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RADRENNEN »Wie ein Hund an der Kette«

Über vier Jahre hat Jörg Paffrath seinen Körper vergiftet: 24 verschiedene Medikamente schluckte und spritzte sich der Kölner Radprofi. In seinem Streben nach Erfolg fühlte er sich unter Zugzwang: »Ohne Chemie läuft in dem Geschäft gar nichts«. Von Udo Ludwig
aus DER SPIEGEL 25/1997

Im Keller eines Mietshauses in Köln-Deutz lagert, achtlos in eine Ecke gestellt, ein silberfarbener Fotokoffer. Jörg Paffrath, 30, bewahrt darin Hammer, Schraubenzieher und Säge auf.

Es ist gerade ein Jahr her, da galt der Alukasten in der deutschen Radfahrerszene als heißer Tip. Paffrath pflegte in der Metallkiste seine Dopingmittel zu transportieren. Und nicht wenige Sportler boten dem Kölner eine Menge Geld dafür, nur einen kurzen Blick in die Medikamentensammlung werfen zu dürfen.

»Der Maurer braucht für seine Arbeit eine Kelle, wir hatten für unser täglich Werk dieses Zeug«, sagt Paffrath, kramt im Wohnzimmer aus einem grünen Schmuckkästchen das Überbleibsel hervor: ein fabrikneues Tablettenfläschchen Primobolan 25 - ein Anabolikum der Berliner Firma Schering. »Wir können in zehn Jahren noch mal nachschauen, dann ist diese Packung immer noch verschweißt« - der Hausherr wird bei diesem Satz etwas lauter, was auch damit zusammenhängt, daß seine Tochter, die ihren achten Zahn erwartet, zu schreien beginnt.

Vanessa ist jetzt neun Monate alt. Sie ist letztlich der Grund dafür, daß Paffrath vor einem Jahr den Inhalt seines Fotokoffers kurzentschlossen in die Mülltonne schüttete. Der Profi von Olympia Dortmund hatte sich zuletzt mit immer mehr und immer stärkeren Medikamenten vollgepumpt. Der werdende Vater bekam Angst vor den unkontrollierbaren Folgen seiner chemischen Cocktails, »vor Krebs und allem, was später folgt - ich konnte mit meinem Leben nicht mehr so gedankenlos umgehen«.

So endete eine deutsche Sportlerkarriere, die mit großen Erwartungen begonnen hatte. Jörg Paffrath galt Anfang der neunziger Jahre als einer der talentiertesten Radrennfahrer. Doch statt große Siege zu feiern und in einem renommierten Profirennstall unterzukommen, rutschte der Kölner in einen Teufelskreis aus Niederlagen, Schmerzen und Drogen. Die vage Hoffnung auf Erfolge trieb den Radfahrer so weit, daß er sich quer durch die Rote Liste der pharmazeutischen Industrie schluckte und spritzte.

Paffraths Leidensweg steht als Beleg, wie tief weite Teile des deutschen Sports - trotz Tausender von Urinkontrollen - noch immer im Dopingsumpf stecken; wie Trainer und Ärzte geflissentlich zur Seite schauen, wenn sich Sportler mit Chemikalien vergiften.

Verfolgt Paffrath heute die Erfolge der deutschen Radfahrer im Fernsehen, hat er »eine gewisse Hochachtung« vor denen, weil man »auch mit der besten Veredelung aus einem Esel kein Rennpferd machen kann«. Doch gleichzeitig ist ihm unwohl - weniger wegen der Gesundheit der Spitzenfahrer, von denen er weiß, daß kaum einer »die Tour de France mit Pasta und Wasser durchstehen kann«. Mehr bedauert er die »vielen neuen Blauäugigen«, die wie er ihre »Jugend mit Illusionen verplempern« und von Funktionären und Managern getrieben werden, »sich zu manipulieren«. Er selbst sei sich bei der Jagd nach Prämien zuletzt vorgekommen »wie eine Hure«.

Daß aus Leidenschaft einmal emotionslose Lohnfahrerei werden würde, daran hatte er als Jugendlicher nicht gedacht. Eigentlich ist er zunächst mehr an Fußball interessiert, sein Stiefvater bewegt ihn, es einmal mit Radfahren zu probieren. Mit zwölf Jahren bestreitet er im Trikot des RC Adler Köln sein erstes Rennen.

Als er 16 ist, merkt Paffrath, daß er »ein bißchen mehr drauf hat« als seine Gegner. Wenn er am Berg antritt, können die meisten nicht mehr folgen. Rolf Wolfshohl, der ehemalige Querfeldein-Weltmeister, holt ihn zum RC Le Loup. Hier lernt der junge Athlet, daß sich Leistung lohnt. Vereine, die ihn abwerben wollen, locken mit neuer Ausrüstung, teuren Rädern, auch schon mal mit kleineren Geldbeträgen. Es steht für Paffrath fest, daß er Profi werden will - des Geldes wegen, aber auch, weil bei den Profis »eben die Besten der Welt fahren«. Nur einmal kommen ihm kurzzeitig Zweifel, als ein Freund tödlich verunglückt: Bei einer Bergabfahrt in den Alpen wird der von seinem eigenen Rad erschlagen.

Mit 25 feiert Paffrath den größten Triumph seiner Karriere: Gegen starke Konkurrenz aus Europa gewinnt er die 13. Internationale Bayern-Rundfahrt. Manager der Profiställe sprechen bei ihm vor, und der Kölner glaubt sich am Ziel.

Doch bei den folgenden Rennen ist er merkwürdig nervös. »Die entscheidenden Wettkämpfe habe ich in den Sand gesetzt«, sagt Paffrath, aus dem erhofften Profivertrag wird vorerst nichts.

In diesem wankelmütigen Zustand liegt er eines Abends mit einem dänischen Berufsfahrer auf einem Zimmer, der wie er für den RSC Wiesbaden fährt. Er beobachtet, wie der »in seinen Sachen kramt, plötzlich eine Ampulle in der Hand hält und anfängt, die aufzusägen«. Paffrath fragt, während sich der Kollege die Spritze setzt, nach dem Sinn der Behandlung. Das sei »gegen Schmerzen und gegen Krämpfe«, klärt ihn der Däne auf, und es helfe bei Erschöpfung: »Du kannst länger drauftreten« - für Paffrath ein Schlüsselerlebnis.

Bis zu jenem Tag hatte er geglaubt, eine gute Leistung resultiere aus »Training, Ehrgeiz und solidem Lebenswandel«. Er war von Jugendtrainern betreut worden, »die mich totgeschlagen hätten, wenn ich gedopt hätte«; ihn beschlich schon ein schlechtes Gewissen, wenn er mal einen Eiweißshake getrunken hatte.

Nun sieht er, »wie die Speere in die Muskeln fliegen« und hört von dem international bewanderten Kollegen, daß »in dem Geschäft ohne Chemie gar nichts läuft«. Hätte er in den wichtigen Rennen was gemacht, fragt sich Paffrath daraufhin, »wäre dann meine Karriere nicht ganz anders verlaufen?«

Schüchtern nimmt Paffrath Kontakt zu einem Radprofi auf, von dem er gehört hat, daß er mit Dopingmitteln dealt. Wie empfohlen, probiert er zunächst Glukokortikoide. Er nimmt Urbason, Betnesol und Celestan. Nach einem kurzen Einführungskurs durch eine befreundete Arzthelferin spritzt er sich selbst Bentelan und Synacthen. Diese Präparate stimulieren die Nebenniere und dienen normalerweise zur Behandlung schwerer rheumatischer oder asthmatischer Erkrankungen. In Ratgebern liest er, daß die Medikamente bei längerer Anwendung die Infektionsabwehr mindern, Magen-Darm-Geschwüre und Augenschäden verursachen können - ihn kümmern die Warnungen nicht.

Paffrath merkt, »wie im Training alles einen Tick bessergeht«, und darauf hatte er es angelegt. Ihn stören lediglich leistungshemmende Nebenwirkungen. Kortison zieht Wasser, weshalb sein Körper aufschwemmt. Er bekommt »Klumpfüße« und fällt schließlich in ein Leistungsloch. Um gegenzusteuern ißt er Ananas und Reis in großen Mengen und lernt geschickt zu dosieren: Wenn er den Glukokortikoiden kochsalzhaltige Lösungen beimischt, »kann ich das Zeug direkt in die Vene blasen«. Die gefährlichere Variante macht zudem »unheimlich aggressiv«, er fühlt sich »wie ein Hund an der Kette«. So spritzt er sich quasi als Nebeneffekt Wettkampfhärte.

Unter den Kollegen, die wie er »an der Nadel hängen«, fühlt sich Paffrath bald »wie in einer großen Familie«. Der Clan versorgt sich gegenseitig mit Tips und Tricks. Als nächstes baut der Kölner Amateurfahrer jeweils im Herbst und Frühjahr 14tägige Anabolikakuren in sein Vorbereitungsprogramm ein.

Er nimmt Megagrisevit - doch auf die Kombination von anabolen Steroiden und Vitaminen B6 und B12 sprechen Paffraths Muskeln nicht wie gewünscht an: »Die Kraft ist da, aber ich komme nicht richtig an meine Reserven heran.« Er steigt um auf Primobolan. Wenn er morgens zwei Tabletten schluckt oder sich eine Spritze als Depot ins Gesäß jagt, glaubt er, »unbegrenzt in die Pedale hauen zu können«. Mit der Testosteronverbindung Andriol kann er die Wirkung »bis kurz vor wichtige Rennen strecken«.

Akne, Leberschäden, Prostatakrebs - diese möglichen Nebenwirkungen künstlich hergestellter Sexualhormone sind kein Gesprächsthema. Die »Stehfix«, wie der Zirkel um Paffrath Anabolika nennt, erheitern die Radfahrer: Sie verleihen ihnen Kraft nicht nur in den Beinen, sondern auch Standfestigkeit zwischen den Lenden.

Als Ben Johnson zum zweiten Mal des Dopings überführt wird, ist Paffrath für einen Moment verunsichert. Der kanadische Sprinter wird des Dopens mit Testosteronestern überführt - Mittel, die auch die Radfahrer in ihrer Hausapotheke haben. Um positive Tests auszuschließen, verbannt er das sogenannte Eifelfango aus seinem Alukoffer.

Im Grunde bereiten Paffrath die Dopingproben keine Kopfzerbrechen - auch wenn er beim Wasserlassen »immer mal ein schlechtes Gewissen hat«. Es sei »ähnlich wie bei einer Polizeikontrolle, wo man sich auch fragt, ob der Verbandskasten komplett ist«. Fünf- bis sechsmal wird er im Jahr kontrolliert, auffällig wird er nicht.

4048 Trainingskontrollen hat der deutsche Sport im vergangenen Jahr seinen Athleten abverlangt, für diese Urinale hat er zweieinhalb Millionen Mark ausgegeben. Im internationalen Vergleich liegt die Anzahl weit über dem Durchschnitt. Doch viele Proben allein garantieren noch keinen sauberen Sport. Nur wer die Athleten in Zeiten höchster Trainingsbelastung testet und seine Fahnder unangekündigt vorbeischickt, dämmt den Dopingbetrug ein.

Anfang 1994 weilt Paffrath mit der deutschen Nationalmannschaft der Querfeldeinfahrer zur Weltmeisterschaftsvorbereitung in Kirchzarten. Er hat einige Vorsichtsmaßnahmen in seinen Dopingplan eingebaut, nimmt bevorzugt Andriol-Kapseln, dessen Wirkstoffe der Körper innerhalb von zwölf Stunden abbaut. Vor Dopingkontrollen spritzt er sich Cebion forte - Vitamin C, das den Testosteronspiegel nach unten drücken soll.

Mitte des Jahres macht das Gerücht die Runde, daß sich der ehemalige italienische Weltmeister Gianni Bugno mit Psychopharmaka stimuliere. Paffrath beginnt, Survector 200 einzunehmen, ein Antidepressivum aus Frankreich. Ärzte verschreiben Survector 200 sehr zurückhaltend, es geht auf die Leber, kann Akne auslösen und verursacht häufig Nerven- und Muskelzucken.

Paffrath hält Amphetamine bald nur noch »für einen Kindergeburtstag« geeignet. Er hat etwas Besseres aufgetan: Psychopharmaka, die ein Belgier in seiner Garage mischt und »Pokal« nennt - ein Stoff, der »jeden Normalsterblichen vor innerer Unruhe verrückt machen würde«.

Paffrath setzt das hochkonzentrierte Gemisch aus Amphetaminen und Koffein nicht nur bei Rundstreckenrennen ein, auch im Training fühlt er sich erst richtig wohl, wenn er sich »mit Pott« heiß gespritzt hat. Manchmal fährt er los und bemerkt unterwegs, »wie die Beine schwer werden«. Frustriert dreht er um und mixt sich erst mal »einen Cocktail«.

Zu seiner Enttäuschung hält die Wirkung des Aufputschers nicht lange an. Um gut betankt zu sein, spritzt er sich einmal zwei Milliliter in den Arm, worauf ihm »fast die Pumpe rausfliegt«. Er muß sich die halbe Nacht erbrechen und hat dabei das Gefühl, als »wenn alle meine Körperzellen platzen«.

Nach dem Blackout sucht er Dosierungsalternativen. Wenn er in die Spritze gleichzeitig Glukose aufzieht und sie dann ins Gesäß sticht, kann er die Wirkung auf vier Stunden strecken. Oft nimmt er sich Nachschub mit, hält kurz hinter einer Bushaltestelle an und jagt wie ein Junkie die Nadel ins Fleisch. Oder er fährt, wenn »mir der Ofen ausgeht«, an eine Tankstelle und kippt auf die Schnelle ein Bier herunter - er spürt sofort, wie der Alkohol »das Zeug noch mal zum Brodeln bringt«. So schafft er 250 Trainingskilometer täglich mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von etwa 35 km/h.

Paffraths sportlicher Arbeitstag ist längst abhängig vom pharmazeutischen Kick. Er inhaliert Apsomol Dosieraerosol und Salbulair Autohaler und setzt sich wie einen Flachmann Spasmo-Mucosolvan an die Lippen. Die Asthmamittel haben nicht nur leicht muskelaufbauende Wirkung, er glaubt auch, daß sie ihm die Bronchien öffnen, denn »was nutzt dir ein 300-PS-Motor, wenn er nicht genug Luft ansaugt«.

Die vermeintlichen Schnell- und Starkmacher zeitigen gesundheitliche Auswirkungen, denen Paffraths Körper allein nicht mehr gewachsen ist. Um seinen überdrehten Leib auf Normalmaß herunterzufahren, wirft er Bikalm-Schlaftabletten ein. Er steigt auf Rohypnol-Tabletten um, die er von einem Freund bezieht, der im Krankenhaus arbeitet - »das stärkste Schlafmittel, was ich kriegen kann«.

Unseligerweise beeinträchtigt das Hypnotikum die Sinne. Manchmal telefoniert Paffrath abends stundenlang mit seiner Freundin und weiß am nächsten Morgen nichts mehr davon. Oder er wirft Post in den Briefkasten, ohne sich kurze Zeit später daran zu erinnern. Mein »Alzheimer-Syndrom« nennt er die geistigen Aussetzer.

Zu Hause hat Paffrath die Bar in seiner Schrankwand ausräumen müssen, um alle Ampullen, Schachteln, Flakons und Spritzen unterbringen zu können. Er führt das Doppelleben eines Rauschgiftsüchtigen. Seine Mutter und Freunde dürfen nichts von seinem Doping erfahren, für sie bleibt er der kerngesunde Sportler. Nur Anja, der zunehmend mißtrauischen Freundin, beichtet er die Wahrheit.

Mit der Zeit muß Paffrath seinen vergifteten Körper säubern: »So wie jedes Auto einen Ölwechsel braucht, legte ich mir regelmäßig Infusionen.« Einmal wird er unvorsichtig. Mit vierfacher Durchlaufgeschwindigkeit läßt er das Lebermittel Hepagrisevit in einer Eiweißinfusion ins Blut fließen. Es ist, als schlage ihm jemand mit dem Hammer gegen den Kopf, er bekommt Lähmungen im Nacken und sieht schon den Tod vor Augen, als die Wirkung langsam nachläßt.

Paffrath sieht sich unter Zugzwang: Mal entdeckt er bei Kollegen häßlich-blaue Narben. Die Abszesse, die von verunreinigten Mitteln oder Spritzen verursacht werden, kennt er von seinen eigenen Oberarmen. Er bemerkt, daß Konkurrenten an der Startlinie weitgeöffnete Pupillen oder Gänsehaut haben - Nebeneffekte der Amphetamine. Und bei einer Rundfahrt in Belgien glaubt er sich auf dem morgendlichen Gang zur Hoteltoilette »auf die Intensivstation einer Uniklinik« versetzt: Die Abfalleimer quellen mit blutverschmierten Kanülen über.

Als Paffrath 1994 zu Olympia Dortmund wechselt, macht er sich noch mal Hoffnungen auf eine veritable Profikarriere. Schließlich sind dort der ehemalige Tourde-France-Vierte Hennes Junkermann und Olympiasieger Gregor Braun als Trainer tätig. Telekom-Fahrer wie Rolf Aldag und Erik Zabel wurden unter ihnen zu Stars. Doch nur der Druck wird größer - Sponsoren, Manager und Trainer fordern Siege. Nach einer Schlappe schimpft Olympia-Chef Ernst Claußmeyer laut über die »Bimbo-Truppe«, die nicht mal »geradeaus fahren« könne. Paffrath versteht das als indirekte Aufforderung, weiter zu dopen.

Zwar verdient er als Profi zuwenig, um ohne die finanzielle Unterstützung seiner Mutter überstehen zu können, doch aufhören mag er auch nicht: »Ich habe ja nichts anderes.« Er lebt in der ständigen Angst, vom Trainer ausgemustert zu werden. »Wenn du drinbleiben willst, mußt du investieren«, sagt er sich.

Im Frühjahr 1995 kommt er an Erythropoietin - Epo, die neue Wunderdroge im Radsport. Anfangs haben er und seine Kumpel »großen Respekt« vor dem gentechnisch hergestellten Präparat, das die Zahl der roten Blutkörperchen erhöht. Schließlich waren in den Jahren zuvor »einige holländische Jungs wegen Epo in die Kiste gegangen«. Als Vorbereitung zur Deutschen Meisterschaft spritzt er sich zwei Wochen lang Erypo 2000. Nach einer Woche spürt er den Effekt: Dort, wo ihm normalerweise die Luft ausgeht, kann er nun mithalten, alles läuft einfacher.

Die Wirkung ist auch meßbar: Normalerweise beträgt sein Hämatokrit, die festen Bestandteile im Blut, 45 bis 46 Prozent. Nach der Einnahme von Epo schnellt er auf 51 bis 52, was er mit Sorge registriert. Sind zu viele rote Blutkörper unterwegs, verschlammt das Blut, es können sich tödliche Thrombosen entwickeln.

Zur Prophylaxe kauft sich Paffrath mit Freunden einen Hämatokritmesser. Jeden zweiten Morgen sticht er sich in den Finger und überprüft mit dem Gerät sein Blut. Außerdem spritzt er sich in einer Kochsalzlösung Aspisol in die Venen. Die Acetylsalicylsäure macht das Blut flüssiger.

Sportlich bringt ihn Epo letztlich nicht bedeutend weiter. Als 29. der deutschen Rangliste kommt er finanziell immer mehr in die Bredouille. Die Dopingkuren kosten im Monatsdurchschnitt 500 Mark. Ob er die rezeptpflichtigen Medikamente von befreundeten Krankenpflegern bekommt, ob er sie von Kollegen aus dem Ausland, aus Bodybuildingstudios oder von Dealern bezieht - alle verlangen sie enorme Summen.

Trotzdem greift Paffrath zu, als »die Mafia« - so versteht er das Radgeschäft inzwischen - eine Neuheit propagiert: Wachstumshormone, die von Dopinganalytikern nicht gefunden werden können. Er probiert zunächst Kryptocur, ein gentechnisch hergestelltes Hormon, das verschrieben wird, um einen krankhaften Hodenhochstand zu therapieren. Doch das »Schweinezeug«, das er sich in die Nase sprüht, verursacht nur kaum zu stillendes Nasenbluten. Paffrath setzt es ab.

Als er ins Trainingslager für die Saison 1995 nach Südafrika fährt, hat er das Neueste im Gepäck, was der Schwarzmarkt anbietet: Saizen. Das Hypophysenvorderlappenhormon applizieren Ärzte minderwüchsigen Kindern. Wenn er es einnimmt, fühlt er »die Kraft eines Stieres« in den Beinen. Und wenn er das Hormon gar mit Epo kombiniert, »gibt es einen richtigen Bums«. Er ist fasziniert vom neuen Wundermittel, Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und das Leukämierisiko verdrängt er mühelos.

Noch in Südafrika stellen sich Erfolge ein: Bei der »Rapport-Tour« hängt er die Fahrer der deutschen Nationalmannschaft ab. Trainer Braun bescheinigt ihm eine »bemerkenswerte Form«, auch die Dortmunder Lokalpresse jubelt über seine »herausragende Verfassung«. Zurück in Deutschland, hält die Leistungskraft nicht lange an. Paffrath fühlt sich schlapp, nichts hilft ihm auf die Beine. Im Gegenteil: Ständige Erkältungen und eine Mittelohrentzündung werfen ihn ganz aus der Bahn.

Erstmals in seinen vier Jahren als Doper macht er sich Gedanken über seinen Zustand. Er vermutet, mit Saizen einfach »überdreht« zu haben: »Ich habe meinen Körper wie die Kölner Opelfreunde ihre Mantas immer mehr frisiert - und jetzt fliegt mir der Motor um die Ohren.«

Bei den Deutschen Meisterschaften im Juni 1996 steigt er nach 3 von 17 Runden völlig entkräftet vom Rad. Im Fahrerlager teilt man ihm mit, daß er zur Dopingprobe müsse. Als er seinen Urinbecher abgibt, wird er vom Kontrolleur mit einer sibyllinischen Bemerkung verabschiedet: »Auf Wiedersehen, Herr Doktor Paffrath«.

Die wissen alles, sagt er sich - vier Wochen später bekommt er die schriftliche Bestätigung: Dopingprobe positiv. Er wartet die Veröffentlichung seiner Drei-Monats-Sperre gar nicht erst ab, spart sich auch die 500 Franken für einen Einspruch. In der Zwischenzeit ist seine Tochter geboren, den Dopingbefund betrachtet er als letzten Wink, endlich »mit dem Wahnsinn Schluß zu machen«.

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