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»Warum wie ein Trottel im Kreis fahren?«

SPIEGEL-Reporter Hans Halter über Niki Laudas Comeback-Versuch
aus DER SPIEGEL 3/1982

Fern der Heimat, im heißen sommerlichen Südafrika, sucht der Österreicher Nikolaus Andreas Lauda in dieser Woche Antwort auf drei Fragen. Zugleich wird er versuchen, sich liebgewonnene Gewißheiten zu bewahren, auch drei an der Zahl.

Die erste Säule der Zuversicht setzt mit jedem Lebensjahr einen neuen Ring an: »Man wird älter und gescheiter.« Der zweite Glaubenssatz hat das Finanzamt zum Vater: »Es macht mehr Spaß, über Autos zu reden als über die Steuer.« Nikis dritte Gewißheit kann ich bezeugen: »Die Maschine Lauda läuft topfit.«

Aus eigener Kraft eine 13-Kilometer-Langlauf-Loipe in einer Stunde und zehn Minuten; auf dem Rennrad 30 Kilometer bergauf (und der Wind weht von vorn); mit Karacho bergab, weil Ski-Alpin mutig und munter macht. Expander und Bullworker haben seinem Leptosomen-Schultergürtel Muskeln aufgepackt. Der schlanke Hals ist so weit gekräftigt, daß Kopf und Helm nun in (fast) jeder Kurve der Fliehkraft standhalten. Die Reflexe? »Die Reflexe sind ja eh gut.«

So präpariert, wird der Ex-Weltmeister am Montag dieser Woche, beim ersten Training zum Großen Preis von Südafrika in Kyalami, in eine feuerspeiende Röhre geschoben werden, den »sensiblen Hintern« nur fünf Zentimeter überm Beton, die blauen Augen knapp in Kniehöhe, hinter sich den 550-PS-Achtzylinder-Motor, rundum 250 Liter Super in fünf Benzintanks. In jeder Kurve hopst der McLaren »wie ein Geißbock«, soviel ist sicher.

Offen ist Niki Laudas erste Frage: »Haut's neue Auto mir das Hirn aus dem Schädel?« Genau darauf muß er es ankommen lassen. In seinem Kopf soll sich etwas lösen: die bürgerlichen Hemmungen vor Vollgas und Draufhalten, auch jene unbewußte Angst des zweifachen Vaters, daß er seine Söhne womöglich nie mehr wiedersieht; denn diese Angst kostet pro Rennrunde und Kind je eine Sekunde. »Ich als Pensionist«, sagt der 32jährige, »hab' mehr Probleme als die anderen.« Vor allem dieses: »Wieweit« - zweite Frage - »kann ich meine mental brakes lockern?«

Mit Bremsen im Kopf ist nicht gut siegen. Denn jeder zweite Konkurrent fährt völlig hemmungslos. Das sind die Jungen, die Namenlosen im Formel-1-Zirkus, die weder einen Crash noch Lauda fürchten. »Ich war auch mal so einer, vor zehn Jahren«, erinnert sich der Grand-Prix-Veteran an seine frühen Zeiten. Damals überzog Lauda ältere Väter am Volant mit Psychoterror, überzog auch die Haftgrenzen der vier Gummiwalzen durch Powerslide und sein Konto bei der Raiffeisenkasse ganz ohne Scham. Jetzt begrübelt er die dritte Frage: »Kann man die Jungen, die gar nichts zu verlieren haben, überhaupt schlagen?«

Angst? »Bissl schon«, sagt der Mann, der für sein Comeback mehr bezahlt bekommt als ein Dutzend seiner Gegner zusammen. »Was mache ich, wenn ein paar Hirnverbrannte dabei sind?« Auch draufhalten, so wie es das Gesetz des Zirkus befiehlt? Hinterherfahren? Der, der die anderen einst Gummi riechen ließ? Die ganzen schönen Dollarmillionen in den Wind schießen lassen?

Es wird sich zeigen. Lauda ist für jede Überraschung gut, damals und jetzt wieder. Kein zweiter Formel-1-Pilot versteht es so wie er, dem Kreiselfahren Pointen abzugewinnen.

Den Machos setzte er 1976 das Zeichen: Mit 250 Stundenkilometern touchiert der Weltmeister am Nürburgring eine Felswand. Sofort steht das Auto, ein Ferrari, in Flammen. Festgezurrt von einem Sechs-Punkt-Gurt, den er nicht lösen kann, sitzt Lauda 45 Sekunden im Feuer. »Er schrie um Hilfe«, erinnert sich Arturo Merzario, einer seiner Retter, »seine Schreie waren schrecklich.« Die im Cockpit eingebaute Löschanlage versagt. Flammen versengen Laudas schmales Gesicht, den Hals, die Hände. Er atmet giftige Dämpfe ein, sein Schrei wird tonlos. Über der Eifel steht ein schwarzer Rauchpilz.

Ein letzter Versuch, den Sterbenden aus der Hölle zu holen, gelingt. Blut S.136 läuft über Laudas Gesicht. Später sagt er: »Mir war, als ob ich immer tiefer in einen dunklen Brunnen sinke.«

Drei Wochen später ist er wieder obenauf. Sein intelligentes Jungengesicht ist für immer zerstört. Verbrennungsnarben bedecken Stirn und Kopfhaut, das rechte Ohr blieb im Feuer. Doch Lauda gibt gleich wieder Vollgas: »Ich lebe nicht von meinem Gesicht, sondern von meinem rechten Fuß.« Außerdem: »Ohne Ohr kann ich besser telephonieren.« Für alle harten Männer ein Trost a la Hemingway: »Es ist ein sehr schönes Gefühl, zu wissen, jetzt stirbst du.«

Solche Worte zum Sonntag haben weltweit eine Gemeinde, gut 100 Millionen, mehr Männer als Frauen, süchtig allesamt nach dem blutigen Ritual der Autorennen und ihren potentiellen Opfern: vorneweg jahrelang der schmale Österreicher Nikolaus Lauda, 1,73 Meter groß, 64 Kilogramm schwer, mit einem Bleifuß rechts.

Diese berufsbedingte Eigentümlichkeit balanciert der Sohn aus bestem Wiener Haus (sein Großvater war Präsident der österreichischen Industriellen) intelligenter aus als alle seine Tatgenossen. Keiner von denen legt wie Lauda die eingewebte Brutalität des Gewerbes verbal so deutlich dar: Als er gefragt wurde, weshalb er denn einem brennenden Fahrer nicht durch Löschen beigestanden habe, antwortete er ganz emotionslos: »Ich werde fürs Fahren bezahlt, nicht fürs Parken.«

Solchen Zynismus schätzen ja nicht nur die Österreicher, die sich mit Niki Nationale schon wieder einen Helden gönnen (nachdem es gelungen ist, Hitler zum Deutschen und Beethoven zum Wiener zu machen). Kanzler Bruno Kreisky jedenfalls mag den schnellen Nikolaus so sehr, daß er sich am liebsten von der »Lauda Air« in die Luft heben läßt, Niki am Steuer der Fokker F-27.

Über die Vorzüge des Fliegens weiß der Flottenchef dabei anregend zu plaudern - »totale Präzision, hundertprozentige Gesetzmäßigkeit« -, so daß schließlich die Grand-Prix-Abenteuer erst recht im hellen Licht stehen: »Im Rennwagen geht man übers Limit. Man muß ständig Kompromisse schließen, Regeln verletzen, um das Chaos ins Gute zu wenden. Im Flugzeug gilt das Gegenteil.«

Bonmots dieser Güte fallen Lauda, wenn's sein muß, in Sekundenschnelle ein. Die Werbemanager wissen das zu schätzen. Für sie ist nur ein Mann, der lieber einen Grand-Prix verliert als eine Pointe, sein Geld wert. Brave, dicke oder doofe Formel-1-Piloten helfen einem umworbenen Produkt nicht weiter, selbst wenn die Männer siegen.

In Laudas Charisma, seine Feuerzeichen und jedes Fetzchen Werbefläche auf Overall und Auto teilen sich diesmal für 1,15 Millionen Dollar die amerikanische Zigarettenmarke Marlboro, der italienische Käsekonzern Parmalat, die französische Reifenfabrik Michelin, das deutsche Bekleidungshaus Boss und irgend jemand namens Herkules: Niki wird's richten, daß bald jeder weiß, wer Herkules ist und was er kann.

Ganz neidisch reagierten im Herbst 1979 die Kollegen Rennfahrer, als dem Aussteiger Lauda auch zum Abschied ein besonders böses Wort einfiel. Ohne Vorwarnung brach er damals das Training zum Großen Preis von Kanada ab, lüftete den Sturzhelm, zog auch noch das feuerfeste Gewebe, ein Henkersmützchen, vom Schädel und sprach: »Warum soll ich wie ein Trottel mit den anderen im Kreis fahren?«

Weshalb ist er dann aber jetzt, nach mehr als zweijähriger Abstinenz, wieder mit von der Rutschpartie? Darauf gibt es drei Antworten, und die sind alle wahr: Erstens fliegt die »Lauda Air« derzeit durch Turbulenzen. Eine neue F-27 steht zum Verkauf, für 4,5 Millionen Dollar. Die Offerte halbiert die Flotte: »Lauda Air« hat ja nur zwei Maschinen.

Wer sich wie der Österreicher 30 Jahre lang gegen alle Widerstände durchgesetzt hat, den muß es besonders schmerzen, wenn seinem unaufhaltsamen Aufstieg plötzlich Grenzen gesetzt werden, noch dazu von Amts wegen. Die Monopolisten des Luftverkehrs, Bürokraten in irgendwelchen klimatisierten Büros und doch Herren über die Freiheit jenseits der Wolken, haben Überflieger Nikolaus hartnäckig alle Start- und Landerechte verwehrt, jedenfalls dort, wo es etwas zu verdienen gäbe.

Deshalb zieht es Lauda mit Macht in sein altes Gewerbe: »Bei der Formel 1 gibt's keine Krise«, erklärt er mir und stochert im Salat, »soviel Rennen, soviel Geld, soviel Sponsors gab's noch nie.«

Das sei so, weil gerade in schlechten Zeiten sich die Leute nicht noch den »letzten Spaß« nehmen lassen wollen. »Autos sind wichtige Dinge.« Vor allem sind sie das Vehikel des Geschwindigkeitsrausches, des einzigen neuen Lasters, das unsere Zeit hervorgebracht hat. Alkohol, Orgien und Sadismus gibt's schließlich schon länger.

Im Formel-1-Zirkus will er es, drittens, seinen blassen Epigonen noch mal richtig zeigen, einfach aus Daffke, »sehen, wie ich's pack'«. Wenn da nur nicht das Im-Kreis-Fahren wäre ... Seine Neigung gehört den Public Relations, den Machtfragen, der Organisation. Solange Lauda mitfuhr, hatten die Fahrer was zu sagen. Inzwischen sind sie zu reinen Statisten degradiert. Das Kommando führen jetzt die Konstrukteure. »Aber ich bringe das wieder ins Lot«, verspricht Lauda, und neue Freunde macht er sich damit nicht. Wer zur Herde zurückfindet, der soll den Nacken beugen, meint die Herde.

Von Demutshaltung aber will Lauda nichts wissen. Vor sich duldet er höchstens einen Turbo-Renner, »denn die haben 60 bis 70 PS mehr«. Mit einem normalen Saugmotor »darf man eigentlich nicht gewinnen«. Nach dieser Rechnung wird Lauda am Sonnabend dieser Woche bestenfalls Achter; denn auch Firmen wie Brabham, Renault und Alfa Romeo treten mit Turbo-Heulern an. »BMW«, hofft Niki, »wird ausfallen. Neue Turbos fallen immer aus.«

Neue McLarens womöglich auch. Das Auto, das Lauda am Montag im Training bewegen wird, hat er noch nie gesehen. Es ist eine zusammengenietete Notlösung; denn der alte Geißbock war drei Sekunden langsamer als die Konkurrenz. Nur zwei Tage bleiben dem McLaren-Team, um Mensch und Motor zusammenzuschweißen. Dann wird schon, am Donnerstag und Freitag, um die Rangfolge im Starterfeld gefahren. Lauda S.137 weiß, was auf ihn zukommt: »Jetzt heißt es den Hintern zusammenzwicken und arbeiten wie eine Sau.«

Ganz locker, die mental brakes gelöst, muß er sich am Sonnabend den 100 Minuten der Wahrheit stellen. Hic Kyalami, hic salta. »Was mache ich in der ersten Schikane?« Noch weiß er es nicht. Zur Wahl stehen Flüchten oder Draufhalten. »Ich könnt' mir sagen«, sinniert Lauda, »laß sie doch, die Trottel.«

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