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SURFEN Vom Feinsten

Nach Art des alpinen Ski-Zirkus betreiben auch die Profi-Surfer ihren Worldcup. Auf Sylt stoppte mangelhafte Organisation ihren Aufschwung. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Windsurfen im September auf Sylt war überhaupt nicht so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Statt braungebrannter junger Männer, die mit ihren bis zu 3,80 Meter langen Kunststoffbrettern die gewaltigsten Ozeanwellen artistisch ausreiten, bot sich selbst mit Ferngläsern ausgerüsteten Besuchern auf der Strandpromenade von Westerland meist ein Bild von bunten Zahnstochern, die nach dem Start am Horizont keine Brise näher an das Ufer trieb.

Erst zum Schluß der zehntägigen Worldcup-Veranstaltung trafen die weltbesten Profi-Surfer vor der Insel die Verhältnisse an, die für sie unerläßlich sind: eine Windgeschwindigkeit von mindestens 15 Knoten und eine rauhere See.

Doch da war die angesichts geringen Interesses bei Zuschauern und Tagespresse ernüchternde Bilanz bereits gezogen. »Wir stehen«, so Stefan Zotschew, »erst am Anfang.«

Zotschew ist der Manager einer Unternehmung, die nach dem Muster des alpinen Ski-Zirkus betrieben wird. Elf Ausrüsterfirmen haben vor zwei Jahren den Worldcup gegründet, Eintrittsgebühren entrichtet (jeweils 50 000 Mark) und sich verpflichtet, mit Jahresbeiträgen von je 25 000 Mark für die Siegprämien der Surfer und die Organisationskosten aufzukommen. Der Terminkalender 1984 umfaßt sechs Veranstaltungen: La Torche (Frankreich), San Francisco, Hawaii, Sylt, Scheveningen und Omaezaki (Japan).

Wie die Branchenführer in der Ski-Industrie halten sich auch die Brett- und Segelmacher ihre eigenen Teams. Zwar klagt Klaus Dreher, Teamchef des Münchner Surfbrett-Herstellers »Hi-Fly": »Der Spaß kostet uns jährlich eine Million Mark«, doch diese Investitionen zahlen sich offenbar aus. So drängelten sich in La Torche an einigen Tagen mehr als 40 000 Zuschauer um die Surfer, sehr zur Freude Drehers: »Das war ein Mordsspektakel und Werbung vom Feinsten.«

Daß in Sylt die Resonanz der Fans ausblieb, hatte vornehmlich mit mangelhafter Organisation zu tun. Plakate oder Transparente mit Hinweisen auf die Regatten fehlten ganz, die Lautsprecheransagen verwirrten ("Der Fahrer, der in Führung liegt, gehört nicht zum Rennen, glaube ich"), und die Programmhefte wiesen so viele fachliche Fehler auf, daß sie wieder eingezogen wurden.

Die Zahl der surfenden Bundesdeutschen wird mittlerweile auf 1,2 Millionen geschätzt. Durchschnittsalter: 23 Jahre. 1980 waren es noch 400 000, Mitte der 70er Jahre keine 100 000. Brett- und Segelfirmen, meist biedere mittelständische Unternehmen, trieben ihre Umsätze in die Höhe. So beschäftigte »HiFly« vor wenigen Jahren 20 Leute; heute hat die Firma 35 Mitarbeiter und machte 1983 einen Umsatz von 50 Millionen Mark. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 430 000 Surfbretter verkauft.

Mit Ausnahme von Robby Naish erreicht von den 50 Profi-Surfern, darunter 210 Deutsche, allerdings niemand auch nur annähernd die Jahreseinkünfte der Ski-Asse wie Franz Klammer und Ingemar Stenmark (500 000 Mark und mehr). Die meisten müssen sich damit begnügen, von ihren Firmen die Ausrüstung gestellt und die Spesen ersetzt zu bekommen.

Naish, 22, Amerikaner aus Hawaii und, so die Werbung für sein neues Buch, ein »Superstar in diesem spritzigen Sport«, ist seiner Firma »Mistral« jährlich eine sechsstellige Garantiesumme wert. Naish, der »McEnroe des Surfsports«, der bereits mit 13 Jahren erstmals Weltmeister war, gilt längst als Dollar-Millionär.

Obwohl der Holländer Stephan van den Berg in Los Angeles erstes olympisches Surf-Gold holte: Die Preise in der Branche diktiert Naish allein. Er wirbt in den Vereinigten Staaten auch für sportfremde Industriezweige und die Worldcup-Sieggelder - 3 600 Mark bei den Kursrennen, 2 800 Mark im Slalom, 2 200 Mark im Waveriding (Wellenreiten) - sind für ihn nicht mehr als ein Taschengeld.

Als ihn im ersten Rennen in La Torche sensationell der Deutsche Björn Schrader besiegte, gratulierte Naish locker: »It was about time« - das war überfällig. Seinem mit einem dicken Bankkonto gepolsterten Selbstbewußtsein kann auch eine Niederlage nichts mehr anhaben.

Schrader, derzeit der beste deutsche Surfer, hat seine berufliche Zukunft eng mit dem Sport verknüpft. Die Schule hat der Münchner Kaufmannssohn noch vor der Mittleren Reife verlassen und bei »HiFly« angeheuert. Die Firma zahlte auch ihm zunächst nur Material und Reisespesen und stockte erst auf, als sich überdurchschnittliches Talent zeigte. Seit einem Jahr erhält Schrader zusätzlich ein festes Monatsgehalt: 3000 Mark.

Dafür lebt er »natürlich nicht wie andere in meinem Alter. Ich rauche und trinke nicht, gehe selten später als zehn Uhr ins Bett«. In der Vorbereitungszeit steht er täglich sechs Stunden auf dem Surfbrett, stemmt Gewichte und trimmt sich bei Waldläufen. Sein Vorbild ist der Läufer Edwin Moses, weil der »sportlich super« ist und sich »blendend vermarktet«.

Schrader, der die Eröffnung eines eigenen Surf-Shops plant und der für einen 19jährigen so Erstaunliches von sich gibt wie: »Je mehr ich für meinen Sport in der Öffentlichkeit tue, um so mehr kann ich davon in Zukunft profitieren. Jeder neue Surfer ist auch Kapital für mich«, dokumentiert mit seinem Sinn für Anpassung eine Wende, die offenbar auch vor der einst so schillernden Surfer-Szene nicht haltgemacht hat. »Früher«, erinnert sich Teamchef Dreher, »kamen die Jungs auch zu offiziellen Empfängen in Jeans und Turnschuhen. Heute tragen sie fast alle ein ordentliches Jackett, ein vernünftiges Hemd und oft sogar eine Krawatte.«

Mit der Aufmachung hat sich auch das Freizeitverhalten geändert, und das erfreut gewiß Kampens »Lola«-Wirt. Er hat früher nach rauschenden Surfer-Festen seine Kneipe regelmäßig renovieren müssen.

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