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TENNIS Wie die Kinder

Volk hat der Deutsche Tennis-Bund genug. Drei Millionen Deutsche schwingen das Rackett. Nur an Helden fehlt es. Die besten deutschen Tennisspieler gehen lieber auf die Dörfer als nach Wimbledon.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Am Morgen des Spieltages starrte Ulrich Pinner in den Himmel und bettelte um Regen. »Dann kann der andere nämlich nicht soviel Druck machen«, spekulierte der Deutsche Tennismeister. Es regnete aber nicht, und der andere, der Tschechoslowake Thomas Smid, machte Druck und siegte.

Beim ersten Daviscupspiel der Saison zuckte der deutsche Tennisstar Rolf Gehring zusammen. »Aufschlag Deutschland«, schnarrte es aus dem Lautsprecher. Gehring guckte zu Boden und stammelte. »Sonst sagt der doch immer Aufschlag Gehring.« Der phonetisch entnervte Deutsche verlor für Deutschland.

Es darf nichts dazwischen kommen, wenn Deutsche im Welttennis mitspielen. Mal muß es regnen, mal die Sonne scheinen, mal soll der Wind ruhen oder günstig wehen, und Betonplätze sind meist von Übel. Als die Londoner Spielleitung von Wimbledon zum berühmtesten Tennisturnier der Welt einlud, kniffen die Deutschen. »Da kann ich ja nur verlieren«, verzagte Meister Pinner.

»Ein Irrtum in der Berufsauffassung«, rügte Tennisexperte Ulrich Kaiser die Scheu der Deutschen, sich mit den Besten der Weit zu messen, zumal auf ungewohntem Rasen.

»Sie spielen lieber auf dem Dorf und Siegen da manchmal auch, anstatt sich in London oder in New York von den Weltstars abziehen zu lassen«, schmähte der Sportreferent im Deutschen Tennis-Bund (DTB) und frühere Wimbledonfinalist Wilhelm Bungert seine jungen Landsleute. »Aber anders lernt man es nicht,« Folge: Die Pinners und Gehrings weigern sich seitdem, jemals für Deutschland zu spielen, so lange Bungert noch das Sagen hat. Vor zehn Jahren mit Tennisspieler Wilhelm Bungert hatte die deutsche Daviscup-Mannschaft noch Weltgeltung. Sic kämpfte auf amerikanischem Boden gegen die Amerikaner um die inoffizielle Mannschafts-Weltmeisterschaft. Bungerts Mitspieler Christian Kuhnke und Ingo Buding flößten den Weltstars jederzeit Schrecken ein.

Heute dauert es lange, bis ein Björn Borg oder John McEnroe sich den Pullover auszieht, wenn sie gegen einen Deutschen spielen. »Das Beste an den Deutschen sind ihre Autos«, sagt der Amerikaner McEnroc. »Ihr Tennis taugt nichts.«

Ein halbes Dutzend Bundestrainer versuchte seit Bungerts und Kuhnkes Tagen, wieder neue Weltstars heranzubilden. Schon Fünfjährige ließ Bundestrainer Richard Schönhorn mit Holzkellen Schläge üben. Rund drei Millionen Deutsche spielen Freizeit-Tennis. In Hannover entstand ein Bundesleistungszentrum, worin auch die Talente Pinner und Gehring zeitweilig lebten, Doch Erfolge von Dauer stellten sich nicht cm.

Im letzten Frühjahr jedoch zogen die deutschen Stars wieder einmal tatendurstig in die neue Daviscup-Saison. Der erste Gegner hieß Israel, ein Tennis-Zwerg, und entlockte den deutschen Stars kesse Sprüche: »Wir sprechen nur vom Sieg«, sagte Spieler Werner Zirngibl.

Bundestrainer Günter Bosch wandte zwar ein, daß »in der Halle alles möglich sei«, aber auch er lohte seine Cracks, weil sie sogar Konditionsarbeit beim Skilanglauf leisteten und »selbst bei schlechtem Wetter 80 Kilometer in der Loipe waren

Rolf Gehring trat gegen Shlomo Glickstein an. Keiner kannte den Israeli, der gerade aus der Armee entlassen worden war, Speckringe in der Hüfte aufwies und nur zaghaft lief, um Luft zu sparen. Der uratrainierte Glickstein bezwang den hochgepäppelten Deutschen in fünf Sätzen. Pinner glich im Einzel zwar zum 1:1 aus, doch das deutsche Doppel lag im vierten Satz schon 1:4 zurück -- und siegte erst, als die Israelis vor Atemnot schnauften.

Als in der nächsten Runde die starken Rumänen auf die Deutschen warteten, empörten sieh die Spieler über den »unsachlichen Kritiker Bungert, so Gehring. »Die Nationalmannschaft ist für uns abgehakt.« Bungert ("Ich lasse mich nicht abschießen") füllte die Mannschaft gegen Rumänien mit Nachwuchsspielern auf -- die hoch verloren.

Die Daviscupverweigerer indes beteiligten sich in Düsseldorf am Nationencup, wo schöne Geldpreise winkten. Denn von 600 000 Dollar, die Deutsche in Turnieren, an denen sie im Mai 1979 teilnahmen, hätten gewinnen können, waren noch nicht einmal 60 000 für sie abgefallen. Aber nach Anfangserfolgen scheiterten sie auch in Düsseldorf an Amerikanern und Australiern. Wieder murrte Chef Bungert: »Sie haben die besten Vorbereitungen, aber sie spielen wie Blinde.«

Seitdem ist Funkstille zwischen Bungert ("Das sind keine Profis, sondern Kinder") und den Spielern, die selbst beim Verlesen einer Protestresolution gegen Bungert ins Stottern kamen.

So zogen die deutschen Tennisstars auf eigene Rechnung von Turnier zu Turnier. In Hamburg bei den Internationalen Deutschen Tennis-Meisterschaften kam Pinner gerade noch auf die Liste der gesetzten und damit bei der Auslosung bevorzugten Spieler, weil ein Chilene wegen Verletzung absagen mußte. Als auch noch Weltstar Björn Borg wegen Verletzung ausschied, drang Pinner unter die letzten Vier vor. Dort verlor er jedoch.

Im schweizerischen Gstaad gewann er dafür ein zweitklassig besetztes Turnier, in Stuttgart jedoch, wo er vor Jahresfrist noch gesiegt hatte, verlor er das Finale kläglich. Im holländischen Hilversum, wo er sogar als Nummer eins gesetzt worden war, weil wieder nur schwächere Spieler antraten, gab er sich von vornherein schon mit einem Platz unter den ersten Acht zufrieden.

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