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RADFAHRER Wenn's einen so packt

aus DER SPIEGEL 6/1950

Die wenigsten merken es. Unten, an dem Holz-Oval in Hannovers Messe-Sportpalast, steht ein untersetzter Mann, sehr nervös, und fingert den Sechstagefahrern Zeichen auf ihrem 3500-Kilometer-Weg (rund 22000 Runden) zu. Und in jeder hannoverschen Sechstage-Nacht um 23.30 Uhr, wenn die große Uhr unter der Hallendecke im Dunst von 6000 Menschen zu verschwinden anfängt, brüllen die Lautsprecher, nun komme die Erich-Möller-Prämie, ein Wertungsspurt über 10 Runden um Motor- und Fahrräder für 1000 D-Mark. Es steht auch im 44 Seiten dicken Programm (Verantwortlich: Adolf Schön, Erich Möller), auch, daß Erich Möller der Ehrenschiedsrichter ist, Erich Möller der Steher-Weltmeister.

Das war er vor 20 Jahren. Aber die Leute wissen es noch, und der »Weltmeister« ist ein Slogan, der den Umsatz in den Erich Möllerschen Fahrradgeschäften beträchtlich hebt. Von anderen Weltmeistern aus dem Jahre 1930 spricht kaum noch einer. Erich Möller hat das gemacht, was die wenigsten schafften. Er hat rechtzeitig aufgehört zu fahren. »Als ich merkte, daß die anderen schneller waren.«

Eigentlich entdeckt hat ihn der Felix Otto, Präsident des Verbandes der Radfahrer von Deutschland ("Herr Präsident") im August 1924. Da war Erich Möller Erster bei der Amateur-Straßenmeisterschaft von Deutschland. Er war damals 19 Jahre alt. Das Ziel der Fahrt war vor der Villa des Geheimrats von Opel. Erich Möller fuhr Dürkopp.

Möllers Hannoveraner von seinem Verein RV Zugvogel schleppten ihn vom Hauptbahnhof Hannover zum Festessen in Mußmanns Hotel. Entdecker-Präsident Felix Otto schleppte sich mit zwei Koffern unbemerkt hinterher.

Die Zugvogel-Leute verkehrten im Café Wedekind am hannoverschen Wedekind-Platz. Da passierte dann sowas: Ein radsportbegeisterter Referendar konnte sich nicht genug damit tun, mit den Radfahrern zu feiern. Als er einmal so angeheitert war, daß er nicht mehr auf den Beinen stehen konnte, holten die Radfahrer aus dem gegenüberliegenden Sarggeschäft einen Sarg und bahrten den Referendar auf, mit Kerzen und im Hausflur. Er ist später nie mehr ins Café Wedekind gekommen.

Oder dies: ein Radfahrer aß so sehr gerne Kalbshirn. Ein begeisterter Anhänger, Schlachter, stiftete ihm einen halben Eimer voll. Im Café Wedekind verschwand der Eimer spurlos. Als der Radfahrer nach Hause ging und laut nach seinem Hirn rief, das man ihm gestohlen habe, wollten ihn zwei Polizisten in Gewahrsam nehmen. Sie landeten auf dem Pflaster. Dies und ähnliches erzählt Erich Möller.

Anders Präsident Otto, heute über siebzig und kaufmännischer Sechstage-Chef. Den Schrittmacher Werner Krüger suchte er 1925 für seinen Schützling Möller zu interessieren. Er wollte ihn zu einem Berufsfahrer hinter Motoren machen. Krüger wollte nicht: »Der junge Spund?« Dann ließ er ihn doch hinter seinem Motorrad um die Bahn kreisen.

Nach jeder Runde rief Erich Möller ihm zu: »Noch schneller.« Auf Anhieb fuhr er 86 Kilometer je Stunde heraus, Durchschnitt schnellster Rekordfahrer. Der junge Mann hatte in einem Jahr dreißig Verträge auf französischen Bahnen bekommen.

Das Nervenbündel Möller dirigiert nun die Sechstagefahrer in Hannover, es sei ein riskantes Geschäft gewesen, zum ersten Male seit 1913 so etwas in der Stadt aufzuziehen. Und nicht einmal in der Stadt. Ein Dutzend Kilometer davor.

Erich Möller hätte es kaum gewagt, wäre seine Frau nicht so dafür gewesen. Frau Möller hat sich auch sonst um ihren Mann verdient gemacht. Sie hat das Geld zusammengehalten, damit es 1938, als es zum Fahren nicht mehr langte, gut zu den Fahrradgeschäften reichte.

»Bei dem Sechstage-Rennen verdiene ich fast nichts«, sagt Erich Möller. »Bedenken Sie das Risiko. Alles ist mit Eigenkapital der Gesellschafter finanziert.«

Erich Möller geht in seinen Sixdays auf. Er ist kaum zu vier zusammenhängenden Sätzen zu bewegen, die nichts mit dem Rennen zu tun haben. »Wenn's einen so packt«, sagt er. Man könnte ihm das glauben. Wenn nicht Präsident Otto, kaufmännischer Renndirektor mit Bücher-Einblick, sagte: »Ich freue mich, wie sich Herr Möller geistig weiterentwickelt hat.«

David Michael Mountbatten, Marquis von Milford Haven, Trauzeuge der Prinzessin Elizabeth, heiratete in der Presbyterianer-Kirche von Washington die geschiedene Mrs. Romain Simpson. Die Mutter des Bräutigams war vor der Hochzeit schon nach England abgereist. Der geschiedene Gatte der Braut erklärte, daß er vom Tage der Wiederverheiratung an seiner ehemaligen Frau den Jahres-Pflichtbetrag von 35000 Dollar auf 1000 Dollar kürzen werde, wie im Scheidungsvertrag bestimmt.

Ignatz Latkowski, 45 Jahre alt, überschritt als freiwilliger Büßer auf seinem 5000-Kilometer-Marsch die Zonengrenze bei Hof. Vor zehn Jahren erschlug er in betrunkenem Zustand seine Frau. 10 Jahre saß er im Zuchthaus, gelobte Besserung und wurde zum Vorbild der Häftlinge. Im Januar begann er seinen Bußmarsch. Latkowski nimmt nur einfachste Speisen an und arbeitet unentgeltlich, wo er nur kann. Einen gefundenen 5 - DM - Schein lieferte er beim Roten Kreuz ab und schenkte seine letzte Habe, einen silbernen Ring, einem Flüchtlingsjungen. Nach Beendigung seiner Bußwanderung will Latkowski in den Dienst einer wohltätigen Organisation eintreten.

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