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Warmblütiger Export

aus DER SPIEGEL 28/1948

Sonnabend vormittag war schulfrei im Aachener Grenzzipfel. In der Soers, dem flaggengeschmückten Rasenviereck des Aachener Spring- und Reitturniers, tobten unter 32000 Zuschauern begeisterte Schuljungs, statt auf den Kommentar ihres Kantors zu lauschen.

US-Colonel Thomson war der erste, der dem 65jährigen Felix Bürkner zu seinen Dressur-Erfolgen gratulierte. Das letztemal hatten sich die beiden auf der Berliner Olympiade die Hände gedrückt, vor zwölf Jahren, als der a. D.-Major Deutschlands Pferde mit Erfolg goldmedaillen-fit gemacht hatte.

Damals saßen die Amerikaner noch auf Uebersee-Pferden. Diesmal ritten sie auch deutsche Sieg-Pferde. Auf der Fahrt von Luzern nach London hatten die amerikanischen Olympiareiter ihre Reise unterbrochen, um das Hauptspringen, den Großen Preis von Aachen*), zu holen. Colonel Wing heftete strahlend die Siegerschleife seinem Totila an.

Mit Totila hat Felix Bürkner in Aachen seinen zweiten Schüler wieder entdeckt. Der Fuchs-Wallach wurde als Remontepferd in Berlin unter seiner Leitung zugeritten.

»Unser Alter ist der beste Dressurreiter.« Julius Kroscis muß das wissen. Seit Jahrzehnten betreut er den Oberst und seine Pferde.

Reiten war bei den Bürkners vom Großvater bis zum Felix Tradition. Als achtjähriger fiel Felix zum erstenmal vom Pferde. Als Student gab ihm der Universitäts-Reitlehrer Freiherr von Münchhausen zielbewußten Unterricht. Um immer reiten zu können, wurde Felix Soldat. Als Rennreiter holte er sich dann die ersten Erfolge.

Des II. Wilhelm Kaiserpreise nehmen in seinem Silberschrank neben 65 Tabletts und Pokalen den meisten Platz weg.

Die Olympiade 1912 in Stockholm sah ihn als Dressurreiter. Im Weltkrieg ging dem Schwadronschef außer Kavaliers-Verwundungen alles glatt. Nach Schluß zog es ihn an die Reitschule Hannover, wo er 1923 zum erstenmal seinen Abschied nahm. Seine zweite Olympiade erlebte Bürkner in Amsterdam, die letzte (und erfolgreichste) als Dressurverantwortlicher im Jahre 1936 in Berlin.

Am besten gefiel es ihm (wieder reaktiviert) bis 1943 in Krampnitz. Nicht nur der Pferdesport traf sich auf dem Gelände der Reit- und Fahrschule bei Berlin, auch für Diplomaten und Staatsmänner aus aller Welt waren die Bürknerschen Dressuren eine deutsche Attraktion. Höhepunkt: die weltbekannte Schulquadrille, in historischen Kostümen geritten. Felix Bürkner auf dem ungeschlagenen Imperator vorweg. Mit Musik. Vom Flötenspieler Bürkner selbst komponiert.

Seine Anleihen bei Beethoven und Brahms fanden die goebbelsschen Musikexperten abscheulich. Furtwängler dagegen gab seine Begeisterung auf Anforderung sogar schriftlich.

Nach dem zweiten Abschied siedelte der 60jährige Ex-Oberst mit seinen Pferden auf das vom Prinzen Sigismund gepachtete Gut nach Düppeln um.

Bis die Russen die besten Pferde aussortierten und anschließend die Amerikaner

*) Früher »Preis der Nationen«. in Düppeln einzogen. Felix Bürkner kehrte in seinen alten Jagdstall auf Hannovers Vahrenwalder Heide zurück.

Nach drei Jahren stehen wieder zehn Pferde im Stall. Eigene und Pensionäre. »Zureiten kann sie nur einer, unser Oberst. Die sind restlos bedient, wenn der Alte sie eine Stunde zwischen den Schenkeln hat«, sagt Julius.

Nicht nur den Behörden, die sich gegen die Zulassung eines Autos sträuben, fehlt die Einsicht, wozu man heute überhaupt noch Pferde zureitet und dressiert. ("Gehen Sie lieber buddeln"). Aber Felix Bürkner lebt für eine Idee:

»Dem verarmten Lande muß geholfen werden, deutsche Pferde werden ihren Teil dazu beitragen«, sagt er. Für die Volkswirtschaft sei exportreife Warmblut-Nachzucht heute wichtiger denn je. Abnehmer haben sich schon gemeldet: die Schweiz, Schweden und Belgien.

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