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Wehe, wenn Lothar kommt

Autoritätsverlust, Neid und Cliquenwirtschaft brachten im vorigen Jahr den Rekordmeister Bayern München in Abstiegsgefahr. Kaum ist das Mannschaftsgefüge wieder so intakt, daß der Klub souverän die Fußball-Bundesliga anführt, droht neue Gefahr: Der machtbewußte Italien-Heimkehrer Lothar Matthäus drängt ins Team.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Rund hundert Fans warten gespannt auf den Trainingsbeginn beim FC Bayern München. Thomas Berthold, ein wenig spät dran, strebt zu den Umkleideräumen, als die rote Sprossentür von innen aufgerissen wird. Und noch bevor die Kiebitze den Mann im Eingang als Lothar Matthäus ausmachen können, hallt schon sein fränkisches Timbre über den Hof: »Hey, Tommaso, schnell, schnell, noch ''ne halbe Minute.«

Dann stürmt der lautstarke Muntermacher auf einen Opel Omega zu, den Michael Sternkopf soeben vor dem Gebäude parken will. Seinen Fußtritt an die Stoßstange des Wagens unterstreicht Matthäus mit einem lockeren »Hey, so ''ne Scheißkarre«. Daß der Automobilhersteller aus Rüsselsheim dem FC Bayern jährlich fünf Millionen Mark überweist, kümmert ihn nicht. Lothar ist wieder da - unüberhörbar, unübersehbar, unverwechselbar.

Vor drei Wochen erst kehrte Matthäus, 31, nach vier einträglichen Jahren bei Inter Mailand zu den Bayern zurück. Genaugenommen war es eine Flucht: Nach seinem Kreuzbandriß im April, so empfand er, habe das »Vertrauensverhältnis« zu den Inter-Chefs stark gelitten. Gezielt bereitete Matthäus seinen Abgang vor, indem er die Italiener glauben machte, frühestens wieder im Dezember fit zu sein. Prompt willigte Mailand ein, den Rekonvaleszenten für vier Millionen Mark abzugeben.

In Wahrheit hatte Matthäus heimlich trainiert. Und jetzt, in München, grätscht er beherzt in Kollegenbeine und sprintet, den Ball eng am Fuß führend, als habe es die fünfmonatige Verletzungspause nie gegeben. Wie selbstverständlich hat sich der Neue auf dem Trainingsplatz längst wieder die alte Rolle geschnappt. »Männer, Männer«, treibt Matthäus energisch die Mitspieler an, für den Brasilianer Mazinho holt er ein italienisches »forza« aus dem weltmännischen Erfahrungsschatz, und Torwart Raimond Aumann will er rasch noch mitteilen, wie das Mailänder Torhüter-Idol Walter Zenga den Ball spiele - woraufhin Aumann ein erstes Zeichen setzt: »Des is mir Wurscht, was der Zenga macht.«

Mit Matthäus drängt in München ein neuer Machtfaktor ins Bayern-Spiel, der womöglich, argwöhnt die Süddeutsche Zeitung, »das sensible Gleichgewicht in Schräglage« bringe. Offiziell finden die Matthäus-Kollegen die späte Verpflichtung des Italien-Heimkehrers »ganz prima«. Der Lothar, sagen sie unisono, passe »in jede Elf der Welt«, werde beim »Ansteuern internationaler Ziele helfen« und seine »enorme Erfahrung weitergeben«.

Aber natürlich registrieren sie auch, wie Matthäus die Schlagzeilen beherrscht, obwohl doch der FC Bayern ohne Matthäus mit 10:0 Punkten so souverän wie seit Jahren nicht mehr die Bundesligatabelle anführt. Der Zuwachs in Lothars Oberschenkelmuskulatur wird in Millimetern gemessen, die TV-Show-Ambitionen Lolitas, seiner Lebensgefährtin, werden breiter diskutiert als Frank Elstners Comebackversuch im Sonntagabendprogramm. Inzwischen dreht einer wie der von Dortmund geholte Nationalspieler Thomas Helmer einfach grinsend ab, wenn Reporter das Thema Matthäus anschneiden.

Unterschwellig geht die Angst um, Matthäus, der sich auch schon wieder als Leitwolf der Nationalelf anpreist, könne das gerade wieder instand gesetzte Machtgefüge beim FC Bayern erneut stören: Wehe, wenn Lothar kommt.

Als Trainer Erich Ribbeck, 55, im März den FC Bayern übernahm, gelang es ihm, aus einer Neidgenossenschaft eine Gemeinschaft zu formen, in der Libero Olaf Thon »das Fußballspielen wieder Spaß macht«. Doch nun wird Ribbeck erneut ein pädagogisches Meisterstück abverlangt: »Lothar muß in die Gruppe integriert werden.«

Die Brisanz dieses Unterfangens ergibt sich nicht nur aus der das Gehaltsgefüge sprengenden Matthäus-Gage (pro Jahr 2,5 Millionen Mark, die zum Teil Sponsoren aufbringen), sondern aus der jüngsten Krisen-Vergangenheit des Klubs. Stets ging es um Macht, Autorität und Akzeptanz.

Der Sturz des FC Bayern begann, als er noch um die Meisterschaft spielte. Im Juni 1991 war es zu einem heftigen Disput zwischen dem damaligen Trainer Jupp Heynckes und seinem Zögling Stefan Effenberg gekommen. Der Streit gipfelte in Effenbergs Offerte an Heynckes, wenn er es wolle, könne man die Sache ja »vor der Tür« austragen.

Heynckes hielt an dem Spieler fest, statt ihn zu feuern. Als die Mannschaft von der Affäre erfuhr, gerieten alle Autoritätsstrukturen aus den Fugen. Als Bayern-Manager Uli Hoeneß nach dem verpaßten Titelgewinn dem frechen, aber von den Profis nicht akzeptierten Effenberg sogar die Führungsrolle übertrug, verschärfte sich die Lage bedrohlich.

Die Mannschaft zerfiel in vier Cliquen, erhielt mit Sören Lerby einen neuen Trainer, dessen deutsch-dänisches Kauderwelsch schon nach wenigen Tagen nur noch dem Amüsement der Spieler ("Die Sören saagt") diente - der deutsche Rekordmeister geriet in Abstiegsgefahr.

Nach Lerbys Abgang fand Ribbeck eine Ansammlung zerstrittener, frustrierter und verunsicherter Profis vor. Sein Appell, »endlich wieder an einem Strang zu ziehen«, reichte nur zur Schadensbegrenzung, zu 9:11 Punkten und dem Klassenerhalt.

Zur neuen Saison sortierte der Coach jene Spieler aus, »die Fußball nicht als Mannschaftssport verstehen, sondern sich selbst profilieren wollen«. Vier etablierte Kräfte mußten gehen: Brian Laudrup, Thomas Strunz, Manfred Bender und Effenberg - drei von ihnen wirkten immerhin vorigen Mittwoch bei der Europameisterschafts-Revanche zwischen Dänen und Deutschen in Kopenhagen mit.

Ihre Nachfolger in München wurden, betont Ribbeck, »nicht nur nach sportlichen, sondern auch nach charakterlichen _(* Christian Ziege, Thomas Helmer, Olaf ) _(Thon, Jan Wouters. ) Kriterien ausgewählt«. Der Trainer hat ein Faible für den unauffälligen, intelligenten Fußballarbeiter. Ins Schwärmen gerät Ribbeck, wenn er von seinem Musterprofi Jan Wouters spricht. Sich mit dem sachlich-ruhigen Defensivspieler, der in der holländischen Nationalelf stets im Schatten großer Individualisten wie Ruud Gullit oder Marco van Basten stand, über Fußball zu unterhalten, sei ihm »immer ein großes Vergnügen«.

So gelten die Neuerwerbungen der Bayern zum Saisonstart, der engagierte Brasilianer Jorginho, der zuverlässige Helmer, der selbstkritische Mehmet Scholl und der bescheidene Markus Schupp, in der Branche als pflegeleichte Spitzenkräfte.

Schupp, 26, ehemals Kaiserslautern, zuletzt Wattenscheid, empfand »Stolz«, als der FC Bayern um ihn warb. Der Mittelfeldmann begreift es nicht als Selbstverständlichkeit, sondern »als Verpflichtung, etwas zurückzugeben«, daß der Klub den Profis im Winter die Fußballschuhe vorwärmt - damit entspricht er exakt Ribbecks Wunschbild vom neuen Bayern-Mitarbeiter.

Der Trainer, der sich selbst ein »großes Harmoniebedürfnis« attestiert, pendelt im Umgangston zwischen legerer Jovialität und harter Geschäftsmäßigkeit. Nach dem 3:1-Sieg beim 1. FC Köln lud Ribbeck in seine Kölner Stammkneipe »Zur alten Schmiede« ein. Bis in die Morgenstunden zechten die Profis; ungesund, aber vertrauensbildend. Ribbeck: »Der Wert eines guten Gesprächs ist nicht meßbar.«

Andererseits kritisiert Ribbeck vermeintliche Stars wie Jorginho auch nach Siegen, schickt Torjäger Roland Wohlfarth zum Abspecken oder holt seinen angeblichen Lieblingsschüler Scholl schon nach 26 Minuten vom Rasen, weil dieser die taktischen Anweisungen nicht befolgt hat. Scholl demonstriert Einsicht: »Der Trainer will uns klein halten, keinen zweiten Effenberg produzieren.«

Die Spieler, die in ihren ehemaligen Vereinen jeweils Führungspositionen besetzten, haben die Gleichbehandlung durch Ribbeck akzeptiert. Jetzt erwarten sie, daß auch Lothar Matthäus klein gehalten wird. Der Trainer, sagt Thon, müsse »für Ordnung sorgen«.

Beim Dienstantritt ließ Matthäus mit sicherem Instinkt verlauten, daß er keine Sonderbehandlung wünsche, auf jeder Position spielen werde, die der Trainer ihm zuteile, und überhaupt: »Wichtig ist, daß ich kein Störfaktor bin.« Doch der 93fache Nationalspieler nutzt jede Gelegenheit, seinen Einfluß zu mehren.

Daß einer wie Schupp nach drei Monaten in München feststellt, »noch kein intensives Gespräch mit dem Trainer geführt« zu haben, würde »dem Lothar Matthäus«, wie er sich selbst gern nennt, nie passieren. Beim Aufwärmen trabt der Weltmeister scheinbar ziellos über den Platz. Als er plötzlich anhält, um die Oberschenkel zu dehnen, steht er prompt vor Ribbeck. Stretchend befördert sich Matthäus so zum Primus inter pares.

Ribbeck weiß, daß sich hier Konfliktstoff entwickelt: »Ich muß aufpassen, muß die Person Lothar Matthäus runterspielen.« Deshalb verbot er auch nach der Vertragsunterzeichnung eine geplante große Präsentation für die Fans im Olympiastadion.

Wäre es nach dem Heimkehrer gegangen, Matthäus hätte schon am vorigen Samstag im Pokalspiel in Dortmund mitgespielt. Zwei Motive treiben ihn zum schnellen Einsatz: Jeder weitere ohne ihn erzielte Sieg stellt die Frage neu, ob er überhaupt gebraucht werde. Und je eher er wieder antritt, um so mehr glaubt er, die Verantwortlichen von Inter Mailand zu düpieren. So verkündete Matthäus vorige Woche: »Ich bin fit.« Ribbeck sah indes »noch Trainingsrückstände«.

Auch bei der exakten Beschreibung seines Arbeitsplatzes hat Matthäus längst eigene Vorstellungen. Am liebsten sehe er sich »im zentralen, offensiven Mittelfeld«. Zwar hat Ribbeck die Matthäus-Verpflichtung »sehr begrüßt«, die Verantwortung im Mittelfeld will er aber »weiter auf mehrere Spieler verteilen«. Der Mannschaft diene der zweimalige Weltfußballer auch eher im defensiveren Bereich: Wouters hinten links, Matthäus hinten rechts.

Begehrt der selbstbewußte Matthäus auf, kann Ribbeck seinen größten Trumpf ausspielen: Nicht der FC Bayern wollte Matthäus zurückhaben, der Profi hat selbst um seine Rückholung nachgesucht.

* Christian Ziege, Thomas Helmer, Olaf Thon, Jan Wouters.

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