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Wie bei Orwell

Die Kritik an Fecht-Bundestrainer Emil Beck wächst. Der Hauptvorwurf: zu große Machtfülle. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Wenn spät nachts in Emil Becks VV Eigenheim am Tauberbischofsheimer Tannenweg das Telephon läutet, ahnt der Hausherr zu Recht Schlimmes. Meist sind anonyme Anrufer am Apparat, die ihn mit wenig feinen Ausdrücken traktieren. Es ist auch schon vorgekommen, daß Unbekannte auf sein Auto gesprüht haben: »Emil Beck, der Hurenbock.«

Emil Beck, 51, seit September Cheftrainer des Deutschen Fechter-Bundes (DFB), sieht sich dann stets in seiner Lebensphilosophie bestätigt: »Lob kriegst du gespendet, Neid mußt du dir erarbeiten.«

Dem Verfechter des »absoluten Leistungsprinzips« ist rüde Gangart ebensowenig fremd wie seinen Feinden im geliebten Provinznest. Kritiker gelten Beck allemal als »Stinker und kleine Scheißer«, da entdeckt er »unverschämte Lümmel« und antwortet auf mißliebige Zeitungsartikel, was kümmere es »die Eiche, wenn die Sau sich an ihr reibt«.

Daß der gelernte Friseur Beck sich auch gegenüber seinen Athleten und Trainern zeitweilig »wie ein Stinktier« aufführt, weiß die fünfmalige Goldmedaillengewinnerin im Florett, Cornelia Hanisch. Die Offenbacherin, die ihre internationale Karriere vor einem Jahr beendete, gehört zu einer wachsenden Zahl von Kritikern des Autodidakten Beck, der, wie er sagt, »von ganz unten kam«.

Gewürdigt werden zwar seine Verdienste um den Fechtsport- Beck-Schüler gewannen seit 1973 bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften 42 Medaillen -, gewarnt aber wird vor der Machtfülle des Fechterfürsten.

Das unlängst zum Olympiastützpunkt aufgestiegene Bundesleistungszentrum in Tauberbischofsheim - eine Werbemappe feiert Beck als »erfolgreichsten Trainer der Welt« - ist für Cornelia Hanisch »ein Gigant, der alles andere unterdrückt' . Sie befürchtet, daß Becks Imperium auf lange Sicht andere traditionelle Leistungszentren wie Heidenheim, Bonn und Offenbach ausblute, »weil Fechtkarrieren nur noch an der Tauber möglich sind«.

Es könne den Fechtern, so Cornelia Hanisch, ähnlich ergehen wie den bundesdeutschen Ruderern. »Die erlebten unter der alles überragenden Figur Karl Adam zwar ihre erfolgreichste Zeit, aber erholt haben sie sich davon bis heute nicht.«

Zahlen belegen die zentralistische Tendenz im Fechtsport: Von den 40 Fechtern des A- und B-Kaders sind alleine 28 dem Stützpunkt Tauberbischofsheim zugeordnet.

Seit Beck Cheftrainer ist, kommen auch drei der vier Bundestrainer aus der 12000-Seelen-Gemeinde. Einzig der Bulgare Boris Stavrev darf als Säbel-Bundestrainer noch in Bonn agieren. Abgelöst wurde dagegen Damen-Florett-Trainer Horst-Christian Tell aus Offenbach. Sein Nachfolger Paul Neckermann stammt - natürlich - aus Tauberbischofsheim.

Die vom Deutschen Fechter-Bund genehmigte Tell-Entmachtung sorgt seither für Wirbel. So kommentierte der Fernsehjournalist Stefan Lazar, laut Beck »ein intimer Kenner der Fechtsportszene«, den Trainer-Wechsel mit dem Hinweis, der mächtige Emil habe es schon immer verstanden, nur Kräfte zu berücksichtigen, die wie er »badischen Akzent sprechen« und »seinen tiefverwurzelten Lokalpatriotismus uneingeschränkt teilen«.

Tell aber stammt aus Polen. Er entdeckte und trainierte die Ausnahmeathletin Cornelia Hanisch. Unter seiner Führung holten die bundesdeutschen Florettfechterinnen 14 Medaillen seit 1977, darunter olympisches Gold 1984.

Doch schon in Los Angeles war Tells Ablösung eine ausgemachte Sache. Zwar riet Beck da noch dem Präsidium, nichts zu unternehmen, »solange es die Hanisch gibt«. Aber nach dem Rücktritt der erfolgreichen Fechterin wurde Tell nach der Weltmeisterschaft dieses Jahres in Sofia gekippt. Von Beck als »Hosenscheißer« beschimpft, soll Tell nun ausgerechnet als Stützpunkttrainer in Tauberbischofsheim arbeiten. Er fürchtet, »die wollen mich da kaputtmachen.

Das Klima im Olympiastützpunkt ist bei vielen Fechtern ohnehin gefürchtet. Es gehe dort zu wie in einer Fabrik, weiß der Bonner Landesfechttrainer Helmut Koch. Cornelia Hanisch fühlt sich an der Tauber zuweilen an Orwell erinnert. »Emil Beck«, sagt sie, »ist ein kleiner Diktator«. Ihm entgehe nichts.

Big Boß hat alles unter Kontrolle. Seine mittlerweile rund 50 Angestellten führt er mit »straffer Hand«. Wer Leistung bringt und Wohlverhalten zeigt, wird von ihm mit vielerlei Vergünstigungen

- etwa einem Wagen des Sponsors Mercedes - belohnt. Koch weiß dagegen, »wer aufmuckt, dem werden Gelder gestrichen«. Viele Fechter seien von Beck abhängige und müßten tun, »was Emil sagt«.

Der ehemalige Weltklassefechter und Beck-Schüler Harald Hein formuliert es so: »Es gibt auch eine Art voll Dankbarkeit. Da gehorcht man halt, auch, wenn's manchmal schwerfällt.«

Wie kein anderer Bundestrainer versteht es Beck, auch Vorsitzender der Trainerkommission des Deutschen Sportbundes, sich und seinen Stutzpunkt ins rechte Licht zu setzen. Wöchentlich verschickt er an 70 Journalisten sowie 430 Sponsoren und Gönner - darunter auch Kanzler Kohl, der »liebe Helmut - Rechenschaftsprotokolle. Mitunter sind darin 50 einzelne Punkte aufgeführt. »Darüber, wie der Emil das macht , da ist sich Beck sicher, »wird sogar im Kabinett gesprochen.«

Tatsächlich dient der Briefdienst nicht nur der Information, sondern Becks eigener Selbstdarstellung. Aufgelistet wird regelmäßig, von wem Beck eingeladen wurde, an welchen Veranstaltungen Beck teilgenommen hat und wohin Beck zu reisen gedenkt. Angefügt sind zudem Kopien von Zeitungsartikeln. Deren meist einziges Thema: Emil Beck.

Gänzlich überzeugt von der eigenen Bedeutung unterlaufen dem Erfolgsmanager allerdings gelegentlich Fehler. So kam es unlängst zu einer Kontroverse mit Sporthilfe-Chef Josef Neckermann. Der hatte mit Audi einen Vertrag, abgeschlossen, wonach die Firma 120 deutschen Spitzenathleten kostenlos Wagen ihres Fabrikats zur Verfügung stellt. Beck lehnte ab mit der Begründung: Tauberbischofsheimer Fechter wechselten nicht ihre Sponsorenmarke Mercedes, »nur weil eine andere Firma den Werbeeffekt der Sportler erkannt hat und nun in der Öffentlichkeit ihre Marke groß herausbringen will«.

Peinlich berührt verwahrte sich Neckermann in einem Brief an Beck gegen »jedwede auch unbedachte Abwertung oder gar Diskriminierung unserer Mäzene . Beck antwortete kleinlaut, gleichwohl in bewährter Manier. Die Entschuldigung ("dumme Mißverständnisse") nutzte er zum Eigenlob. Er nehme für sich - »unbescheiden, wie ich bin« - in Anspruch, daß es niemand außer ihm geschafft habe. »die Sporthilfe und ihren Vorsitzenden bei sämtlichen Interviews, Fernsehsendungen und Zeitungsberichten entsprechend herauszustellen«.

Trommler Beck, obwohl in die Schußlinie geraten, sieht sich längst noch nicht auf dem Zenit der Karriere. Das CDU-Mitglied plant den Einzug in die Politik. und da fange er »ganz gewiß nicht mehr klein an«.

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