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DOPING Wie die Stiere

Noch in dieser Saison führt die Eishockey-Bundesliga Doping-Tests ein. Es gibt triftige Verdachtsgründe. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Es geschah in der 15. Minute des zweiten Drittels: Mit einem Stockschlag streckte Roy Roedger vom Mannheimer ERC Steve McNeil vom Kölner EC nieder. Vom Kopf McNeils tropfte Blut aufs Eis; der Schläger hatte das rechte Auge verletzt. Die Ärzte retteten zwar das Auge, aber volle Sehkraft wird es kaum mehr erreichen.

Jagdszenen wie Ende Dezember in Mannheim hatten sich bei einigen Bundesligaschlachten ereignet: Nationalspieler Alois Schloder (EV Landshut) brachte Manfred Ahne vom Sportbund Rosenheim durch Stockschlag eine Gehirnerschütterung bei, Ahne rächte sich mit einem Stockstich in Schloders Hals. Dave Inkpen (Iserlohn) fügte dem Kölner Peter Schiller durch einen Ellenbogenstoß eine Augapfelprellung zu.

»Auf Grund meiner Beobachtungen glaube ich«, erklärte der Kölner Mannschaftsarzt Dr. Herbert Plum, »daß etwas genommen wird.« Er verdächtigte Spieler aus Schwenningen, Düsseldorf, Mannheim und Landshut des Dopings und schloß nicht einmal seine Kölner aus, denen binnen drei Tagen zwei Spieler durch Stockhiebe ausgefallen waren.

Plum vermutet aufputschende Amphetamine, denn »Symptome sind übergroße Pupillen oder regungsloser Gesichtsausdruck«. Manche Spieler, habe er beobachtet, »gucken ausdruckslos wie Stiere«. Doping könne auch Überreaktionen bewirken, »so daß gedopte Spieler Dinge tun, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen«.

Der international angesehene Schiedsrichter Josef Kompalla bestätigte, auch ihm seien »aus nächster Nähe« Spieler mit »vergrößerten Pupillen und erstarrten Gesichtern wie von Wachsfiguren« aufgefallen. Die beschuldigten Klubs forderten höhnisch Beweise. Nach Drohanrufen traute sich Plum nicht mehr zum Auswärtsspiel nach Düsseldorf.

Doch warum sollte sich ein Spieler selbst beschuldigen? Untrügliche Beweise liefern daher nur positive Testergebnisse. Aber dazu brauchen Eishockey-Spieler bislang außer in der Schweiz nur bei Olympischen Spielen und Eishockey-Weltmeisterschaften Urin zu lassen.

Dabei waren schon dreimal Spieler aufgefallen: der Deutsche Schloder beim Olympia 1972, der Schwede Ulf Nilsson bei der WM 1974 und aus dem CSSR-Team beim Winterolympia 1976 der Kapitän Frantisek Pospisil. Nachträglich übernahmen jedesmal Ärzte die Verantwortung; sie gaben an, Medikamente mit verbotenen Substanzen gegen akute Erkrankungen verordnet zu haben.

»Ich bin acht Jahre Bundestrainer«, empörte sich der ehemalige Nationalspieler Xaver Unsinn, »und noch nie gab es in der Zeit bei der Nationalmannschaft eine positive Probe. Wir haben eine absolut reine Weste.« Aber die Bundesrepräsentanten kennen das Risiko bei internationalen Turnieren. Ein positiver Test zieht Sperren für die betroffenen Dopingsünder und Spielverlust für die Mannschaft nach sich.

Der Kölner Doping-Experte Professor Manfred Donike vermutet deshalb eine »american connection": Denn in den USA fanden bisher Doping-Tests nur bei Olympischen Spielen statt. Einzig im Basketball können künftig Kontrollen vorgenommen werden.

»In allen nordamerikanischen Profiligen werden Stimulantien benutzt«, sagt Donike. Tatsächlich gibt es keine Profiliga, Eishockey eingeschlossen, aus der nicht schon Spieler wegen Drogenhandels zu Gefängnis verurteilt worden sind. Die »National Hockey League« umfaßt Eishockey-Teams aus den USA und aus Kanada. In fast allen Klubs der Eishockey-Bundesliga rammen und rennen deutschstämmige Spieler aus beiden Ländern mit.

Ein reichhaltiges Drogenarsenal kann Aggressivität und Wucht beim Bodycheck erhöhen: Amphetamine, Ephedrin, starke Dosen Koffein und sogar Anabolika, die außer muskelmehrender Wirkung auch, so Donike, »psychogene Effekte« fördern. »Amphetamine, richtig dosiert, wirken auch zwei bis drei Stunden«, solange ein Eishockey-Match dauert.

Die verantwortlichen Funktionäre im Deutschen Eishockey-Bund (DEB) »wissen, daß wir Kontrollen brauchen«, erklärte Zahnarzt Fritz Brechenmacher, der Ligenleiter der höchsten deutschen Eishockey-Spielklasse. »Mannschaftsweise«, glaubt er, werde »sicher nicht gedopt«, aber »der eine oder andere« gerate wohl doch in Versuchung, und sei es, um eine Grippe zu bekämpfen.

Deshalb fügte der DEB einen Doping-Paragraphen in seine Satzung ein. Das hat der Deutsche Fußball-Bund trotz aller Verdachtsmomente in seiner Bundesliga noch nicht geschafft. Die Eintragung der geänderten DEB-Satzung durch das Registergericht stehe »in den nächsten Wochen« an, versichert Brechenmacher, »Ausführungsbestimmungen liegen in der Schublade«.

Sie sehen Stichproben an jeweils zwei Spielern einer Mannschaft vor. »Die Kontrollen können noch in dieser Saison beginnen«, kündigte der Ligenleiter an.

Vorerst droht ein Verweis vom Eis allerdings nur Plum, der die Diskussion durch seinen Verbalcheck ausgelöst hatte. Sogar sein Klub ließ ihn im Stich und entschuldigte sich bei den von Plum verdächtigten Vereinen. »Da möchte sich niemand in die Nesseln setzen«, vermutet der Arzt.

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