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Olympia 2000 »Vor Terror darf ich keine Angst haben«

aus DER SPIEGEL 32/1996

Hemmerling, 50, ist Chief Executive des Organisationskomitees der Sommerspiele 2000. Zuvor war er Direktor im Staatsministerium von Südaustralien und organisierte zehn Jahre lang den Formel-1-Grand-Prix in seiner Heimatstadt Adelaide.

SPIEGEL: Mr. Hemmerling, was haben Sie in Atlanta gelernt?

Hemmerling: Wir hatten 104 Beobachter in Atlanta. Da ihnen überall Einblick gewährt wurde, haben wir tausend Dinge erfahren. Wir werden jede Menge Kisten mit Material nach Sydney bringen und auswerten. Wesentlich sind drei Punkte. Erstens: Wer Olympia organisiert, kann gar nicht früh genug mit den Vorbereitungen beginnen. Zweitens: Jede Wettkampfstätte sollte wie eine selbständige Firma gemanagt werden. Und drittens: Sydney wird den Fokus wieder auf die Helden der Spiele richten - die Athleten.

SPIEGEL: Besser als die Kollegen in Atlanta zu sein dürfte nicht schwerfallen.

Hemmerling: Atlantas Organisationschef Billy Payne und seine Leute haben sehr hart gearbeitet, und ich werde sie nicht kritisieren. Das steht mir nicht zu.

SPIEGEL: Was hat Ihnen denn gefallen bei Olympia 1996?

Hemmerling: Niemand kann die Gastfreundschaft dieser Stadt übertreffen. Wenn die Menschen in jeder Stadt der Welt so wären, hätten wir einen besseren Planeten.

SPIEGEL: Viele Helfer waren nett, aber ahnungslos.

Hemmerling: Wir werden unsere Mitarbeiter ausgiebig schulen. Aber Probleme wird es bei solchen Veranstaltungen immer geben. Und soll man freiwilligen Helfern, die kein Geld verdienen, mit Entlassung drohen?

SPIEGEL: Was hat Sie außerdem noch beeindruckt in Atlanta?

Hemmerling: Die Stimmung in den Stadien war herausragend. Auch die Sportstätten und die Organisation der Wettkämpfe waren hervorragend. Und nur um diese zwei Dinge geht es doch: erstklassige Wettkämpfe und Menschen, die bei Olympia eine gute Zeit verbringen.

SPIEGEL: Die chaotische Form des Athletentransports und den gesamten Bereich der Telekommunikation werden Sie wohl kaum kopieren.

Hemmerling: Eher nicht. Vor dem Jahr 2000 werden die Computer durch zwei Generationen gehen. Aber eines haben wir hier gelernt: Wir werden keine Computer verwenden, die sich nicht zwölf Monate vorher bewährt haben. Unsere Spiele werden kein Versuchsprogramm für Computer werden. Die Ergebnisdienste werden vor Beginn der Spiele getestet.

SPIEGEL: Hat es Sie überrascht, daß die Amerikaner so schlecht vorbereitet waren?

Hemmerling: Es ist nicht wichtig, ob es mich überrascht hat. Teile des Systems haben funktioniert, andere nicht. Vielleicht war das System zu komplex und zu schwierig.

SPIEGEL: Werden die Athleten in Sydney Eintrittskarten für die Wettkämpfe bekommen?

Hemmerling: Wenn ihre eigenen Wettbewerbe vorüber sind, werden sie die Möglichkeit haben, andere Wettkämpfe zu besuchen.

SPIEGEL: Wie wird das Athletendorf in Sydney aussehen?

Hemmerling: Wir haben ein völlig anderes Konzept. Wir bauen kleine Häuser mit drei Schlafzimmern. Es wird kein Campus mit Wohnheimen sein, sondern eine kleine Vorstadt. Nirgendwo müssen sich mehr als vier Sportler ein Badezimmer teilen.

SPIEGEL: Die Spiele von Atlanta, monieren fast alle Athleten, hätten Olympia endgültig auf Abwege geführt: »Zu kommerziell, zu gigantisch, zu leblos«, sagen sie.

Hemmerling: Wir werden fröhliche und freundliche Spiele organisieren. Und wir werden die Ansprüche der Sportler mit den Ansprüchen der Gesellschaft kombinieren.

SPIEGEL: So hübsche Vokabeln hatte auch Atlanta vorher parat. Was bedeutet das wirklich?

Hemmerling: Das heißt zum Beispiel, daß die Athleten nur über die Straße gehen müssen, um ihre Wettkampfstätten zu erreichen. Im Dorf werden wir Solarenergie nutzen. Es werden Umweltspiele.

SPIEGEL: In den Straßen Atlantas hatte es den Anschein, als würde das Flair Olympias endgültig vom Kommerz erstickt.

Hemmerling: Das Merchandising in der Stadt hatte doch nichts mit dem Organisationskomitee zu tun. Es lag außerhalb von Billy Paynes Kontrolle und wurde zum Teil gegen seinen Willen genehmigt.

SPIEGEL: Die Stadtverwaltung hatte Tausenden von Händlern Genehmigungen erteilt. Wird sich das in Sydney wiederholen?

Hemmerling: Sydney hat nicht so viele Parkplätze wie Atlanta. Und in die Straßen werden wir die Händler nicht lassen. Aber die Struktur unseres Organisationskomitees ist ohnehin anders: Der Bürgermeister hat einen Sitz in meinem Team. In Atlanta waren viele Autoritäten involviert, und sie konnten sich nicht immer auf schnelle Lösungen für die Probleme verständigen. Wir haben nur eine Stelle, die für den Transport verantwortlich ist: die Regierung. Und auch der Regierungsvertreter sitzt in unserem Stab.

SPIEGEL: Werden Sie auch den Einfluß des Fernsehens eindämmen?

Hemmerling: Nein, warum sollten wir? Das Wachstum des Fernsehens ist eine natürliche Entwicklung, und die Quoten, die Atlanta erreicht hat, brechen alle Rekorde. Wir haben die Rechte für Sydney für 715 Millionen US-Dollar an NBC und für 350 Millionen an die europäischen TV-Anstalten verkauft. Ich sehe darin nichts Schlechtes.

SPIEGEL: Trotz solcher Einnahmen zweifeln IOC-Mitglieder daran, daß Sie Ihr Wahlversprechen halten können, die 15 000 Sportler und Offiziellen kostenlos nach Australien zu bringen.

Hemmerling: Aber wir werden es tun. Wir haben unser Versprechen noch einmal erneuert. Wir haben ein Budget von 2 Milliarden Dollar und schon jetzt 1,3 Milliarden eingenommen. Das erleichtert uns die Arbeit sehr.

SPIEGEL: Sind die Spiele so groß geworden, daß Regierung, Stadt und Organisatoren sich zu einer Quasi-Diktatur im Dienste Olympias zusammentun müssen?

Hemmerling: Das wird zunehmend der Fall sein. Olympia hat eine Größe erreicht, mit der du nur fertig werden kannst, wenn alle mitmachen.

SPIEGEL: Wie wollen Sie die Spiele vor Attentätern schützen?

Hemmerling: Unser Sicherheitsplan steht schon weitgehend fest. Aber wir werden diesen Plan wegen der Vorfälle von Atlanta erneut überarbeiten.

SPIEGEL: Sie wollen um die gesamte Stadt einen ersten Sicherheitsring ziehen und dann um jede Wettkampfstätte einen weiteren.

Hemmerling: Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das kann ich nicht kommentieren.

SPIEGEL: Können Olympische Spiele denn überhaupt noch sicher sein?

Hemmerling: Wie soll man ein Individuum davon abhalten, in öffentlichen Bereichen eine Tasche abzustellen und etwas Schreckliches zu tun? Die Sportstätten und das olympische Dorf werden garantiert sicher sein.

SPIEGEL: Ausgerechnet im Centennial Park, dem Herzstück der Spiele, wurden keine Kontrollen vorgenommen.

Hemmerling: Aber selbst da wurde die Tasche mit der Bombe ja gefunden. Nur die Zeit reichte nicht, um alle Menschen aus der Gefahrenzone herauszubringen. Es wäre schlimmer gekommen, wenn das Sicherheitskonzept nicht gegriffen hätte.

SPIEGEL: Einen hundertprozentigen Schutz kann es also nicht geben?

Hemmerling: Nicht, wenn Sie nicht die Welt verändern und jeden Menschen unter Kontrolle haben wollen. Wollen wir zu einer militanten Welt werden oder zu einer freien Gesellschaft? Verrückte Einzelgänger sind nicht zu stoppen, weil hier die Logik nicht mehr greift.

SPIEGEL: Macht Atlanta Ihnen angst?

Hemmerling: Als Kopf unserer Organisation darf ich vor Terror keine Angst haben. Ich muß die Lage ernst nehmen und tun, was ich tun kann.

SPIEGEL: Bei der Schlußfeier wird stets behauptet, die besten Spiele aller Zeiten seien zu Ende gegangen.

Hemmerling: Wir haben in Atlanta die größten Spiele aller Zeiten erlebt.

SPIEGEL: Wir haben nicht von Größe gesprochen.

Hemmerling: Ich habe von Größe gesprochen.

SPIEGEL: Wird Sydney die besten Spiele aller Zeiten erleben?

Hemmerling: Absolut. In Sydney wird die Welt in ein neues Jahrtausend gehen. Die Welt erwartet etwas Spezielles. Und sie wird in Australien etwas Spezielles erleben.

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