, sagt Zlatko Cordas, der Coach des deutschen Nationalteams, »machen sie keine Kompromisse«.

Zwar warnt der immer schon etwas skeptische Schöler, jetzt Sportwart im DTTB, vor womöglich übertriebenen Hoffnungen, der hochveranlagte Roßkopf könnte bereits die in Paris versammelte europäische Elite aufmischen. Noch dazu, wo den Spieler ein Bänderanriß im linken Knie in der Beinarbeit behindert. Aber, so konstatiert auch Schöler, »die jüngsten Ergebnisse beweisen, daß es aufwärts geht«.

Im Januar gewann Roßkopf das Bundesranglistenturnier zum drittenmal in Folge, Fetzner wurde Dritter. Beim Europaranglistenturnier »Top 12« im Februar wurde Roßkopf, erstmals dabei, gleich Sechster. Im vergangenen Herbst hatte sich der Boris Becker des Ping-Pong, dessen harter und extrem überrissener Rückhandschlag auf dem Kontinent fast konkurrenzlos ist, als bester Europäer für das olympische Turnier in Seoul qualifiziert.

Als Fetzner die Einzel-Qalifikation nicht schaffte, erklärte Roßkopf vor dem Beginn der Doppelkonkurrenz des olympischen Qualifikationsturniers: »Ich werde alles tun, damit mein Freund auch nach Seoul darf.« Nach vier Siegen bei einer Niederlage war auch Fetzners Olympiateilnahme gesichert.

Der Markt für Tischtennisspieler, so Michael Bachtler, Chef der Ausrüsterfirma Joola und Manager Roßkopfs, hat sich in jüngster Zeit erweitert. Etwa zehn Profis, schätzt Bachtler, würden von den Bundesligavereinen »ein durchschnittliches Einkommen wie ein jüngerer Büroangestellter bei mir in der Firma« beziehen - rund 60 000 Mark im Jahr.

Für fünf Profis, dazu zählt er neben Roßkopf und Fetzner noch Ralf Wosik sowie die Olympiateilnehmer Georg Böhm und Olga Nemes, sieht Bachtler Verdienstmöglichkeiten »zwischen 150 000 und 200 000 Mark«. Denn heutzutage könnten Topathleten wie sie »auch der Industrie erfolgreich als Werbeträger angeboten werden«.

Vor allem dann, wenn wie bei Roßkopf das Lob von allen Seiten kommt. Jacques Secretin, Frankreichs Tischtennis-Idol, nennt ihn und den Franzosen Jean-Philippe Gatien »die beiden größten Talente in Europa«. DTTB-Präsident Hans Wilhelm Gäb ist von den »vielen überraschenden Weltklasseschlägen« angetan, und Cordas hat bei seinem Musterschüler neben handwerklichen Fähigkeiten noch Entscheidenderes ausgemacht: »Er hat es im Kopf.«

Eine starke Psyche entscheidet bei Spitzenathleten über den Erfolg. Bei Roßkopf, der kurz nach seinem 16. Geburtstag sein Elternhaus im hessischen Dieburg verließ, um seine Profilehre anzutreten, haben Fachleute beobachtet, daß er bei kritischen Spielständen ebenso cool und angriffslustig zuschlage wie etwa beim Stande von 0:0.

Roßkopf hat sich »auf der Suche nach meiner Grenze« dem Tischtennis total ausgeliefert. Als er einmal zwei Wochen Pause machen sollte, stand er nach drei Tagen wieder an der Platte: »Ich kann das nicht.« Gerne würde er auch drei Monate bei den Chinesen oder ein Jahr bei den Schweden trainieren, den derzeit stärksten Nationen im Tischtennis.

Aber schon die Teamarbeit mit Fetzner reicht, die Gegner in die Resignation zu treiben. Beim 6:1-Sieg der Deutschen im Europaligaspiel gegen Ungarn trumpften die beiden Jungstars derart auf, daß der ungarische Trainer Laszlo Pigniczki »eine neue Generation« am Werk sah, gegen die sein Team »praktisch chancenlos« gewesen sei.

Eine neue Generation, sagt Bachtler, sei auch nötig, wenn die Deutschen im internationalen Wettbewerb mithalten wollten. Der werde nämlich - auch ausgelöst durch die Tatsache, daß Tischtennis in Seoul erstmals olympisch ist - immer härter.

Bei Jugendtitelkämpfen, so hat der Manager beobachtet, träten »selbst so exotische Tischtennis-Nationen wie die Türkei« inzwischen mit »höchst professionell trainierten Kindern« an.

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