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Vorolympische Leiden

Eine ungewöhnlich hohe Verletzungs-Quote dezimierte das Olympia-Aufgebot der Bundesrepublik. Grund: Es fehlt an Sportärzten.
aus DER SPIEGEL 32/1972

In Tokio und Mexiko fürchteten die besten Zehnkämpfer der Welt die bundesdeutschen Bullen am meisten. In München dürfen sie unbesorgt starten: Die erfolgreichsten Zehnkämpfer der Bundesrepublik humpeln nur noch.

Von sechs olympischen Medaillen seit 1964 hatten die westdeutschen Mehrkämpfer vier eingebracht. In diesem Jahr riß dem Weltrekordler und Olympiadritten von 1968, Kurt Bendlin, die Achillessehne. Dem Silbermedaillisten Dr. Hans-Joachim Walde zerfaserte ein Muskel im Oberschenkel.

Bei der Qualifikation in der vorletzten Woche schieden auch die Zehnkämpfer Eberhard Stroot und Herbert Swoboda blessiert aus. Den Meistertitel errang Mehrkampf-Veteran Horst Beyer, 32. Gut erholt hatte er nach seinem Rücktritt die Lücke erkannt.

Aber auch in anderen Disziplinen lasen die Funktionäre mehr ärztliche Bulletins als Rekord-Protokolle. Den schnellsten Sprinter. Franz-Peter Hofmeister, hinderte ein Sehnenschaden an der Qualifikation, die Sprintrekordlerin Inge Helten eine Beinverletzung. Den Turnern fiel Werner Steinmetz wegen eines Achillessehnenrisses aus der Riege. in der Boxbranche bangen die Betreuer um die mehrmals gebrochene Schlaghand des Europameisters Günter Meier.

»Außer einigen Schwimmern und Radfahrern«, überspitzte der Freiburger Röntgenologe Dr. Armin Klümper. »kenne ich keinen Spitzenathleten, der hundertprozentig gesund ist. Besonders zwei Umstände haben das Verletzungsrisiko beträchtlich erhöht: Der gestiege ne Trainingsumfang -- mit tonnen schweren Lasten im Krafttraining und mehr als 1000 Laufkilometern für Langstreckler pro Monat -· belastet vor allem Rückgrat. Gelenke und die Achillessehnen extrem. Aber auch die modernen Kunststoffpisten strapazieren Sehnen und Gelenke mehr als früher die Aschenbahnen.

Um so notwendiger wären vorsorgliche Spezialuntersuchungen. Jeder der etwa 2500 bundesdeutschen Leistungssportler soll denn auch wenigstens zwei mal jährlich nach einheitlichem Maßstab auf den Zustand von Herz, Lungen und Bewegungsapparat überprüft werden. Doch als die Bundesequipe 1968 nach Mexiko aufbrach, war nur jeder zweite gründlich durchleuchtet worden. Zusätzlich mußten die Athleten die sauerstoffarme Höhenluft verkraften; Fremdverpflegung bewirkte zudem Infektionen. So endete die Olympia-Expedition mit einem Waterloo der bundesdeutschen Sportmedizin: Fast jeder zweite Athlet erkrankte, vier wurden vor ihrem Wettkampf außer Gefecht gesetzt. Im Achter mußte am Tag des Finales ein Ruderer ausgetauscht werden. Hämisch bot DDR-Trainer Hans-Günther Rabe Medikamente an: »Wir brauchen sie nicht.«

Als 1971 im Höhentraining auf dem Silvretta-See in Österreich der Zweier-Ruderer Jörg Henn zusammenbrach (Diagnose: Herzvorderwand-Infarkt). stellte der Sportarzt fest, daß der Ruderer sich seit 16 Monaten keinem sportmedizinischen Test mehr unterzogen hatte. »Hätte Henn noch eine Steigerung über 1000 Meter gefahren«, entsetzte sich Ruderarzt Dr. Paul Nowacki, »wäre er tot ins Wasser gefallen.«

Am liebsten hätten die Funktionäre nun jegliche Sporthilfe-Unterstützung mit dem Nachweis der sportärztlichen Pflichtuntersuchungen verbunden. »Das ging nicht, weil die Kapazität nicht ausreicht« beschrieb Professor Dr. Josef Nöcker den wichtigsten Strukturmangel der bundesdeutschen Sportmedizin.

In der Welt gelten westdeutsche Sportärzte neben denen aus der DDR und Skandinavien als führend. Die Fachzeitschrift »Sportarzt und Sportmedizin«, die der Leiter des Kölner Instituts für Kreislaufforschung, Professor Dr. Wildor Hollmann, herausgibt, studieren Experten in vielen Ländern. Aber in der Bundesrepublik sind nur zwei Lehrstühle für Sportmedizin besetzt.

In der DDR arbeiten etwa 450 hauptberufliche Sportmediziner im Leistungssport. Dagegen werden die westdeutschen Spitzensportler in der Regel von Sportärzten unentgeltlich untersucht und behandelt, die in Kliniken und Instituten ihre normale Berufsarbeit leisten.

Internist Dr. Nowacki verbringt etwa 60 Wochenstunden als Assistenzarzt in einer Lübecker Klinik. Anschließend schleust er die Bootsmänner durch die kostspieligen Testapparaturen der Ratzeburger Ruder-Akademie: im Jahr ungefähr 300. Pro Athlet benötigt er nahezu vier Stunden. Zwei Arzthelferinnen müssen bewogen werden. ebenfalls unbezahlte Überstunden zu leisten.

Nöcker, der Chef de Mission der bundesdeutschen Olympiamannschaft von 1968, ist Chefarzt am Städtischen Krankenhaus in Leverkusen und schiebt jährlich 300 Sportler-Untersuchungen an den klinikeigenen Geräten ein.

Gegenwärtig verfügen in der Bundesrepublik 14 sportmedizinische Zentren von Freiburg bis Ratzeburg. von Aachen bis Berlin über die unerläßlichen. oft 300 000 Mark teuren sportmedizinischen Testgeräte. Aber mißtrauisch meiden immer noch einige Athleten das Fahrrad-Ergometer zur Messung der Lungenkapazität und die telemetrischen Sonden, die während des Trainings die Frequenz des Herzschlags aufnehmen.

Viele Athleten vertrauen lieber ihrem Masseur. der sie mehrmals in der Woche durchwalkt. Risiko laufen sie gelegentlich auch auf der Massagebank. Gewichtheber Rainer Dörrzapf ließ sich seine kranken Knie mit einem stark alkoholhaltigen Präparat massieren.

Da sprang ein Funke aus der elektrischen Massagebürste über. Dörrzapf: »Mein linkes Knie brannte lichterloh.«

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