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FUSSBALL »Warum stottert der Motor?«

Mit einer seltsam rückwärtsgewandten Trainer-Entscheidung ließ der Branchenführer Bayern München erneut Zweifel aufkommen, ob er ein innovativer Club ist. Droht das Ende einer Ära? Jetzt soll Altmeister Ottmar Hitzfeld Angriffe auf die Vormachtstellung abwehren.
Von Christoph Biermann, Jörg Kramer, Daniel Pontzen und Michael Wulzinger
aus DER SPIEGEL 6/2007

Es war fast wie immer. Mit hochgeschlagenem Kragen stand Ottmar Hitzfeld, 58, neben der Trainerbank des deutschen Rekordmeisters Bayern München, etwas fröstelnd in seinem dünnen dunkelblauen Mantel.

Sobald er sich am vergangenen Freitag im Nürnberger Stadion der Seitenlinie näherte, winkte er dann und wann einen Spieler mit dieser markanten, schneidigen Geste heran, als wollte er jemandem in

eine Parklücke helfen. Nur verlor seine mäßig inspirierte Elf am Ende mit 0:3 beim 1. FC Nürnberg, es war fast ein kleiner Untergang. Hitzfeld entdeckte »viel Sand im Getriebe« und weiß: Er hat nun viel Arbeit.

So sind die Münchner kurz nach Beginn der zweiten Saisonhälfte in die späten neunziger Jahre zurückgekehrt. Auch damals kam Hitzfeld, ein bisschen frischer aussehend, um den Branchenprimus aus einer Krise zu führen: Der Club war mit Trainer Giovanni Trapattoni am üblichen Minimalziel Deutsche Meisterschaft vorbeigeschrammt, das Team ohne Führung.

Jetzt kommt der Zahnarztsohn aus Südbaden, inzwischen erfolgreichster Vereinstrainer Deutschlands, aus seinem Retiro im schweizerischen Engelberg in den Leistungsbetrieb Bundesliga zurück. Die stressbedingte Schlaflosigkeit, die er unter anderem als Grund nannte, dass er 2004 den angebotenen Job des Bundestrainers ablehnte, scheint überwunden. Hitzfeld zurück zu den Bayern - es ist, als wollten sie eine Epoche zurückholen, so als käme die Union auf die Idee, bei der nächsten Bundestagswahl mal wieder mit Helmut Kohl anzutreten.

Mit dem »Turnaround«, den sich Manager Uli Hoeneß erhofft, kann nur ein Stimmungswandel gemeint sein, denn als großer Erneuerer galt Hitzfeld schon früher nicht. Erstes Ziel ist es, den freien Fall aufzuhalten, der sich nach der Winterpause abzeichnete, mit Pfiffen im eigenen Stadion und der Aussicht, vom kriselnden Giganten Real Madrid in der kommenden Champions-League-Runde eine Abreibung verpasst zu bekommen.

Die Saison wäre dann gelaufen, es droht sogar das Schlimmste: Platz vier in der nationalen Liga und damit der Rauswurf aus der Spielklasse der Großen Europas.

Die panikartige Entlassung des Trainers Felix Magath war das vorerst letzte Indiz, dass die Unternehmensstrategie des einstigen Riesen in eine Sackgasse geführt hatte. Der Rückwärts-Gang mit Hitzfeld löst leise Bestürzung aus: »Es gibt keine Abteilung Zukunft bei den Bayern. Man lebt nur noch im Heute«, sagt ein früherer Spieler des Clubs.

Auch dem Aufsichtsratschef Franz Beckenbauer ist aufgefallen, dass es seit Jahren nicht mehr richtig vorwärtsgeht. In einer Sitzung zeigte er bereits eine Liste von Spielern vor, die sich beim FC Bayern nicht weiterentwickelt hätten.

Zu lange hat man in München die Führungsrolle als naturgegeben erachtet: Der FC Bayern in Deutschland, das schien ein sicherer Tipp zu sein - wie die CSU in Bayern.

Wie selbstverständlich saß dann auch Manager Hoeneß vor zwei Wochen in der Polit-Sendung »Sabine Christiansen«, um seine favorisierte Partei zu verteidigen, »unsere Partei« nannte er sie. »Es will ja kein Mensch die SPD bei uns«, bellte er da, tätschelte gönnerhaft das Knie der Grünen-Chefin Claudia Roth und blaffte den CSU-Generalsekretär Markus Söder an: »Die CSU braucht doch den ganzen Schmarrn nicht, was ihr da die ganze Zeit macht.«

Mit demselben Dünkel hatte die Clubspitze zuletzt ihr Fußballunternehmen geführt. Das macht zwar 205 Millionen Euro Umsatz, kommt aber sportlich nicht vom Fleck. International abgerutscht, offenbarte Bayerns Mannschaft das Ergebnis einer mutlosen Personalpolitik: einen wie zufällig zusammengestellten Spielerkader. Allmählich dämmert auch der jahrzehntelang ehrfürchtigen Konkurrenz: Die großen Bayern leiden an Schwächen in der Spielersichtung, es fehlt an Detailwissen über moderne Trainingsmethoden.

Während das Fernsehen Bilder von Spielern des Ligarivalen Schalke 04 zeigt, die mit Atemmaske auf dem Laufband die Sauerstoffzufuhr messen, sah man Magaths Männer meistens Medizinbälle schleppen. Der wortkarge Zuchtmeister mit der Designerbrille wirkte immer wie ein Relikt aus der Zeit, da Fußballprofis noch wie Lausbuben aus dem Trainingslager ausbüxten und gelegentlich einen Tritt in den Hintern brauchten.

Die heutige Profi-Generation besteht jedoch aus vernetzten Einzelunternehmern, die wissen, dass der eigene Körper ihr Kapital ist. Sie verlangen nach Kommunikation. In München beklagten die Spieler, dass im Trainingsalltag die Dosierung nicht stimme. Magath gewann je zweimal Meistertitel und Pokal und war doch für die Bayern der Falsche: zurückgezogen, leise, vor allem zu dankbar, bei dem Rekordmeister arbeiten zu dürfen.

Geradezu devot nahm der HobbySchachspieler, der als Bayern-Coach kein Vorausdenker war, die Personalentscheidungen hin. Er arbeite mit den Spielern, die man ihm vorsetze, wiederholte er seltsam teilnahmslos.

Dabei hätte die Chefetage Nachhilfe in strategischem Denken dringend nötig. Entschlossenheit in der Transferpolitik ist nicht die Stärke von Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

So reiste das Duo einmal spontan für ein paar Tage nach Südamerika, um den jungen Argentinier Sergio Agüero in Augenschein zu nehmen. Dann spielte der Proband nicht richtig gut und auch nicht schlecht, und die deutschen Inspekteure konnten sich nicht entscheiden.

Anderswo funktioniert Einkaufspolitik so, dass ausgesuchte Talente über Jahre hinweg von abgesandten Scouts begutachtet werden. Werder Bremens Führung um Manager Klaus Allofs zog beim Weggang des Spielmachers Johan Micoud vorigen Sommer einfach Plan B aus der Schublade: Den Brasilianer Diego hatte sie schon seit mehreren Spielzeiten als möglichen Nachfolger im Blick.

»Die Bayern schicken ihre Scouts um die Welt, und am Ende holen sie den van Buyten aus Hamburg«, wundert sich ein Fußballmanager. Selbst Bayerns Aufsichtsrat Herbert Henzler, einst Europa-Chef der Unternehmensberatung McKinsey, fragt sich, ob richtig hingeschaut wird: »Warum waren von Julio dos Santos alle begeistert, als sie ihn in Paraguay gesehen haben, und bei uns ist er dann zu langsam?«

Zu kurz gekommen, meint Henzler, sei »die Verpflichtung von spektakulären Spielern mit Ausstrahlung. Ein Kaká oder ein Ronaldinho hätten uns gut zu Gesicht gestanden«. Dabei haben die Bayern Kaká beobachten lassen, als der 17 war, und sie kannten auch Diego.

Vor allem versäumten sie es, Ersatz zu beschaffen, als Michael Ballack zum FC Chelsea nach London zog. Zeit hatten sie genug. Schon bei den Vertragsgesprächen Ende 2001 hatte Hoeneß selbst das Szenario angesprochen: Ballack könne »nach der Weltmeisterschaft immer noch zu Real Madrid« oder einem vergleichbar betuchten Club wechseln.

Am Ende sind sie in München nicht einmal sicher, wo genau der Mittelfeldstar die Lücke riss: »Hinter den Spitzen«, wie Hoeneß vermutet, oder weiter hinten, »als Ballverteiler«, wie Rummenigge ihn schätzt.

So genau wissen die Bayern auch nicht, welche Rolle der selten eingesetzte Angreifer Lukas Podolski für den Verein spielen soll. Und als jetzt der Altstar Willy Sagnol ausfiel, stellte sich heraus, dass

es auf dessen Arbeitsplatz rechts hinten im teuren Kader keine taugliche Alternative gibt.

Bayerns Personalpolitik, findet ein Marktteilnehmer, folge in der Regel »dem Hannibal-Lecter-Prinzip: Du begehrst, was du siehst«. Objekt des Kaufinteresses sind zumeist aus Funk und Fernsehen bekannte Bundesligaspieler.

Trotzdem soll sich niemand einbilden, größer als der FC Bayern zu sein. Aus sonderbarem Standesbewusstsein widerstand Hoeneß der Versuchung, den Mittelfeldmann Owen Hargreaves freizugeben, obwohl Manchester United bis zu 30 Millionen Euro an Ablöse bot - für einen geschätzten Fleißarbeiter, keinen Weltstar. Man schnappt den Bayern eben nicht einfach einen Spieler weg.

Umgekehrt gehen die Münchner kein Risiko ein, und so horten sie weiter liquide Mittel von rund hundert Millionen Euro. Andererseits schrumpft auch das vielgepriesene Festgeldkonto, seit der Ligakrösus die eigene Stadiongesellschaft subventionieren muss. Die Ära der Bayern-Hegemonie neigt sich auch da dem Ende entgegen.

Ein bisschen wirken die Chefs des ehrwürdigen Vorzeigeclubs wie deutsche Konzernlenker, die sich jahrelang der Zeitenwende durch die Globalisierung entgegenstemmten. Sie hatten den Mythos deutscher Wertarbeit in die Welt getragen, und auch als der Wettbewerbsdruck von außen immer gnadenloser wurde, hielten sie lange an alten Rezepten fest.

Uli Hoeneß, 55, führt seit fast 28 Jahren die Geschäfte. Gern redet er sich in Rage über die Ungerechtigkeiten der Welt. Dann geißelt er russische Investoren, die Clubs wie den FC Chelsea mästen, poltert über Schuldenberge bei Real Madrid oder beklagt die kargen TV-Einnahmen der Bundesliga. Man kann ihm nur schwer widersprechen, aber die immergleichen Klagen klingen phantasielos und bringen niemanden weiter.

Wenn der Manager einzelne Spieler zur Räson rief, schlugen die Stars früher die Hacken zusammen. Als Hoeneß jetzt schimpfte, dem Talent Bastian Schweinsteiger werde »Puderzucker in den Hintern geblasen«, war das in der Mannschaftskabine nicht einmal Gesprächsthema.

Lähmend wirken sich die Alleingänge seines Vorstandskollegen Rummenigge, 51, auf die Geschäfte aus. Ständig verirrt sich die Führung auf Nebenschauplätze und vergeudet Zeit damit, sich selbst zu dementieren. Erst preist Rummenigge den Zusammenschluss der europäischen Großclubs, die sogenannte G 14, als Vehikel zur Rettung der Menschheit, dann ist sie ihm ein Greuel: »Da wird zu viel über Geld gesprochen.« Mal ist er gegen die öffentlichrechtliche »Sportschau«, mal dafür.

Von Souveränität keine Spur. Ein Club wie Olympique Lyon erscheint im Vergleich schon fast übermächtig. Dabei macht der französische Serienmeister, längst mehr als ein Geheimtipp für den Gewinn der Champions League, 40 Millionen Euro weniger Umsatz als die Bayern.

Immer noch funktionierten die Münchner im Wettbewerb der Fußballkonzerne »wie ein klassischer Verein«, sagt der Londoner Rechtehändler Philipp Grothe, der mit Top-Clubs der englischen Premier League Geschäfte macht. »Um in der Bundesliga die Nummer eins zu bleiben, mag das reichen, doch im internationalen Vergleich wirkt das betulich.«

Die Erfolge in Europa bleiben aus, die großen Stars kommen nicht. Als Hoeneß und Mitstreiter vorigen Sommer den niederländischen Stürmer Ruud van Nistelrooy schon an der Angel wähnten, unterschrieb der kaltlächelnd bei Real Madrid.

Auch auf Münchens Trainerbank drängen nicht die ganz großen Namen. Dass jetzt der des Franzosen Gérard Houllier zumindest auf die Wunschliste rückte, offenbart allerdings Ansätze neuen Denkens. Bisher hielt man in der Bundesliga nur Übungsleiter für tauglich, die deutsch sprechen, auch wenn sie noch so skurril radebrechten wie einst Trapattoni.

Fruchtbare Einflüsse des Auslands wurden der Liga so vorenthalten. Dabei wäre es nur verständlich, wenn in Vereinen, deren kickendes Personal aus Brasilien, den Niederlanden, Frankreich, Iran und Kanada kommt, die Amtssprache Englisch eingeführt würde - wie in international operierenden Firmen.

Überraschend wäre es aber, wenn ausgerechnet der FC Bayern einen Trend zur Weltoffenheit setzte. Dessen Geschäftsidee ist ansonsten eher provinziell, alles Handeln orientiert sich zuweilen an der Sorge, was wohl anderntags in den lokalen Boulevardblättern steht. Offiziell mag keiner aus der Branche ein kritisches Wort zu den Mächtigen aus dem Süden sagen. Anonym spricht ein Manager über »Betriebsblindheit« in der Clubspitze. »Einflüsse von außen empfindet man dort als störend.«

Hoeneß ist schnell beleidigt. Vor allem Berichte, wonach Werder Bremen dem Münchner Flaggschiff die Vorherrschaft streitig mache und auch noch den schöneren Fußball spiele, ärgern ihn.

Kaum hatte er den auch vom SV Werder umworbenen Aachener Stürmer Jan Schlaudraff unter Vertrag genommen, verstieg er sich in Interviews zu einer entlarvenden Botschaft: Mit der Verpflichtung habe man vor allem den Bremern eins auswischen wollen. Der FC Bayern, eröffnete Hoeneß, habe halt »mal mit den Muskeln gespielt«.

Jetzt soll es Ottmar Hitzfeld richten. Behutsam versucht der Altmeister, die Strömungen der Mannschaft zu orten und ein paar Schrauben anzuziehen. »Warum«, fragt er hellhörig, »stottert der Motor?«

Bloß für vier Monate, bis Saisonschluss, habe er die Zusage gegeben, sagt Hitzfeld. Hoeneß dagegen will »die Zukunft nicht so klar definieren«.

Haben sie wieder keinen Plan?

Wahr ist, dass die Bosse den Spielern nicht das Gefühl geben möchten, sie hätten nur einen Vorgesetzten auf Abruf. Verwaltungsbeirat Roland Berger denkt bereits an »einen Innovator à la Klinsmann« als Hitzfeld-Nachfolger.

Vor drei Jahren, als »der Ottmar« vorzeitig gehen musste, hatte Hoeneß noch erklärt: Die Mannschaft sei »mit seiner langen Leine nicht fertig geworden«. Hitzfeld galt als zu weich und als ausgebrannt. Jetzt, zu Beginn der Münchner Retrowelle, sprach der Trainer von Leidenschaft und Begeisterung, davon war am Freitag nicht viel zu sehen. Doch ob vielleicht doch ein Titel herausspringt, ist ja noch nicht entschieden.

Bayern-Rivale Klaus Allofs kommentierte die Münchner Trainer-Rochade ebenso respektvoll wie spitzzüngig: Die Münchner, meinte der Bremer, »bleiben natürlich ein hartnäckiger Verfolger«.

Nur ein zäher Verfolger - das ist so ungefähr das schlimmste Urteil, das man über die Bayern fällen kann.

CHRISTOPH BIERMANN, JÖRG KRAMER,

DANIEL PONTZEN, MICHAEL WULZINGER

* Claudio Pizarro und Owen Hargreaves mit dem Nürnberger Jan Polak am vergangenen Freitag.

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