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KAMPFSPORT Werte fürs Leben

Free Fight gilt als härteste Disziplin der Welt. Fast alles ist erlaubt, die Brutalität fasziniert eine wachsende Fangemeinde. Jetzt streiten die Akteure für ein sauberes Image.
Von Daniel Pontzen
aus DER SPIEGEL 6/2007

Es ist kalt im kargen Box-Gym in Bergneustadt. Waldemar, ein durchtrainierter Kasache, 95 Kilo schwer, dehnt seine Oberschenkel, dann die Waden. Er ist einer von 38 Teilnehmern eines Lehrgangs in der Disziplin Free Fight, sie gilt als härtester Kampfsport der Welt.

Boxer aus Erfurt, Jiu-Jitsu-Kämpfer aus Aachen, Kickboxer aus Marienheide haben sich angemeldet. Ein Wirtschaftsinformatiker ist darunter, ein Marketingdozent, eine Krankenschwester. Für Waldemar, 20, ist es ein wichtiges Wochenende. Im Sommer will er seinen ersten Kampf bestreiten. Sein Blick ist finster, im Mund funkelt ein silberner Zahn. Als Jugendlicher hat er sich regelmäßig auf der Straße geprügelt, mit 15 wurde er bei einem Tankstellenüberfall erwischt. Jetzt lernt er kämpfen nach Regeln, wenn auch mit einem dünnen Kodex.

Free Fight, auch Ultimate Fighting oder Mixed Martial Arts genannt, gab es bereits Anfang der neunziger Jahre als Untergrundsport in den USA, der Kinohit »Fight Club« mit Brad Pitt machte das Freistilkeilen auch hierzulande bekannt.

Die Kombattanten treten zumeist in achteckigen, mit Maschendraht umzäunten Käfigen an. Darin ist fast alles erlaubt, je nach Verband variieren die Regeln: Manchmal darf man dem Gegner nicht in die Augen stechen, manchmal nicht die Mundwinkel aufreißen. Ziel der Kämpfer ist es, den Kontrahenten k. o. zu schlagen oder zum Aufgeben zu zwingen. Schwere Verletzungen sind an der Tagesordnung. 1998 gab es sogar ein Todesopfer. Der einstige Weltmeister Douglas Dedge starb nach einem Kampf in Kiew.

In Osteuropa, Asien und den USA hat sich eine gutverdienende Profiszene etabliert. In Japan verfolgen bis zu 60 000 Zuschauer die Kämpfe, Topstars streichen Gagen von bis zu 150 000 Dollar ein.

Auch in Deutschland erfreut sich Free Fight zunehmender Beliebtheit. Immer mehr Kampfsportler betrachten den Freistil als Königsdisziplin, für sie ist er Kampfkunst in Perfektion. Allein der größte deutsche Verband, die Free Fight Association, führt bundesweit 33 Schulen, 2003 waren es 5. Nahezu wöchentlich finden Lehrgänge statt, die Teilnehmerzahl hat sich im vergangenen Jahr verdreifacht. Rund 300 deutsche Aktive bestreiten regelmäßig Kämpfe, etwa zehnmal so viele fighten wenigstens ab und zu.

Gleichzeitig wächst die Fangemeinde. Der Fernsehsender Eurosport zeigt seit einigen Jahren Free Fights und erzielt kon- stante Quoten: Zuschauerzahlen im sechsstelligen Bereich. Auch das DSF erreichte Ende vergangenen Jahres mit den Duellen passable Marktanteile. Im Gegensatz zum Wrestling, einem inszenierten Pseudogeprügel von Darstellern, die aussehen wie Comicfiguren, scheint Free Fight wie gemacht fürs Reality-TV: Die Gladiatoren bieten echte Gewalt.

Eben dagegen formiert sich Widerstand. »Die Brutalität ist unfassbar«, sagt Peter Danckert (SPD), der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Jugendliche würden zur Nachahmung eingeladen, meint er und fordert die Sender zum Verzicht auf Bilder aus dem Gefechtskäfig auf. Andernfalls müsse man »über ein Verbot nachdenken«.

Dass ein oft zwielichtiges Publikum klare K.-o.-Siege bevorzugt, trägt nicht zu einem besseren Image des Freistilkampfs bei. Die Veranstalter versuchen, unverwundbar zu bleiben: Per Unterschrift sollen Kämpfer auf Regressansprüche verzichten, Verletzungen sollen Privatsache sein. Ob derlei Vereinbarungen wirklich vor Schadensersatzansprüchen schützen, ist jedoch fraglich.

Viele Aktive drängt es aus dieser Schmuddelecke. »Von diesem Milieu wollen wir uns abgrenzen«, sagt André Balschmieter, 24, Deutscher Meister in der Klasse bis 85 Kilogramm. Der Hesse, der bereits Profikämpfe im Ausland bestreitet, legt Wert darauf, nur bei seriösen Veranstaltern in den Käfig zu steigen.

Auch Andreas Stockmann, Aushängeschild der Sportart, streitet für einen sauberen Ruf. Stockmann, 44, einst Mitglied der Nationalen Volksarmee, Spezialausbildung im Nahkampf, war in den Neunzigern mehrfach deutscher Free-Fight-Meister. Inzwischen ist er Trainer, Trainerausbilder, Matchmaker, Ringrichter. »Disziplin und Respekt vor dem Gegner« seien die obersten Gebote seines Sports, sagt er. Die Athleten könnten »Werte fürs Leben lernen«.

Stockmann leitet den Lehrgang in Bergneustadt. Für ihn ist Free Fight eine Frage der Selbstbeherrschung, für kleinste Verfehlungen werden die Teilnehmer zu Strafliegestützen verdonnert.

Man müsse mehr für eine bessere Außendarstellung tun, sagt Stockmann, zu lange habe man mit dem Brutalo-Leumund kokettiert. Beim Bemühen um eine Imagekorrektur sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Im Internet hatte Stockmann seinen Lehrgang als »Dirty Weekend« beworben. Dies, sagt er, habe er doch bloß »ironisch gemeint«. DANIEL PONTZEN

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