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DOPING Vom Mann zum Monster

Fast alle Spitzensportler hängen an der Nadel, mindestens sieben von zehn dopen sich verbotenerweise. Jetzt kommen neue Drogen auf den Markt, die im Doping-Test nicht mehr nachzuweisen sind. *
aus DER SPIEGEL 21/1987

Ein Supermann, der als Gewichtheber Eisen zur Hochstrecke bringt - mancher trainingshalber 90 Tonnen pro Tag -, zeigt stolz alle Muskeln vor, ausgenommen seinen »glutaeus maximus«. Der große Gesäßmuskel wird nicht aus Scham unter dem Satinhöschen verborgen, sondern aus Vorsicht. Denn das Hinterteil eines Spitzensportlers sieht oft aus, als sei es von einem Schrotschuß getroffen worden.

Die vielen kleinen Löcher sind Injektionsstellen. Wer es als Athlet zu Sieg, Ruhm und Geld bringen will, der hängt an der Nadel: Ganz legal lassen sich die Sportler im Laufe ihrer Karriere Hunderte, oft Tausende von Injektionen verpassen - in den Po und in die Venen, unter die Haut oder in die Gelenke. Aus der Spritze kommen Heil und Sieg, hofft der Sportler, doch er fürchtet zugleich, es könnten auch Krankheit und Tod sein.

Diese Sorge ist begründet: Mindestens sieben von zehn Hochleistungsathleten geben sich mit den legalen Hilfen - der keineswegs risikofreien Injektion von Vitaminen, Mineralien, Eiweißpräparaten, schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten, diversen Aufbaustoffen und Homöopathika - nicht zufrieden.

Verbotenerweise treiben sie zusätzlich Doping, _(Doping, dopen: abgeleitet vom ) _(Zuluwort doop ("berauschender Schnaps"). )

definiert als »die Verwendung von Substanzen aus verbotenen Wirkstoffgruppen«. Das sind einige Hundert. Sie führen den rivalisierenden Sportsfreund und das Publikum hinters Licht.

»Der Hochleistungssport«, sagt der österreichische Professor Ludwig Prokop, lange Zeit Nummer eins aller Sportärzte, »ist zu einer Art totalen Krieges« geworden, der »keine Rücksicht auf die Gesundheit des Athleten« mehr nimmt.

Doping kennt keine Grenzen mehr - es wird in allen Ländern und in allen Sportarten praktiziert. Eine internationale Mafia handelt mit den begehrten Drogen und verbreitet Tips. »Der Radsport ist zu einem einzigen Drogenmarkt geworden«, erklärt Daniel Morelon, der Trainer der französischen Pedaleure. »Die Fahrer brauchen Präparate um einzuschlafen, um wach zu werden und vor allem, um Leistung zu bringen. Es geht nichts, solange sie nicht ihre tägliche Spritze haben.«

Professor Wildor Hollmann, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln und seit Jahrzehnten erfolgloser Streiter gegen die Pharma-Manipulation des Sports, hat alle Hoffnung fahrenlassen: »Niemals«, auch nicht in »fernster Zukunft«, werde es einen »Hochleistungssport ohne Doping-Problem geben«.

Sein Amts-Kollege, der Biochemieprofessor und Doping-Fahnder Manfred Donike, hat mittlerweile gut 1400 in der Bundesrepublik zugelassene Medikamente, die zum Doping mißbraucht werden, aufgelistet: Von A wie »Aludrin« (eigentlich gedacht für Asthmatiker und Herzkranke) bis Z wie »Zinc in der Ophtiole«, hergestellt für Augenkranke, zweckentfremdet als Schnellmacher.

Seit 1982 die »Kommerzialisierung einer klassischen Amateursportart wie der Leichtathletik offiziell sanktioniert« wurde, befürchtet nicht nur Hollmann eine weitere Zunahme der Verletzungen und des Risikos. Auch den Spitzensportlern wird immer mulmiger.

»Um des sportlichen Erfolges willen nehmen wir viel auf uns«, erklärten Ingrid Thyssen und Gaby Bußmann, die gewählten Sprecherinnen der deutschen Leichtathletinnen, nach dem ungeklärten Tod der 26jährigen Siebenkämpferin Birgit Dressel. Bußmann und Thyssen drohend: »Das Risiko, unser Leben zu verlieren, gehört nicht dazu.« Die beiden fordern nach dem »abrupten Tod« der Sportlerin eine schnelle, gründliche Aufklärung, damit »die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen« werden können .

Das wird noch lange dauern und wohl trotzdem nicht gelingen. Birgit Dressel, die nach der Injektion von drei Spritzen gegen trainingsbedingten Hexenschuß am 10. April auf der Intensivstation der Mainzer Uni-Klinik starb - offiziell an der »Unverträglichkeit zweier oder mehrerer Medikamente« -, ist inzwischen eingeäschert und beerdigt worden.

Die inneren Organe wurden vorher sichergestellt. Der leitende Oberstaatsanwalt: »Alles Wesentliche ist da.« Eine gerichtsmedizinische Untersuchung auf Medikamente und andere Fremdstoffe soll nun klären, welche Substanzen Birgit Dressel im Leib hatte. »Diese Untersuchung«, erläutert der hinzugezogene Professor Hans-Joachim Wagner aus

Homburg/Saar, »steht noch ganz am Anfang.« Sie werde mindestens Wochen dauern.

Ohnehin bezweifeln Experten, daß sich Frau Dressels plötzlicher Tod jemals vollständig aufklären läßt. Die Leichenschau ("Autopsie« oder »Sektion") löst selten alle Rätsel des Sterbens, vor allem dann nicht, wenn bei einem jungen Menschen sichtbare Organveränderungen fehlen. Über das tödliche Mit- oder Gegeneinander dieser Medikamente können auch nach einer chemischen Untersuchung der Gewebe die Rechtsmediziner meist nur spekulieren. So sagt der Oberstaatsanwalt: »Für uns ist dieser Tod ein Novum.«

Im Sommer vorigen Jahres war Birgit Dressel nach einem Wettkampf in Trier von dem Doping-Experten und Sportwart des rheinhessischen Leichtathletik-Verbandes Horst Klehr »unter Zeugen« über die »gesundheitsschädliche Wirkung von Dopingmitteln« aufgeklärt worden. Sie hat damals erwidert, »heutzutage« könne man »alles injizieren und alles einnehmen, weil alles wieder reversibel« sei.

Diese Hoffnung ist unter weiblichen Spitzensportlern weit verbreitet. Die Athletinnen spüren früher und nachhaltiger als die Männer die negativen Wirkungen maximalen Trainings und der zusätzlichen Pharmazeutika, legaler und illegaler gleichermaßen. Gewöhnlich wird als erstes die Sexualität gestört.

Hartes Training fördert die Vermännlichung ("Virilisierung"). Der Busen und das harmonisch konturierende Unterhautfettgewebe gehen zurück. Ausdauerleistungen bringen den monatlichen Zyklus durcheinander, am Ende unterbleibt der Eisprung, die Monatsblutung versiegt. Das ist ein Schutzmechanismus des Körpers, der in einer Situation maximaler Anstrengung und Bedrohung nicht auch noch schwanger werden möchte. Diese Art der Unfruchtbarkeit wurde zuerst in Straflagern als »KZ-Syndrom«- beobachtet.

Obwohl die meisten Hochleistungssportlerinnen wegen dieses Hormonmechanismus während ihrer aktiven Zeit gar nicht schwanger werden können, nehmen sie Anti-Baby-Pillen. Begehrt (und von den Sportärzten verordnet) sind solche Pillen, die reichlich Gestagene enthalten. Dieses künstliche Hormon leitet sich vom männlichen Wirkstoff Testosteron ab, der für Kraft und Ausdauer, für Muskelwachstum, Hoden, Haarwuchs und aggressives Durchsetzungsvermögen verantwortlich ist.

Die Pillen mit den männlichen Hormonen haben beträchtliche Nebenwirkungen: Sie verstärken die Virilisierung, den Damen wächst ein Bart. Ihre Libido nimmt stark zu. Das wird als besonders tückisch erlebt, weil die Zunahme der sexuellen Erlebnisfähigkeit einhergeht mit der deutlich sichtbaren Verminderung aller weiblichen Attribute. Die Verehrer suchen das Weite.

Noch schlimmer wird die Situation, wenn Frauen die mit dem Testosteron verwandten Anabolika einnehmen. Diese eiweißanbauenden Hormone, ursprünglich entwickelt für Krebskranke und Bettlägerige, sind im Hochleistungssport inzwischen gang und gäbe. »Ihre Anwendung bei Frauen, Jugendlichen und Kindern ist wirklich kriminell«, urteilt der Hormon-Experte Hans Kuno Kley, Chefarzt der medizinischen Klinik Singen. Anabolika-Gebrauch führe »zu Virilisierung, Akne, verstärktem Talgfluß, Stimmvertiefung. Bartentwicklung, Glatzenbildung und zu einer krankhaften Vergrößerung der Klitoris«. Der Kitzler bleibt groß, auch nach Ende der Sportkarriere.

Demnächst erwarten die Experten auch in den europäischen Trainingslagern neue Doping-Drogen, die jetzt schon in USA Furore machen. Sie werden gentechnisch gewonnen, gleichen den körpereigenen Wirkstoffen aufs Molekül genau und sind deshalb überhaupt nicht mehr nachzuweisen. Das Fachblatt »Leistungssport« freut sich schon auf die »neue Generation der Dopingmittel«. Es werde »inzwischen möglich, nicht mehr durch körperfremde Substanzen den gewünschten Reiz zu erzeugen«, sondern die Körperorgane »so zu stimulieren, daß diese von selbst erheblich mehr der entsprechenden Substanz hervorbringen«. Als Botenstoff wirken von Bakterien produzierte Neurotransmitter.

Auf dem Markt zu haben ist bereits das von der menschlichen Hirnanhangdrüse hergestellte Wachstumshormon ("STH« oder »HGH« genannt). Bisher wurde es aus den Drüsen Verstorbener gewonnen und zwergwüchsigen Kindern injiziert. Jetzt läuft die Droge im Sportler-Untergrund, denn dort herrscht »offenbar großer Bedarf« (Kley). Noch können sich die teure Spezialität nur wenige gut verdienende Athleten leisten. Weil HGH inzwischen jedoch auch von Bakterien sezerniert wird, ist demnächst mit Preisabschlägen zu rechnen.

Das Bild der Athleten wird sich deshalb wieder wandeln - diesmal vom Weib und Mann zum Monster. HGH, als Dopingmittel mißbraucht, führt, sagt Kley, zu »einer Hypertrophie von Weichteilgewebe": Kinn und Ohren wachsen, die Gesichtszüge vergröbern sich, die Sprache wird guttural. Außerdem ist mit Riesenwuchs zu rechnen.

»Irgendwelche Pioniere, die alles ausprobieren, was überhaupt erhältlich ist, gibt es immer«, prophezeit Michael Kraus, 31, Arzt in Gladbeck und früher Europameister im Delphinschwimmen.

Der Orthopäde Thomas Wessinghage, 35, Europameister 1985 über 5000 Meter, beklagt, daß die reisenden Sportler sich mal von diesem und mal von jenem Doktor eine Spritze verpassen lassen, »oft ohne zu wissen, welche Substanzen sie erhalten«.

Hochleistungssport ist eben, analysiert Dr. med. Heidi Schüller, 36, »ein knallharter Deal«. Die ehemalige Weltklasse-Weitspringerin: »Der Hochleistungssport lebt in einer Grauzone.«

Für manchen Aktiven kann es schnell völlig dunkel werden. Birgit Dressels Kameradinnen, die Sprecherinnen der deutschen Athletinnen, ahnen das: »Ähnlich Verhängnisvolles kann sich täglich wiederholen.«

Doping, dopen: abgeleitet vom Zuluwort doop ("berauschenderSchnaps").

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