Zur Ausgabe
Artikel 28 / 59

MANNHEIM Wenn nicht geboxt wäre

aus DER SPIEGEL 27/1950

Für den 10. und 11. Juli wird in Mannheim ein zweiter Großkampf erwartet In den Ring steigt Fliegengewicht Heinz Riedel, Beigeordneter und Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung der Stadt Mannheim, mit den Unterlagen über das finanzielle Walcot - ten-Hoff-Boxkampf-Defizit. Das wurde bisher den ahnungsvollen Stadtvätern vorenthalten.

Die Angriffsabsichten seiner Gegner will Beigeordneter Riedel mit der These kontern: Unser Defizit wäre nicht geringer gewesen, wenn der Kampf in letzter Minute abgesagt worden wäre.

Je nachdem wie die Stadtrats-Debatte ausfällt, will Conny Rusch vom Mannheimer Boxring auspacken oder nicht. Was er auszupacken hat, ist kaum mehr fraglich. Rusch ist nämlich der Ansicht, daß neben dem Boxring auch die Stadtverwaltung als Veranstalter zu gelten hat, und »wer gewinnen wollte, nun auch verlieren muß«.

Verlieren aber will Mannheims Stadtverwaltung so wenig wie möglich. »Auf meine Kosten«, meint Conny, der bei der Stadt mit 140000 DM in der Kreide saß, »denn der Boxring ist der Rusch«. Veranstalter-Dioskur Leo König wird von Rusch nicht einmal mehr genannt, denn »der Leo hat nix«.

Rusch dagegen hat immerhin sein Miniatur-Sportgeschäft (Sport-Rusch) in der Breite Straße zu verlieren, das eine Schuldenlast von rund 170000 DM nicht aushalten wird.

Seitetwa vier Wochen vergeht kaum ein Tag, daß sich der geprüfte Sportlehrer Rusch nicht zum Tauziehen mit seinen städtischen Partnern ins Rathaus begibt. Mit Inspektor Englert vom städtischen Rechnungsprüfungsamt geht Rusch besonders oft in den Clinch. Der verschanzt sich eisern hinter seiner Bilanz. Wir haben unser Geld in eine wackelige Sache gesteckt, um sie vor der sicheren Pleite zu retten; was liegt näher, als daß wir nun aus der Konkursmasse herausholen, soviel wir können - so formuliert Riedel sinngemäß. Dabei weiß er, daß das nicht ohne Verzicht gehen wird.

Der Verzicht ist Mannheims bis zum 10. Juli streng geheimgehaltenes städtisches Boxkampf-Defizit. Es setzt sich zusammen aus einem verlorenen Kredit von 50000 DM an den Mannheimer Boxring (Rusch), einem Verlust an Vergnügungssteuer von 30000 DM und 2000 bis 3000 DM organisatorischen Nebenkosten. Außerdem wurden drei Tage vor dem Kampf - ohne daß der Stadtrat befragt wurde - weitere 90000 DM ins Boxkampfgeschäft gesteckt. Die letzte Summe dürfte durch Rückgriff auf die Gesamteinnahmen (für rund 200000 D-Mark verkaufte Karten) gedeckt sein. Bleiben noch grob 85000 DM städtisches Defizit im Gesamtdefizit von 170000 DM des veranstaltenden Boxringes.

Die Unterbilanz kann möglicherweise noch durch den finanziellen Ertrag des von »Blick in die Welt« gedrehten Anderthalbstundenfilms etwas verbessert werden. An dessen Auslandsgeschäft ist der Boxring mit 20% beteiligt, die wiederum an die Stadt abgetreten worden sind. Eine von »Blick-in-die-Welt«-Direktor Dr. Zwicker in Mainz ursprünglich genannte Ueberschlagssumme von rund 100000 DM, die auf den Boxring entfallen würde, erwies sich allerdings bei näherem Zusehen doch als »sehr optimistisch«.

Auf der Suche nach den Ursachen des finanziellen Boxkampf-Fiaskos hat man zunächst als Hauptschuldige die Amerikaner ermittelt. Die hatten für die Freigabe des US-beschlagnahmten Stadions (Rusch: »Sieben Mann spielen da manchmal Baseball") eine Bedingung gestellt: 8000 Karten für uns. Die Quote wurde dann sogar auf 12000 erhöht. 12000 abgegebene Ami-Karten bedeuteten für Veranstalter Rusch und König ein so gut wie sicheres Grundkapital von 240000 DM. Die Karten wurden an die Post übergeben, die Dollar-Scrips entgegennehmen darf.

Die 240000 DM bedeuteten auch eine Garantie für die Stadt. Der Stadtrat bewilligte deshalb den Kredit von 50000 DM, der als Garantiesumme für Walcott über die Bank deutscher Länder in Dollars in USA hinterlegt wurde. »Wir hatten uns gesichert, wie sich jeder andere Kreditgeber auch gesichert haben würde« (Riedel).

Aber dann kamen die FDJ-Pfingstmarschierer in Berlin dazwischen. Die GI's hatten Ausgangssperre. »Das haben uns die amerikanischen Stellen bis heute nicht eingestanden«. Acht Tage vor dem Kampf kamen sämtliche 12000 Karten unverkauft wieder retour. Nicht mehr als 200 Zivil-Amerikaner wurden hernach im Stadion gezählt.

Um so unverständlicher ist es heute, daß die Amerikaner, nachdem sie den mit dem Boxring geschlossenen Vertrag einseitig aufgelöst hatten, nachträglich eine Vergütung von 3000 DM für die Ueberlassung des Stadions verlangen.

Auch die Post verlangt für ihre Vermittlung nachträglich eine Vergütung von zwei Prozent des Wertes der seinerzeit überlassenen Karten. Riedel will eigens nach Frankfurt fahren, um ihr das auszureden.

Daß nach der Kreditgabe Inspektor Englert vom städtischen Rechnungsprüfungsamt alle Schriftstücke der Veranstalter gegenzeichnete, bedeutete nach Riedel lediglich eine »Sicherung gegen Schmuh«, aber nicht, daß die Stadt nun als Veranstalter eingestiegen sei. Also müsse auch der Boxring den Verlust tragen, und nicht die Stadt ihre Kredite an den Boxring als verloren drangeben. »Ob die Veranstaltung mit Gewinn oder Verlust abschließen würde, darauf hatten wir keinen Einfluß. Man kann uns jedenfalls nicht nachsagen, daß wir leichtfertig gehandelt hätten«.

Als Rusch und König mit der Gewißheit eines Verlustes von 240000 DM in den Kampf gehen sollten, verloren sie die Nerven. Sie hätten ihn unter dieser Voraussetzung auch absagen müssen, wenn nicht die Stadt, um eine Blamage zu vermeiden, ein zweites Mal eine Geldspritze gegeben hätte. Mit den bewußten 90000 DM, einem Betrag, von dem Beigeordneter Riedel angeblich nichts weiß, sprang sie ein. So konnten kurzfristige Forderungen von rund einer Viertelmillion noch kurz vor dem Kampf abgelöst werden.

Ven diesen 90000 DM erfuhr der Stadtrat überhaupt nichts. Vielleicht konnte er nicht mehr gefragt werden. Aber Beigeordneter Riedel, dem ein Bewilligungsrecht von höchstens 5000 DM zusteht, wird sich am 10. und 11. Juli ihretwegen harten Kämpfen ausgesetzt sehen. Ob auch OB Dr. Heimerich bei der Bewilligung dieser Summe übergangen wurde, wird sich erst herausstellen, wenn Riedel zum Rücktritt gezwungen werden sollte.

»Wenn nicht geboxt worden wäre«, meint Riedel, »hätten wir mindestens ebensoviel verloren wie jetzt. So hatten wir doch noch die Chance, durch den Kartenverkauf etwas zu retten. Auch die Film-Einnahmen hätten wir nicht gehabt«.

In der Schlange der Gläubiger brauchen die beiden Hauptbeteiligten Walcott und ten Hoff nicht anzustehen. Sie haben ihre vertraglich zugesicherte Börse bekommen. Auch die Rahmenkämpfer bekamen ihr Geld.

Von den Amerikanern hat Manager Friedman noch 6000 Dollar zu kriegen. Ganz leer gingen bisher die 160 studentischen Platzanweiser des Kampftages aus. Man sagt ihnen nach, daß sie versagt hätten. Bei den Regenschauern drängten sie sich in den überdachten Raum und überlasteten die vordersten Sitzbänke. »Diese Ueberbelastung hätten auch gute Bänke nicht ausgehalten«, meint Conny Rusch. Daß Reporter Wernicke sie, funkisch wirksam, nacheinander hat niederbrechen lassen, kann er Wernicke, den er sonst als Boxfachmann schätzt, niemals verzeihen.

Wenn Boxkamerad Polzer zuweilen Rusch besucht, dann wundert er sich: »Daß Du noch die Nerven hast, Conny, von morgens bis abends hinterm Ladentisch zu stehen und Kickschuhe zu verkaufen«. Connys Kompagnon Leo König, der bei einer amerikanischen Dienststelle beschäftigt war, wurde unterdessen entlassen und sitzt auf der Straße.

Beigeordneter Heinz Riedel sagt: »Daß in Mannheim ein paar arme Teufel ihr ganzes Geld verloren haben und jetzt völlig verschuldet sind, das sollte den beiden Boxern zu denken geben. Wenn jemand für sie einspringen könnte, so wären sie es.«

Dr. Pecco Bauwens, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, wurde in Abwesenheit in allen Stuttgarter Kinos bei der Aufführung des Films vom Endspiel der Deutschen Fußballmeisterschaft ausgepfiffen. Er hatte in Berlin bei der Ehrung des neuen Deutschen Meisters, VfB Stuttgart, erklärt, Stuttgart sei nur Meister geworden, weil der Hamburger SV müde aus Amerika zurückgekehrt sei. Die »Stuttgarter Zeitung« druckte ein Bauwens-Bild ab mit der Unterschrift: »Der Freund des HSV«.

Anton Walbrook, alias Adolf Wohlbrück, Darsteller eiskalter Schurken auf der englischen Leinwand, wagte sich erstmalig auf die Opernbühne. Bei den Glyndebourne-Festspielen trat er in der Sprechrolle des Selim in Mozarts »Entführung aus dem Serail« auf.

Victor H. P. Brougham, Englands vierter Baron von Brougham and Vaux, verspielte eine Erbschaft von 750000 Pfund Sterling und machte dazu noch 20000 Pfund Schulden. Jetzt verdient er als Angestellter einer Firma, die seinen Besitz übernahm, wöchentlich acht Pfund.

Dr. Robert Pessenlehner, gebürtiger Wiener und Salzburger Mozarteumschüler, hat Beethovens 1814 zum Wiener Kongreß komponierte Kantate »Der glorreiche Augenblick« (Opus 136) neu überarbeitet. Als »Europa-Kantate« soll das Werk, das mit den Worten »Europa steht!« beginnt, beim kommenden deutschen Kongreß der Europaunion neu aufgeführt werden. 136 Jahre nach der Geburt des Opus 136. Dr. Pessenlehner ist seit 1945 Dirigent des 130 Jahre alten Musikvereins der Bach-Stadt Lüneburg und Gründer des Sinfonie-Orchesters.

Kurt von Schroeder, Finanzbaron und ehemaliger SS-Brigadeführer, wurde von dem in Eckernförde tagenden Bielefelder Spruchgericht zu 60000 DM Geldstrafe verurteilt. 30000 DM gelten durch die sechsmonatige Internierungszeit im Lager Eselsheide als beglichen. Die restlichen 30000 DM sind mehr wert. Wenn Herr von Schroeder sie nicht bezahlen kann oder will, muß er dafür zwölf Monate Gefängnis absitzen.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 59
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.