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»Wer nur das Geld jagt, ist am Ende bankrott«

aus DER SPIEGEL 21/1995

SPIEGEL: Herr Tiriac, kaum führt der Paradiesvogel Andre Agassi die Weltrangliste an, schon bejubelt die Branche das Comeback des Tennissports. Ist die Krise vorüber?

Tiriac: Ich glaube an kein Comeback, weil es gar keine Krise gegeben hat.

SPIEGEL: Wollen Sie bestreiten, daß es viel zu viele Turniere gibt, bei denen gesichtslose bis arrogante Profis horrende Antrittsgelder kassieren, um in der ersten Runde absichtlich zu verlieren?

Tiriac: Niemand verliert absichtlich. Der Spieler, der das tut, ist verloren. Der gewinnt auch niemals in Wimbledon. Woran der Tennissport aber wirklich krankt, ist die Erziehung der Spieler zu Leistung und Einsatz. Es fällt ihnen zuviel in den Schoß. US-Basketballer absolvieren in sechs Monaten 80 Spiele. Es gibt Formel-1-Fahrer, die verdienen gerade mal 50 000 Dollar im Jahr, und wenn sie Pech haben, zerschellen sie an der nächsten Mauer. Aber ich kenne etliche Tennisprofis, die dieselbe Summe in einer halben Stunde verdienen, indem sie gelbe Filzbälle über ein Netz befördern. _(* Alfred Weinzierl und Klaus Brinkbäumer ) _(vergangene Woche beim Tennisturnier in ) _(Rom. )

SPIEGEL: Die Preisgeld-Inflation haben doch Veranstalter wie Sie entfacht.

Tiriac: Für gutes Tennis soll es gutes Geld geben. Unser Fehler liegt woanders.

SPIEGEL: Wo?

Tiriac: Wenn ein Tennistalent mit 14 Jahren von der Schule abgeht, muß ich ihm klarmachen, daß es jeden Morgen die Herald Tribune zu lesen hat. Es soll alle zwei Wochen ein Buch lesen, und, und, und. Unsere Profis sind schlecht erzogen. Die kennen keine Schwierigkeiten. Ihre einzige Sorge ist, wie sie nach ein paar Profijahren ihre Motivations- und Identitätskrisen bewältigen sollen. Mit 30, 35 Jahren, wenn andere ihr Leben erst richtig beginnen, wissen die nichts mit sich anzufangen.

SPIEGEL: Für die Pädagogik sind Eltern und Trainer verantwortlich.

Tiriac: 90 Prozent der Eltern rechnen sich im Kopf doch nur aus, wie viele Millionen mit ihrem Kind zu verdienen sind. Und die Trainer? Die sind doch angestellt bei diesen Wunderkindern - also abhängig. Wenn sie lästig werden, wenn sie unbequeme Dinge verlangen, dann werden sie gefeuert.

SPIEGEL: Das Profitennis züchtet also dumpfe Abzocker heran?

Tiriac: Was im Himmel will ein Profi mit 100 Millionen anfangen, wenn er nicht weiß, was er mit 50 Millionen im Rücken aus seinem Leben machen soll? Wer immer nur das Geld jagt, ist am Ende bankrott. Im Tennis kommt es zu 50 Prozent darauf an, wie man den Ball trifft. Aber zu 51 Prozent kommt es darauf an, was für eine Persönlichkeit du hast. Mit Tennisrobotern will sich niemand identifizieren. Aber wenn du Charisma hast, leiden und sterben die Leute mit dir - vom Kind bis zur Oma. Becker ist so eine 101-Prozent-Persönlichkeit.

SPIEGEL: Es gibt nur zuwenig Beckers auf der Welt. In den USA sinken die TV-Quoten, Sponsoren steigen aus, Turniere verschwinden vom Spielplan.

Tiriac: Amerika ist ein besonderer Markt. Dort ist Tennis ein Minderheitensport, zweite Kategorie. Und außerdem hat das Land den Verlust von Jimmy Connors und John McEnroe noch nicht verkraftet.

SPIEGEL: Es gibt doch Agassi.

Tiriac: Agassi spricht nur eine begrenzte Klientel an. McEnroe sprach alle an. 50 Prozent mochten ihn, 50 Prozent haßten ihn. Agassi hat eine andere Geschichte. Er kam als 15jähriger langmähniger Rebell. Jetzt, mit kurzen Haaren und langen Shorts, wirkt er wie ein amerikanischer Street-Basketballer. Aber können Sie sich vorstellen, daß Agassi, wie früher Becker, für eine Institution wie die Deutsche Bank werben könnte?

SPIEGEL: Wenn es trotzdem nie eine Tenniskrise gegeben hat, warum hat die Profispielervereinigung ATP jüngst Fernsehverträge abgeschlossen, in denen die Übertragungszeit begrenzt ist?

Tiriac: Eine Übersättigung ist keine Krise. Wir müssen differenzieren: Der Markt hat sich reguliert. Mitte der achtziger Jahre habe ich die One-night-Exhibitions mit Becker erfunden, damit ihn auch die Leute in Bremen oder Kiel einmal live sehen konnten. Und wer eine kleinere Halle und weniger Geld hatte, der veranstaltete ein Schauturnier mit Carl-Uwe Steeb gegen irgendwen. Diese Zeit ist vorbei. Heute zählt nur noch Qualität: Von 1996 an gibt es die Super-Nine-Serie der ATP; neun Turniere, bei denen neun der Top-Ten-Profis teilnehmen werden. Es ist wie eine Liga, wie die NBA.

SPIEGEL: Die Schere zwischen den großen Turnieren und den kleinen geht damit weiter auseinander.

Tiriac: Völlig richtig. Tennis ist eine Industrie. Ob wir das mögen oder nicht, es ist die Realität. Wir leben nicht mehr in Coubertins Zeiten, und Tennis ist nicht mehr allein ein Sport. Es ist ein Geschäft. Solange wir Konzerne als Werbepartner finden, werden die Topturniere keine Probleme haben, Budgets von über zehn Millionen Dollar aufzutreiben. Aber dann dürfen nicht zur selben Zeit Agassi im Kongo, Becker in Stockholm und Ivanisevic auf Hawaii spielen. Die Besten sollen gegen die Besten spielen. An einem Ort.

SPIEGEL: Sie schöpfen damit alle Gelder für die vier Grand-Slam- und die neun ATP-Turniere ab. Und was wird aus Turnieren wie in Kitzbühel oder Halle?

Tiriac: Es gibt künftig Bundesliga, Zweite Liga und Regionalliga. Als Veranstalter eines Super-Nine-Turniers habe ich die Pflicht, ein kleines Turnier auszurichten. Ich werde das in meiner Geburtsstadt Brasov tun. Die Leute dort können nicht erwarten, daß sie einen Sampras sehen. Sie werden ein kleines, gemütliches Klubturnier mit 100 Zuschauern haben, bei denen sich der örtliche Metzger von der Ecke für 500 Mark als Sponsor beteiligen kann.

SPIEGEL: Amerikanische TV-Sender fordern von der ATP ein kalkulierbareres Spiel. Sie wollen auf die Minute wissen, wann ein Spiel zu Ende ist und wann sie Werbung senden können.

Tiriac: Das halte ich für unmöglich, die Zeit zwischen den Seitenwechseln muß reichen. Wir dürfen uns nicht allen Wünschen des Fernsehens beugen. Ich habe einen guten Freund, der für den Medienmogul Rupert Murdoch die Sportrechte managt. Der Mann zahlt für American Football 1,6 Milliarden Dollar. An Tennis hat er kein Interesse, solange es beim Aufschlag zwei Versuche gibt. Aber wenn wir uns darauf einlassen und nur noch ein Service erlauben, ändern wir das Spiel fundamental.

SPIEGEL: Ion Tiriac, der Gralshüter des Tennis?

Tiriac: Nennen Sie mich einen Romantiker, der für alles Neue aufgeschlossen ist. In Innsbruck 1964 waren wir 1200 Athleten im olympischen Dorf. Ich habe Tag und Nacht mit dem Bobfahrer Eugenio Monti geflippert. Alle Sportler haben sich untereinander gekannt. Heute sind bei Olympischen Spielen über 10 000 Journalisten. Die Welt ändert sich, das müssen wir akzeptieren.

SPIEGEL: Weil das Spiel zu schnell geworden ist, werden zahlreiche Regeländerungen diskutiert: höheres Netz, kleinere Schläger, weichere Bälle. Leisten Sie Widerstand?

Tiriac: Wer nach New York will, fliegt heute auch nicht im Doppeldecker, sondern mit der Concorde. Soll ich dem Michael Chang ein Bein absäbeln, weil er so schnell rennt? Soll ich dem Goran Ivanisevic nur noch einen Aufschlag erlauben, weil er so groß ist? Ich sehe nur einen sinnvollen Kompromiß: für die schnellen Böden langsamere Bälle.

SPIEGEL: Das Damentennis ist derzeit so uninteressant, daß es seit zwei Jahren vergebens einen Titelsponsor sucht.

Tiriac: Damentennis lebte über Jahre vom Duell Steffi Graf gegen Monica Seles. Steffi ist die kompletteste Athletin, sie wäre auch in anderen Sportarten zu Weltruhm gekommen. Monica war nicht so fit, aber sie kämpfte immer bis zum Umfallen, als hätte sie zwei Herzen. Diese aufregenden Matches fehlen.

SPIEGEL: Gibt es nicht auch strukturelle Probleme bei den Damen - zu viele Turniere, schlechtes Marketing?

Tiriac: Die Damen müssen den Herren folgen, ihre Köpfe zusammenstecken und fünf bis sieben stark besetzte Turniere kreieren, wo die Weltklasse aufeinandertrifft. Sie müssen hoffen, daß Steffi noch ein paar Jahre dranhängt. Aber vor allem sehe ich die Zukunft darin, Damen- und Herrenturniere über zehn Tage gemeinsam zu veranstalten.

SPIEGEL: Vom Finale abgesehen, werden die Tribünen bei den Damenspielen dann leer sein.

Tiriac: Nein. Auch bei den Grand-Slam-Turnieren wechseln sich Frauen und Männer ab, und die Tribünen sind immer voll. Alle sind heiß auf Martina Hingis, sie wird, glaube ich, ein guter Champion werden. Aber gerade bei den jungen Mädchen hängt viel von den Eltern ab: Wählen die den richtigen Berater, halten die sich zurück, wenn es um Trainings- und Turnierplanung, um Ernährungs- oder Materialfragen geht?

SPIEGEL: Seit Jahren wird darüber gestritten, wie ein vorzeitiges Ausbrennen der Mädchen verhindert werden kann.

Tiriac: Eine Altersgrenze wäre wohl vernünftig, ich schlage 16 Jahre vor.

SPIEGEL: Dann dürfte aber Martina Hingis, Ihr Star für die Zukunft, noch gar nicht mitspielen.

Tiriac: Korrekt. Kürzlich habe ich mich bei Familie Hingis entschuldigt, daß ich Martinas Teilnahme bei meinem Damenturnier in Essen im vorigen Jahr abgelehnt habe. Sie war zu jung. Ich wollte mir später nicht vorwerfen, sie verheizt zu haben. Da ich überstimmt wurde, mußte ich sie starten lassen. Sie hat gut gespielt - vielleicht habe ich mich geirrt.

SPIEGEL: Soviel Fürsorge traut man Ihnen gar nicht zu; lange Jahre standen Sie im Ruf, ein transsylvanischer Blutsauger zu sein. Kann man sich im Profitennis Emotionen überhaupt leisten?

Tiriac: Ich bin in Brasov geboren. Wir wohnten in einem Haus mit zwei Ungarn, zwei Juden, drei Deutschen und vier Rumänen. Als die Deutschen einmarschierten, versteckte mein Vater auf unserer Toilette zwei Juden; auf demselben Klo versteckte er die Deutschen, als die Russen kamen. Mich hat das Leben Toleranz gelehrt. Dennoch habe ich ein großes Handicap: Ich war auf keiner Wirtschaftsschule, nur auf einer Sportuniversität. Das war alles. Aber ich weiß, daß zu einem Geschäft zwei Beteiligte gehören. Und jeder muß irgendwo einen Vorteil aus der Partnerschaft ziehen. Wenn hier in Rom oder in Stuttgart einer meiner Partner nicht zufrieden ist und er hat Grund dazu, werde ich alles tun, um diesen Schaden zu beheben, egal was es kostet. Da rede ich mich nicht auf Haftungsklauseln im Kleingedruckten raus. Das ist mein Gefühl, mein Verständnis von Geschäften.

SPIEGEL: Früher betonten Sie, als Promoter der Beste zu sein, weil niemand über Ihre Erfahrung als Spieler, Coach und Unternehmer verfüge. Doch heute gibt es eine Menge Kaufleute, die nahezu dasselbe tun wie Sie.

Tiriac: Ich stimme Ihnen zu. Sie tun beinahe dasselbe wie ich, aber ich bin ihnen immer einen Schritt voraus. Tennis muß ein Happening sein: Das Turnier in Rom besuchen in zwei Wochen 270 000 Menschen; für Firmen wie Nokia ist dies das optimale Ambiente, um sich zu präsentieren.

SPIEGEL: Das leisten andere auch.

Tiriac: Es mag sich vielleicht anhören, als sei mir alles zu Kopf gestiegen. Aber ich glaube ehrlich, daß ich der Beste bin. 1985 beim Davis-Cup-Finale in München haben wir die ersten VIP-Zelte aufgestellt. Das waren 800 Quadratmeter, 1993 in Düsseldorf hatten wir 30 000 Quadratmeter. Wenn man mich heute kopiert, lasse ich mir für morgen etwas Neues einfallen.

SPIEGEL: Vorsprung durch Kreativität?

Tiriac: Mag sein. Aber vor allem mache ich nie Zugeständnisse, was die Qualität betrifft - weil ich unabhängig bin, nicht täglich jemandem Rechenschaft ablegen muß.

SPIEGEL: In diesem Jahr kommt es womöglich in Deutschland zu einem Davis-Cup-Finale gegen die USA. Es gibt mehrere Bewerber für die Organisation. Einer Ihrer Konkurrenten ist Axel Meyer-Wölden, und dessen Vorteil heißt Boris Becker. Der Anwalt ist jetzt Berater Ihres ehemaligen Schützlings.

Tiriac: Ich sage Ihnen: Erstens habe ich keine Gegner. Zweitens bin ich am Davis-Cup nicht direkt interessiert. Drittens habe ich, als ich Herrn Becker noch vertrat, seinen Namen nie als Druckmittel eingesetzt. Und solange ich für ihn gearbeitet habe, hat er es abgelehnt, mehr Geld zu verdienen, als seine Davis-Cup-Teamkollegen erhielten.

SPIEGEL: Sie wollten, daß er mehr verdiente, und Becker hat das abgelehnt?

Tiriac: So war es.

SPIEGEL: Das hat sich geändert.

Tiriac: Ich mache ihm keinen Vorwurf. Ein Mann hat zu tun, was er zu tun hat.

SPIEGEL: Aber jetzt hat Meyer-Wölden die Trumpfkarte Becker in der Hand.

Tiriac: Na und? Im letzten Jahr wollte der Deutsche Tennis Bund den Davis-Cup allein ausrichten, und er hat es getan. Ich habe dem DTB und seinem Präsidenten Stauder viel zu verdanken. Unsere gemeinsame Anfangszeit war nicht leicht. Meine Gegner wollten mich erschießen, mich kreuzigen. Aber man hat mich nicht fallenlassen. Ich bin nach wie vor Marketing Adviser des DTB. Und wenn er meinen Rat sucht, bekommt er ihn. Aber an einem Engagement bin ich persönlich nicht interessiert. Ich mache kein Angebot.

SPIEGEL: Sie wollen gebeten werden?

Tiriac: Hören Sie: Ich habe so viele Dinge zu tun - auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Ich persönlich halte mich aus dem Davis-Cup raus.

SPIEGEL: Wie ist Ihr Verhältnis zu Meyer-Wölden?

Tiriac: Zu ihm gibt es kein Verhältnis. Er berät Herrn Becker und aus. Ich habe mit Becker zehn phantastische Jahre gehabt. Ich bereue keine Minute. Wenn ich in den Spiegel schaue, bin ich sehr froh, wie die Zeit gelaufen ist und wie sie geendet hat.

SPIEGEL: Über das Ende können Sie nicht froh sein.

Tiriac: Warum? Wir hatten uns auseinandergelebt. Unsere Ideen korrespondierten nicht mehr miteinander, also hatten wir getrennte Wege zu gehen.

SPIEGEL: War der Becker-Verlust Ihre größte Niederlage als Manager?

Tiriac: Ich lache manchmal darüber, wenn Leute sagen, Tiriac ist am Ende, weil er Becker nicht mehr hat. Als Becker geboren wurde, habe ich schon Turniere promotet. Und lange nachdem Becker aufgehört haben wird, werde ich immer noch im Geschäft sein.

SPIEGEL: Ihnen fällt es schwer, Niederlagen zuzugeben.

Tiriac: Machen Sie Witze? Ich verliere jeden Tag.

SPIEGEL: Was war Ihre größte Niederlage?

Tiriac: Als ich mit Rumänien zum drittenmal das Davis-Cup-Finale verlor.

SPIEGEL: Herr Tiriac, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

* Alfred Weinzierl und Klaus Brinkbäumer vergangene Woche beimTennisturnier in Rom.

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