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Wettkampf für 93 Millionen

Ein Jahr vor dem Olympia in Moskau gab die Sowjet-Union ihre Völkerschlacht namens Spartakiade zur Besichtigung frei -- das größte Sport-Fest der Welt.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Der sowjetische Kirow-Kolchos im Rayon Dubossary produziert nicht nur »Weizen und Wein, Gemüse und Früchte«, stellte ihr Vorsitzender, der »Held der Sozialistischen Arbeit«, Dmitrij Tschutak, fest, sondern neuerdings »gehören auch Sportstars zu unserem Programm«.

In der Provinz und auf dem Lande machten die UdSSR-Sportstrategen vor der ersten Olympiade im Ostblock erhebliche unerschlossene Reserven an olympischen Talenten aus. Über die sogenannte Völker-Spartakiade werden sie allmählich mobilisiert. Denn bislang hatte der Sowjet-Sport seine Vormachtstellung bei den Olympischen Spielen gegen die USA mit Athleten aus wenigen, vorwiegend großstädtischen Zentren erkämpft und verteidigt.

Doch immer mehr Länder, auch aus der Dritten Welt, erklimmen in einigen Sportarten Weltniveau. Neben den US-Schwimmern fügten vor allem die DDR-Leichtathleten und -Ruderer den Sowjet-Sportlern öfter internationale Niederlagen bei. Deshalb trachten die sowjetischen Sportführer, ihr Talentreservoir gründlicher auszuschöpfen. Der wichtigste Zubringer- und Testwettbewerb, die Spartakiade, nahm dabei unvorstellbare Ausmaße an.

Seit 1975 verdoppelte sich die Zahl der Teilnehmer auf unterster Ebene von 45 auf 93 Millionen. Auch wenn vielleicht einige Amateurathleten nicht mehr als ihre Teilnahme-Unterschrift geleistet haben mögen und andere zweimal auftauchen, weil sie auch am Jugend- und am Schulwettbewerb teilgenommen haben, bleibt die Spartakiade allemal der »größte gleichzeitige Wettkampf für viele Sportarten« (Spartakiade-Bulletin).

In diesem Jahr luden die Sowjets zu den Endkämpfen von 10 000 qualifizierten einheimischen Sportlern erstmals auch 2500 ausländische Gäste aus aller Welt zur »Generalprobe vor den Olympischen Spielen 1980« (Walentin Aljochin, Mitglied des Olympia-Organisations-Komitees) ein.

Das Millionending findet alle vier Jahre statt und erstreckt sich von den Kreis-Spartakiaden bis zum Finale in Moskau über zwei Jahre. Es sprengt mit 30 verschiedenen Sportarten sogar den Rahmen der Olympischen Spiele 1980, bei denen 21 Sportarten vorgesehen sind. Bei Spartakiaden rücken auch Schachspieler -- darunter 45 Großmeister -- Bauern und Könige in Medaillennähe; Weltmeister Karpow belegte mit seiner Leningrader Mannschaft nur den vierten Platz.

Die moderne Spartakiade hatte bescheiden mit einem Sportfest des Leningrader Klubs Spartak begonnen, das die UdSSR 1928 zur ersten Gesamt-Spartakiade erweiterte. Damals nahmen sogar 612 Arheiter-Sportleraus Deutschland und 16 anderen Ländern teil.

Die Organisatoren bezogen Wettkämpfe von Schülern und Landsportlern in die Spartakiade-Vorkämpfe ein. Wichtigster Pfeiler und Mitorganisator ist jedoch die Gewerkschafts-Bewegung, von der die Betriebssport-Vereine unterstützt werden, Jährlich investieren die Sowjet-Gewerkschaften 585 Millionen Rubel (fast zwei Milliarden Mark) in den Sport.

Sie verfügen über 2733 Stadien, 11 200 Sporthallen und 813 Schwimmbecken. Zugleich unterhalten sie 2219 Kinder- und Jugendsportschulen, von denen sich 367 auf bestimmte Sportarten spezialisierten. An ihnen werden 620 000 Kinder unterrichtet und auf Medaillen-Kurs getrimmt. In der DDR gibt es 20 dieser Spezialsportschulen (KJS) mit etwa 8000 Kindern. An der diesjährigen Spartakiade beteiligten sich 34,5 Millionen Gewerkschaftssportler.

Bei den Spartakiaden sollen neue »junge, begabte Sportler ermittelt werden -- Anwärter für die Nationalmannschaften«, hofft Georgij Jelissejew, Sportfunktionär der Sowjet-Gewerkschaften. »Eine Olympia-Hoffnung in jedem Gebiet«, lautet ein Spartakiade-Slogan. Das Motorenwerk in Ufa nahm -- wie andere Betriebe auch -- neben üblichen Produktionszielen »drei internationale Meister des Sports bis 1980« in seinen Plan auf.

Aber Sprint und Sprung sind bei der Spartakiade nicht alles. Von einer Tradition mögen die Spartakiade-Organisatoren keinesfalls abrücken: Im Programm der Jugendwettkämpfe (38 Millionen Teilnehmer) steht, so Anatolij Kolessow aus dem UdSSR-Spartakiade-Komitee, auch die »Erziehung zum Patriotismus«.

Panzer fuhren diesmal allerdings nicht mehr, wie noch 1971, zur Eröffnung der Endkämpfe ins Moskauer Lenin-Stadion ein, und auf Platzpatronen verzichtete die Regie auch.

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