Zur Ausgabe
Artikel 56 / 85

VERBÄNDE / DAUME Vorolympische Spiele

aus DER SPIEGEL 46/1969

Zwanzig Jahre regierte der Dortmunder Unternehmer Willi Daume, 56, den Deutschen Sportbund (DSB). Am vorletzten Wochenende wurde Eisendaume (Telegramm-Anschrift) weich.

In Hannover kündigte der überlastete Multipräsident des bundesdeutschen Sports an: »Ich trete beim DSB-Bundestag im März 1670 zurück.« Freizeit-Golfer Daume will sich darauf konzentrieren, die Olympischen Spiele 1972 in München zu organisieren.

Der Präsident des Organisations-Komitees für die »fröhlichen und heiteren Spiele« (Daume) hatte seine sportliche Karriere 1936 als unbekannter Olympiakämpfer begonnen. Daume zählte zum Aufgebot für das Olympische Handball-Turnier. Als Gastgeber mußten die Deutschen auch eine Basketballmannschaft stellen. Unter den Handballspielern warben die Funktionäre Freiwillige für das damals in Deutschland noch kaum bekannte Spiel. Daume meldete sich zum Korbkampf: Seine ungeübte Mannschaft verlor alle vier Spiele. Die Handball-Equipe erkämpfte Gold.

Als Funktionär glückte Daume dagegen ein Blitzstart. 1950 gründeten die deutschen Sportoberen eine gemeinsame Organisation -- den DSB. Doch die Millionen-Verbände der Kicker und Turner neutralisierten sich gegenseitig. So wählten sie den vermeintlich schwachen Handball-Präsidenten Daume, den der damalige Fußball-Chef Dr. Peco Bauwens als »Däumling« abtat, zum ersten und bislang einzigen DSB-Präsidenten.

Bald konnten die Verbandsfürsten den Kompromiß-Präsidenten nicht mehr entbehren. Der DSB-Bundestag wählte Ihn wieder, meist einstimmig. Außerdem ebneten ihm die Funktionäre den Weg ins Internationale Olympische Komitee (IOC) und an die Spitze des Nationalen Olympischen Komitees (NOK).

Denn Daume entwickelte von allen am meisten diplomatisches Geschick. Er schlichtete Verbandsfehden, verhinderte die Abspaltung der Turner und erschloß immer neue Geldquellen. Vor allem behauptete er sich gegen politischen Druck in einem jahrelangen Flaggenkrieg. Schon 1953, als das abgetrennte Saargebiet bei internationalen Sportveranstaltungen mit eigener Fahne auftrat, empfahl der pathetischem Zeremoniell abgeneigte Daume stillschweigende Duldung.

Die DDR-Fahne hingegen verboten die bundesdeutschen Politiker, IOC-Präsident Avery Brundage verordnete der gesamtdeutschen Olympiamannschaft 1959 die Bundesfahne mit den fünf Olympischen Ringen. Kanzler Adenauer verwarf den Kompromiß: »Wir sind zuerst Deutsche und dann Sportler.« Daume setzte die Olympia-Fahne durch.

Inzwischen zeigt die DDR ihre Embleme bei internationalen Meisterschaften auch auf Bundesboden. Die FDP überreichte Daume dafür eine »Zopf-Schere«. Dagegen schimpfte ihn die »Deutsche National-Zeitung« einen »Verzichtpolitiker«, der »die Ehre des deutschen Sports und unseres Volkes laufend beschmutzt«. Nach Morddrohungen von rechts und links trug Daume zeitweise eine kugelsichere Weste und erhielt Polizeischutz.

Für seine eigenen Unternehmungen fand der Alleinsportchef immer weniger Zeit. Er leitet seine Dortmunder Eisengießerei, ist Geschäftsführer der Erzhandelsgesellschaft Vies-Metall, Aufsichtsrat der Klein, Schanzlin und Becker AG in Frankenthal und Kommanditist der Feuchtwanger Bank in München. Doch während Daume auf dem Geschäftssektor die Arbeit weitgehend fähigen Managern überließ, vermochte er die ehrenamtliche Sportführung nicht dem modernen Standard anzupassen.

Besonders der konservativen Funktionären ausgelieferte, bald zehn Millionen Mitglieder zählende DSB erwies sich als zu schwerfällig, die Aufgaben des Leistungs- und Jedermann-Sports zu meistern. Versandhauschef und Olympiasieger Josef Neckermann verwirklichte als Vorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe das Modell einer unbürokratischen Selbsthilfe-Organisation.

Neckermann faßte Politiker, Publizisten, Verleger und neben seinem Quelle-Konkurrenten Gustav Schickedanz die Spitzen der umsatzstärksten Konzerne und Großbanken zu einem Stifter-Kartell zusammen. So sammelte die Sporthilfe Millionenbeträge und verschaffte Leistungssportlern berufliche Förderung (siehe Interview Seite 198).

Nur Daume war nicht zu helfen. Seit der »Krawattenmann des Jahres 1966« (er sammelte 2000 Stück) zusätzlich die Organisation der Münchner Spiele übernommen hatte, wuchs ihm die Arbeitslast über den Kopf. Deshalb verpflichtete er den Düsseldorfer Alt-Sportler und FDP-Minister Willi Weyer als Geschäftsführenden DSB-Präsidenten. Doch die Altfunktionäre widersetzten sich Weyers Reformplänen. Der Minister, dem im Sommer 1970 Landtagswahlen bevorstehen, trat demonstrativ zurück.

Drei Wochen später verzichtete auch Daume auf sein DSB-Amt. Bevor er in sein Münchner Olympia-Hauptquartier übersiedelte, bestellte er einen Reformausschuß. Vorsitzender: Weyer.

Einige DSB-Mitglieder prophezeien: Nach dem München-Olympia 1972 wird Daume zurückkehren.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 85
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.