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Sport Wackler im Flug

Ingenieure haben den modernen Hochgeschwindigkeitsball entwickelt. Die Frage ist, ob er flattert. Die Torhüter sehen sich als Opfer einer Materialschlacht.
Von Jörg Kramer
aus DER SPIEGEL 25/2008

Den heftigsten Angriff auf sein Geschöpf konnte Hans-Peter Nürnberg in Herzogenaurach am Fernseher verfolgen. »Grundsätzlich«, sagte da der Torwarttrainer Andreas Köpke vom Podium in Ascona, »ist keiner zu 100 Prozent mit dem Ball zufrieden.« Vorher hatte Deutschlands Torhüter Jens Lehmann auf das Werk geschimpft ("Flattern tut er auch"), der tschechische Keeper Petr Cech nannte es »unberechenbar«.

Nürnberg, 44, ein sportlicher Mann in Jeans, entwickelt seit zwölf Jahren Fußbälle für die Firma Adidas, die für Turniere immer das Spielgerät liefert. Er hat im Innovationsteam schon den »Fevernova« für die WM 2002 mitkreiert, auf den aktuellen »Europass« war er besonders stolz. Und dann das. Nürnberg beugt sich vor in einem Sessel, der aussieht wie ein ausgehöhlter Stollen eines Fußballschuhs, und sagt: »Das lässt einen nicht kalt.«

Er ist für zwei Tage nach Wien gekommen, wo die Firma ihren EM-Sitz hat, in einer Halle im Museumsquartier. Auf dem Vorplatz haben sie die Schuhe der Stars, die sie ausrüsten, in Automobilgröße ausgestellt, aber jeder redet nur über den Ball. Er flattere, hatte auch Philipp Lahm gesagt, der Verteidiger, und es sah plötzlich aus, als hätte in der Materialschlacht im Fußballsport eine Seite drastisch überzogen.

Die Mannschaften trainieren nach Plänen aus dem Computer, der Rasen kommt aus dem Labor. Der vollsynthetische Ball ist seit 2004 nicht mehr genäht, sondern mit einer Thermotechnik geklebt, er besteht nur noch aus 14 Segmenten, hat also wenige Schnittstellen und gilt als besonders rund. Der Europass ist von einer Gänsehaut überzogen, einer Noppenstruktur, die ihn griffig macht, auch bei Regen. Es heißt, dass diese Mikrotextur zwischen Schuh und Ball ein Aquaplaning verhindere.

Aber wenn die Kugel doch flattert? Nürnberg hält das für ein »aufgebauschtes Phänomen«. Der Entwicklungsingenieur hat in der C-Jugend des 1. FC Köln gespielt und bei Christoph Daum trainiert, er hat auch Testverfahren für Bälle entwickelt. Sie haben den Europass im Windkanal umströmen lassen, das Radargerät »Track Man«, einst zur Projektilerkennung beim Militär eingesetzt, misst die Flugkurve, sie prüfen die Wasseraufnahme im Wasserbad.

Ziel war es, einen möglichst wetterbeständigen, homogenen Ball zu entwickeln. Ein Roboterbein, das sie »Robby Leg« nennen, zimmert die Kugel mit 100 Stundenkilometern immer wieder an nahezu dieselbe Stelle in den Torwinkel, und selbst wenn man sie nass gesprüht hat, weicht sie nur einen halben Durchmesser vom Einschlagpunkt ab.

Nürnberg, den Vater des Balls, macht es müde, dass die Torhüter klagen. »Wir wollen nicht verhindern, dass sie den Ball fangen«, versichert er. Die Torhüter sehen sich schon lange als Opfer des Fortschritts. Seit 1992 dürfen sie den Ball beim Rückpass nicht mehr mit den Händen greifen, sie müssen im modernen Abwehrspiel den Libero ersetzen und dabei Kopf und Kragen riskieren. Cech trägt einen Carbonhelm, seit er beim Zusammenprall mit einem Feldspieler einen Schädelbruch erlitt.

Die Handschuhindustrie hat darauf reagiert, dass der moderne Torwart die gefangene Kugel gleich wieder nach vorn werfen soll. Lehmanns Ausrüster Nike beispielsweise hat die störenden Nähte an den Fingerinnenseiten eliminiert, so kann man den Ball besser kontrollieren, wenn man schnell umgreifen muss. Die Firma Reusch nennt ihren aufpralldämpfenden Latexschaum »Catch Control«, Adidas hat den »Fingersave«, das sind Kunststoffstäbchen, die sich nach hinten versteifen.

Es ist, als hätte ein Wettrüsten zwischen dem Schützen und dem Mann im Tor eingesetzt. Der moderne Hochgeschwindigkeitsball wird heute vorsichtshalber lieber gefaustet als gefangen, und so hat der Adidas-Handschuh nun das System »Punching Power« zur Verstärkung - kleine Knöchelpolster aus Kunststoff und Luft.

Das alles hilft nichts gegen einen Flatterball. Jede fliegende Kugel ist Luftströmen ausgesetzt, und ein in Eigenrotation versetzter Ball kann dank seitlicher Kräfte um die Kurve fliegen. Man nennt das den Magnus-Effekt oder auch Bananenflanke. Volleyballer wiederum machen sich das Phänomen zunutze, dass eine ohne Spin fliegende Kugel zu flattern beginnt und plötzlich abstürzt. Das hat mit dramatisch wachsendem Luftwiderstand und mit Turbulenzen zu tun, die sich in der Wirbelschleppe hinter dem Ball bilden.

Fliegt der Europass besonders turbulent? Vielleicht, meint der Biomechaniker Wolfgang Potthast, an dessen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln der Europass-Vorgänger »Teamgeist« für den Weltverband Fifa getestet wurde. Der besonders formvollendet runde Ball sei womöglich leichter so zu treffen, dass er eben nicht rotiert - eine Voraussetzung für den Flattereffekt. Dann wären die Wackler im Flug ein Resultat seiner Perfektion.

Nürnberg, der Schöpfer, glaubt das nicht. Schließlich habe man optimale Ballannahmen bei der EM gesehen, auch nach weiten, scharf gespielten Pässen. Er glaubt an ein visuelles Problem. Das Design enthält allerlei Symbole, Logos, die Landesflaggen der Ausrichter. Lehmann und Cech, die den Ball aus der englischen Liga nicht kannten, könnten irritiert gewesen sein.

Bei künftigen Modellen werde das vielleicht berücksichtigt, sagt Nürnberg. Den WM-Ball für 2010 hat er aber schon fertig. JÖRG KRAMER

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