Athletenkritik an Spitzensportförderung »Wollen wir Vielfalt fördern oder Medaillen maximieren?«

Soll sportlicher Erfolg nur in Medaillen gemessen werden? Vor der Sportministerkonferenz stellt der Verein Athleten Deutschland dieses Prinzip offen infrage – und fordert eine Neuverteilung von Fördergeldern.
»Halbprofis« könnten »nicht mit Vollprofis mithalten«, kritisierte Sprinterin Gina Lückenkemper die aktuelle Spitzensportförderung

»Halbprofis« könnten »nicht mit Vollprofis mithalten«, kritisierte Sprinterin Gina Lückenkemper die aktuelle Spitzensportförderung

Foto: Michael Kappeler / dpa

Die Debatte über die Ausrichtung der Spitzensportförderung in Deutschland nimmt während der European Championships in München Fahrt auf. Einen neuen Beitrag liefert der Verein Athleten Deutschland. Vor der Sportministerkonferenz am Dienstag in München veröffentlicht die Sportlervertretung ihre Analyse mit dem Titel »Warum ist es uns das wert?«. Darüber berichtete die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« vorab.

In dem 85-seitigen Papier, das die Athleten den Sportministern von Bund und Ländern zukommen lassen, fragen die Athleten nach den wünschenswerten Funktionen der staatlichen Spitzensportförderung und kritisieren den Medaillenspiegel als einzigen Gradmesser für Erfolg. »Wir möchten damit den Elefanten im Raum auf die sportpolitische Agenda heben«, sagen sie.

Dieser »Elefant« sei die Frage nach den Zielen des Leistungssports: Warum werden Steuergelder wie verteilt? »Welche Disziplinen im Spitzensport wollen wir aus welchen Gründen fördern?«, fragen die Athleten und kritisieren: »Die Mittelverteilung, so wie sie im Rahmen der Leistungssportreform vorgesehen ist, bedeutet eine undifferenzierte Optimierung von Erfolg.« Ohne den Nutzen für die Gesellschaft, die »Gemeinwohlsteigerung« in den Blick zu nehmen.

Kritik an Medaillenerfolgen als einzigem Gradmesser

1,2 Milliarden pro olympischem Zyklus fließen seit der Reform vor sieben Jahren, die der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière angestoßen hatte, allein vom BMI in den Sport. Die Kritik an dem System wird nach dem Ausbleiben von Medaillenerfolgen wie bei der Leichtathletik-WM in Eugene immer lauter. Für die Athleten greift die Fixierung auf Medaillen aber ohnehin zu kurz, sie fordern unter anderem:

  • eine Grundsatzdebatte und einen neuen gesellschaftlichen Konsens über Rolle, Funktion und Ziele der staatlichen Sportförderung

  • transparente Verteilung der Fördermittel, unter Berücksichtigung der Breitenwirkung einzelner Sportarten, anstelle des Medaillenerfolgs

  • die Athletinnen und Athleten und ihre sportliche und persönliche Potenzialentfaltung in den Mittelpunkt zu stellen

Sportfördergesetz oder neue Vergaberichtlinien möglich

Der gewünschte Gesellschaftsvertrag, so steht es in der Analyse der Athletenvertretung, könne »eine Änderung der Förderrichtlinien« oder »sogar einen eigenen Gesetzgebungsprozess für ein Sportfördergesetz« bedeuten. Die Gelegenheit scheint günstig: Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hat ein Zukunftskonzept für den Spitzensport zum Jahresende versprochen, inklusive öffentlicher Anhörung zur Förderung.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser

Bundesinnenministerin Nancy Faeser

Foto: IMAGO/Political-Moments

Im Hinblick auf die öffentliche Wertedebatte, die das Papier anstoßen soll, fragte Athleten-Geschäftsführer Johannes Herber: »Wollen wir Vielfalt fördern oder Medaillen maximieren? Wollen wir mit Nationen konkurrieren, in denen nachweislich gedopt wird und schon Kinder unter immensem Druck und Trainingspensum Leistungssport betreiben? Wie kann die Strahlkraft des Spitzensports möglichst vielen Menschen nutzen?«

Die Kritik von Sportlerinnen und Sportlern wird lauter

Zuletzt hatten unter anderem Leichtathletikstars wie Malaika Mihambo und Gina Lückenkemper oder Ruderer Oliver Zeidler die Strukturen im deutschen Sport teils lautstark kritisiert. »Wir müssen komplett umdenken und alles infrage stellen«, sagte Zeidler. »Der Anspruch der Gesellschaft ist immer, dass wir möglichst viele Medaillen holen sollen. Dann muss aber auch ein entsprechendes Umdenken stattfinden. Ohne Aufwand bekommt man nichts.«

Für den Nachwuchs wird der Spitzensport aber offenbar immer unattraktiver. Der Spagat zwischen dem zeitfressenden Training und der Berufsausbildung wird immer schwieriger, nicht jeder hat Lust, sich der Bundeswehr anzuschließen. Und von Halbprofis zu erwarten, »dass sie mit Vollprofis mithalten können«, könne eben nicht funktionieren, schrieb Lückenkemper zuletzt bei Instagram. Die Aussagen zeigen den schwierigen Spagat zwischen den Wünschen einzelner Spitzensportler, durch die Sportförderung international konkurrenzfähig zu werden, und dem breiter gefassten Konzept vom Verein Athleten Deutschland.

Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann sagte im Interview mit dem SPIEGEL mit Blick auf das mit viel Geld geförderte und wenig erfolgreiche deutsche Team bei der Leichtathletik-WM in Eugene: »Eigentlich müsste man das Geld im Tagesgeschäft einsetzen: dass die Sportler trainieren können, gut betreut werden, Leistung entwickeln können. Man muss es zielgerichtet, mit Sinn und Verstand einsetzen. Die Ressourcen sind ja immer begrenzt.«

vgl/sid
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