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DRESSUR Wie ein Kamel

aus DER SPIEGEL 19/1965

Ein pensionierter Oberst führte die Attacke. Angriffsziel: der Millionär Josef Neckermann, 52, das Wohlstands -Symbol der deutschen Reiterei.

Oberst a. D. Winkel aus Münster verbreitete, der erfolgreichste deutsche Dressurreiter der letzten Jahre und sein Olympiapferd »Antoinette« seien nur dank voreingenommener Richter so günstig eingestuft worden.

Schon 1960 hatte Neckermann eine olympische Bronzemedaille gewonnen. 1964 in Tokio hatte er mit dem Apfelschimmel Antoinette am deutschen Mannschafts-Olympiasieg teil und war in der Einzelwertung Fünfter geworden. Auch als Mäzen tat sich Versandhausstratege Neckermann (Jahresumsatz 1964: 905 Millionen Mark) hervor: Er finanzierte einigen Reiterkollegen die Reise nach und den Aufenthalt in Tokio. Er wertete auf eigene Kosten Preise für Dressurprüfungen auf. Allerdings provozierte er auch Kritik, weil er einem Kreis von Reiterfreunden großzügig Empfänge bereitete und ihnen zu Weihnachten Kisten mit Sekt schickte. In Tokio wohnte Neckermann überdies nicht im Olympischen Dorf, sondern im Hotel Imperial, dem früheren Quartier des US-Generals MacArthur, um per Fernschreiber mit seiner Frankfurter Zentrale Kontakt zu halten.

Kritiker Winkel zauste nun am sportlichen Lorbeer des Reiter-Mäzens. Olympiapferd Antoinette, krittelte Winkel, bewege sich »paßartig«. Im Paßgang - jeweils nacheinander mit den zwei rechten und linken Beinen - laufen Kamele und Maultiere. Das von Neckermann vorgestellte Pferd »Mariano« beurteilte Winkel als »zügellahm«. Er schrieb ihm mithin eine Bewegungsstörung zu, die durch fehlerhafte Führung entsteht. »Einem erfahrenen Richter steht das zu«, verteidigte Winkel seine Angriffe auf Neckermanns Reiter-Ehre.

Ein besonderer Umstand führte auf Neckermanns Antrag zur Untersuchung der Winkel-Attacke im Auftrag des Großen Verbands-Schiedsgerichts: Der frühere Oberst hatte seine kritischen Glossen während des Internationalen Dortmunder Reitturniers (10. bis 14. März) nicht als unbeteiligter Pferdefachmann kundgetan. Er hatte gleichzeitig als Punktrichter amtiert.

Gleich am ersten Turniertag war Neckermann auf Antoinette in einer schweren Dressur nur Dritter geworden. Der abgewertete Millionär reagierte, als er Mit-Richter Winkel anschließend traf, mit dem deutschen Autofahrergruß und der Klage: »Das tut aber weh.« Neckermann forderte nach dem Turnier, Winkel wegen seiner voreingenommenen Äußerungen aus der Richter-Vereinigung auszuschließen. Winkel verlangte, Neckermann für seine Richter -Schelte zu bestrafen.

Höher als Neckermann waren von Winkel und seinen Kollegen in Dortmund außer dem gleichwertigen Paar Dr. Reiner Klimke und »Dux« auch Frau Vroni Meier-Johann mit »Waldfee« bewertet worden. Ausbilder der Frau Vroni: Oberst Winkel.

Dressur-Leistungen sind ebenso wie Wettkämpfe im Eiskunstlauf oder Kunstturnen nicht objektiv meßbar. Vorurteile und persönlicher Geschmack fließen unvermeidbar, wenngleich oft ungewollt, in das Richter-Urteil ein.

Um einen möglichst hohen Grad von Objektivität zu erzwingen, verlangten Fachleute - auch Neckermann -, die offene Wertung einzuführen. Doch die Richter-Kollegien wehrten sich dagegen, ihr Einzel-Urteil öffentlich anstatt wie bisher anonym abzugeben. Dressurrichter Oberst Richard A. Abé begründete die Abneigung: »Dann könnte man das Richten den Theaterkritikern überlassen.«

Probehalber mußten die Richter zuletzt im März beim Frankfurter Festhallen-Turnier nach jeder einzelnen Dressur-Vorführung ihre Wertnoten ziehen. Oberst Abé über den Nutzen des Experiments: »Kein Richter kann sich durch bloße Anwesenheit behaupten.«

Um sich selbst als Richter zu behaupten, kam Winkel einem Schiedsgerichts-Urteil zuvor. Er »bedaure es sehr«, bescheinigte er Neckermann, falls Dritte seine »sachliche Kritik« als abwertend empfunden hätten. Mit dieser Ehrenerklärung gab sich der Olympiasieger zufrieden.

Er wird sich am 21. Mai königlichem Urteil stellen: Zusammen mit Dr. Klimke und Harry Boldt aus der deutschen Goldmedaillen-Equipe wird Neckermann der englischen Königin Elizabeth in Nymphenburg die Olympia-Dressur vorführen.

Dressurreiter Neckermann auf »Antoinette«

»Das tut weh«

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