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TEN HOFF Walcott will kommen

aus DER SPIEGEL 1/1952

Auch wenn die Halle 30 000 statt der 15 000 Menschen fassen würde, wäre kein Stehplatz mehr zu haben«, glaubt Veranstalter Franz Reiß. Das »Palais des Sports« in Brüssel ist für den Titelkampf um die Europameisterschaft im Schwergewicht seit Wochen ausverkauft.

Es geht am 12. Januar 1952 in Brüssel zwischen dem Europameister Hein ten Hoff und dem Belgier Karel Sys (dem Bruce Woodcock 1946 den Gürtel eines Europameisters abnahm) um mehr als den goldenen Lorbeerkranz: Der Sieger dieses Kampfes hat die Einreisegenehmigung in das große amerikanische Boxgeschäft in der Tasche.

Als die EBU (Europäische Box-Union) Karel Sys als offiziellen Herausforderer anerkannte, gegen den Hein ten Hoff bis zum 15. März geboxt haben muß, verlangte USA-Remigrant Fred Kirsch, der den deutschen Europameister managt, von dem belgischen Veranstalter Franz Reiß eine 70 000-DM-Börse für ten Hoff.

Der belgische Veranstalter Reiß aber wußte, daß die finanziellen Vorteile auf seiner Seite lagen. Denn Hein ten Hoff kann es sich nicht leisten, die erste Titelherausforderung als Europameister abzulehnen. Er hätte ohne Kampf seinen neuerrungenen Titel automatisch verloren.

Ten Hoff-Manager Fred Kirsch mußte finanziell nachgeben. Nach langem Tauziehen, bei dem der clevere 2½-Zentner-Mann diesmal durchaus nicht das längere Ende, sondern höchstens das dicke zog, war der Kampf nicht nur um die Europameisterschaft, sondern auch um die Weltmeisterschaftschance perfekt.

Die Promoter-Kollegen gönnten zunächst Manager Kirsch diese scheinbare geschäftliche Schlappe. Der Präsident des deutschen BdB (Bundes deutscher Berufsboxer), Walter Eckelmann, versuchte durch einen Beschwerdebrief an die EBU den newcomer Kirsch, der einst im »Club Düren 99« Fußball gespielt hatte, ganz aus dem deutschen Boxgeschäft herauszudrängen. Eckelmann forderte Entzug der EBU-Lizenz für ten Hoff-Manager Kirsch wegen »ehrenrührigen Verhaltens«. Ihm ist die Verbindung Hoff-Kirsch seit langem unheimlich. Der Boxer-Präsident fürchtet, daß der Deutsch-Amerikaner mit Hilfe seiner guten Beziehungen zur IBU (International Boxing Union) in New York auch die deutschen Boxer in das amerikanische System der Syndicatfighter eingliedern könnte.

Die sogenannten Syndikatsverträge liefern den Boxer völlig dem Promoter aus, mit dem er sich auf einen drei oder fünf Jahre befristeten Ausschließlichkeitsvertrag einlassen muß. Gegner und Herausforderer bestimmt dann der Promoter. Der Boxer hat ihm in diese Fragen nicht hineinzureden.

Kirsch und ten Hoff kamen zusammen, als der von Kirsch gemanagte Boxer »Tiger« Jones in der Berliner Waldbühne gegen Hein ten Hoff im April 1951 antrat. Die Zuschauer wunderten sich, warum Jones den ten Hoff nicht mehr richtig traf, nachdem der Deutsche in der vierten Runde einmal am Boden gewesen war. Hein ten Hoffs neuer Manager hieß nach diesem Kampf Fred Kirsch.

Fred Kirsch war des jetzigen Weltmeisters Walcott Manager, als der in Mannheim über ten Hoff siegte. Er verhandelt bereits mit Walcotts ständigem Manager Bocchicchio und dem Madison Square Garden. Felix Bocchicchio ließ jedoch durchblicken, daß er mit seinem Schützling Walcott zu einem Titelkampf um die Weltmeisterschaft gerne nach Deutschland käme.

Denn die amerikanischen Veranstalter sind noch mißtrauisch. Für Amerika bringt Hein ten Hoff bisher nicht mehr mit als:

* die Niederlage gegen Walcott, der damals von Fred Kirsch gemanagt wurde,

* einen Punktsieg über »Tiger« Jones, der ebenfalls von Fred Kirsch gemanagt war,

* seinen Titel als Europameister, der in den USA noch nie viel wert war.

Nur drei Europäer bekamen gleich beim ersten Start in den Vereinigten Staaten das Herausforderungsrecht für die Weltmeisterschaft: die Franzosen Georges Carpentier (1920), Eugene Criqui (1923) und Ray Famechon (1950). Sogar Max Schmeling und Marcel Cerdan mußten sich erst durch Ausscheidungskämpfe eine Titelchance erobern. Für ten Hoff heißt sie: Sieger über Karel Sys.

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