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TENNIS »Wie eine kleine Königin«

Der Erfolgstrainer Eric van Harpen über das Scheitern seiner Zusammenarbeit mit Anna Kurnikowa, den Neid zwischen den Spielerinnen und die Sonderbehandlung der Stars
aus DER SPIEGEL 45/2000

Van Harpen, 56, führte die Spanierin Conchita Martinez und die Schweizerin Patty Schnyder in die Weltspitze, ehe er 1999 Coach der Russin Anna Kurnikowa wurde. In den sechziger Jahren stand der Holländer als Fußballprofi im Tor von Rot-Weiß Oberhausen. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr van Harpen, als Trainer von Anna Kurnikowa hatten Sie bis vor kurzem einen der begehrtesten Jobs im internationalen Frauentennis. Dennoch haben Sie gekündigt. Was hat Sie an einer längeren Zusammenarbeit mit der russischen Spielerin gehindert?

van Harpen: Als ich vorigen Herbst anfing, mit Anna Kurnikowa zu arbeiten, dachte ich, es sei eine reizvolle Aufgabe, sie in die Top Five zu bringen. Aber ich musste einsehen, dass ich meine Pläne mit ihr nicht verwirklichen konnte. Wir haben grundverschiedene Ansichten über den Begriff Professionalität.

SPIEGEL: Sie werfen Kurnikowa eine zu lasche Einstellung vor?

van Harpen: Ich halte ihr vor, dass sie nicht diszipliniert genug an sich arbeitet. Sie hat das Talent, um unter die ersten fünf zu kommen und auf lange Sicht in der Weltspitze zu bleiben. Doch sie setzt nicht alles dafür ein. Manchmal habe ich mich gefragt: Will sie überhaupt ganz nach oben kommen?

SPIEGEL: Wie hat sich das gezeigt?

van Harpen: Ihr bestes Ranking bisher war Platz neun. Da habe ich von ihr erwartet, dass sie mich anspornt: Auf geht's, Coach, jetzt sind wir dran, niemand verdrängt uns mehr aus den Top Ten! Aber es kam nichts.

SPIEGEL: Erklärt sich Kurnikowas mangelndes Engagement auch dadurch, dass die 19-Jährige hofiert wird wie kaum eine andere im Circuit, obwohl sie bis vorige Woche noch kein Profiturnier gewonnen hatte?

van Harpen: Anna bekommt hier eine Limousine, da ein Paar Diamant-Ohrringe, dort ein Haus. Überall wird sie behandelt wie eine kleine Königin. Ein Wort ist ihr deshalb fremd: Disziplin. Denn eine kleine Königin tut nur das, worauf sie Lust hat. Genau so hat Anna oft auch gespielt.

SPIEGEL: Und Sie waren der Böse, weil Sie auf ihren Schwächen herumgeritten sind?

van Harpen: Ein Mädchen wie Anna steht vor einer paradoxen Situation. Sie nimmt an manchem Tag mehr Geld ein als ihr Trainer im ganzen Jahr, und dennoch muss sie täglich die Einsicht aufbringen, seinen Anweisungen auf dem Platz zu folgen. Dazu gehört eine gewisse Reife. Anna war noch nicht so weit. Sie ist launisch. Wenn es nicht so läuft, wie sie sich das vorstellt, wird sie trotzig.

SPIEGEL: Wie haben Sie dann reagiert?

van Harpen: Mich hat das fast zum Wahnsinn getrieben, und ich habe gerätselt: Warum heuert sie mich an, wenn sie das Gegenteil dessen tut, was ich von ihr verlange?

SPIEGEL: Was haben Sie bemängelt an ihrem Spiel?

van Harpen: Drei Aspekte: ihre mangelnde Konzentrationsfähigkeit, ihre Ungeduld bei langen Ballwechseln und ihre Ignoranz gegenüber meinen taktischen Anweisungen.

SPIEGEL: Hätte sie gern einen Trainer, der nach ihrer Pfeife tanzt?

van Harpen: Mag sein. Aber was bringt ihr das? Anna hat kürzlich im Finale von Moskau gegen Martina Hingis 3:6, 1:6 verloren. Sie schlug 21 Winner, Hingis nur 15. Bei den unerzwungenen Fehlern sah die Quote so aus: Anna hatte 44, Hingis 11. Das ist typisch. Es war doch klar, dass wir daran arbeiten mussten. Der Risikofaktor in ihrem Spiel ist viel zu groß. Anna ist zu hektisch. Spielerinnen, die einen Ballwechsel so schnell beenden wollen wie sie, haben etwas zu verbergen. Sie wissen, dass ihr Repertoire nicht ausreicht, um für alle Situationen die passende Antwort zu haben.

SPIEGEL: Ist auch ihre Dauerpräsenz in der Öffentlichkeit ein Grund dafür, dass sie sich ihre Defizite nicht mehr eingesteht?

van Harpen: Das war auch für mich eine neue Erfahrung. Wo wir hinkamen: Mindestens 25 Journalisten waren vor Ort. Ich bin einer, der beim Training gern mal einen lockeren Spruch loslässt: »Verdammt noch mal, jetzt beweg endlich deinen Hintern!«, oder so etwas. Das musste ich mir verkneifen, weil ich nicht die Schlagzeilen für den nächsten Tag liefern wollte. Ich hätte nichts als Probleme mit Kurnikowas Management gehabt. Also habe ich gegen mein Naturell gearbeitet, und das geht auf Dauer nicht gut.

SPIEGEL: Keine Spielerin wird so hemmungslos vermarktet wie Kurnikowa: PR-Termine, Foto-Shootings, Schauturniere rund um den Globus. Über 90 Prozent der etwa 14 Millionen Dollar, die sie pro Jahr verdient, erhält sie aus Werbeverträgen. Hat sie überhaupt noch Zeit fürs Training?

van Harpen: Der Aufwand, den sie für ihre Kampagnen betreibt, führt natürlich zu Interessenkonflikten mit ihrer sportlichen Entwicklung. Sie ist das Opfer ihres eigenen, perfekten Marketings.

SPIEGEL: Wann haben Sie erkannt: Es ist vorbei mit Anna Kurnikowa?

van Harpen: Bei einem Training in den USA. Ich hatte ihr schon öfter im Affekt gesagt: Mir reicht's. Dann war es eine Sache von drei Sekunden. Ich habe ihr die Bälle in die Hand gedrückt und gesagt: thanks a lot, I'm gone - danke schön, das war's. Sie ist in die eine Richtung geflogen, zu einem Turnier nach Stanford, ich in die andere, zurück auf meine Finca nach Mallorca. Wir haben keinen Satz mehr darüber verloren. Später habe ich ihren Manager Phil de Picciotto angerufen. Dem habe ich nur gesagt: Tut mir leid, aber es hat keinen Sinn.

SPIEGEL: Seither wird Anna Kurnikowa von ihrer Mutter trainiert. Reicht das aus, um mit den Top-Spielerinnen mitzuhalten?

van Harpen: Anna muss schon sehr viel Losglück haben, wenn sie mal ein Turnier gewinnen will. Beim Masters kommende Woche in New York wird sie voraussichtlich nicht gesetzt sein. Also wird sie gleich auf eine der Favoritinnen treffen. Es wäre eine Sensation, wenn Anna da weiterkommt.

SPIEGEL: Kurnikowas Konkurrentinnen beklagen, sie werde trotz ihrer Erfolglosigkeit bevorzugt behandelt.

van Harpen: So ist eben das Geschäft. Mehrmals im Jahr treffen sich die Turnierdirektoren und erstellen Listen der beliebtesten Spielerinnen: für Europa, für die USA, für Asien. Kurnikowa steht auf diesen Listen der Privilegierten ganz oben.

SPIEGEL: Die französische Weltklassespielerin Nathalie Tauziat hat in ihrem Buch »Les dessous du tennis féminin« diesen Trend kritisiert: Nur noch die Show zähle.

van Harpen: Für Tauziat, die in der Weltrangliste vor Kurnikowa steht, ist das ungerecht. Sie weiß aber auch, wie wichtig Anna als Zugpferd ist. Andererseits: Ist es gerecht, dass Kurnikowa bei einem Schauturnier in einer Stunde mehr verdient als ihr Trainer in einem ganzen Jahr?

SPIEGEL: Sie fühlten sich unterbezahlt?

van Harpen: Nein, ich bin sehr großzügig von der Familie behandelt worden. Aber ich habe ihr mal einen Vorschlag gemacht: Ich arbeite 363 Tage im Jahr umsonst für dich, und zwei Tage arbeitest du für mich.

SPIEGEL: Was hat sie geantwortet?

van Harpen: Sie hat gelacht. Und dann hat sie mir einen Vogel gezeigt.

SPIEGEL: Schürt der PR-Wert der Kurnikowa den Neid zwischen den Spielerinnen?

van Harpen: Die Spielerinnen gönnen sich generell kaum etwas. Ihre Rivalität tragen sie öffentlich aus. Martina Hingis sagt von Amélie Mauresmo, sie sei ein halber Mann. Sie anerkennt nie, wenn ihre Gegnerin besser war. Jennifer Capriati hat in Zürich der Russin Lina Krasnorutskaja nach dem Matchball den Handschlag verweigert, weil die sich nach Capriatis Doppelfehlern lautstark angefeuert hatte. Und wenn Kurnikowa verliert, dann sitzen die anderen in der Kabine vor dem Fernseher und johlen.

SPIEGEL: Was unterscheidet Spielerinnen wie Hingis, Venus Williams oder Lindsay Davenport von Kurnikowa?

van Harpen: In den wichtigen Momenten eines Matches spielen die nur Bälle, die sie beherrschen. Hingis ist in vielem überlegen. Ihre größte Stärke ist ihr perfekt geschultes Auge. Sie erkennt sofort, wenn ihre Gegnerin eine Ecke des Spielfelds nicht abdeckt - und dort landet dann der Ball.

SPIEGEL: Dennoch: Auch die Trainingsfaulheit der Schweizerin ist legendär.

van Harpen: Das hat sich gebessert. Es stimmt: Lange hat sie nur von der Leichtigkeit ihres Spiels gelebt. Jetzt ist sie gezwungen, härter an sich zu arbeiten. Sonst könnte sie mit dem Power-Tennis der jungen Generation nicht mehr mithalten.

SPIEGEL: Gehört muskelbepackten Spielerinnen wie den Williams-Schwestern die Zukunft?

van Harpen: Es wird kein neues Tennis mehr geben. Die Technik ist bei allen Schlägen ausgereizt, und auch beim Material der Rackets ist keine Revolution in Sicht. Was bleibt? Körperkraft, Athletik. Bisher ist niemand so weit gegangen wie Venus und Serena Williams.

SPIEGEL: In der Branche wird das Auftreten des Williams-Clans argwöhnisch beäugt.

van Harpen: Das liegt vermutlich daran, dass nur Farbige dazugehören. Vater Richard, Mutter Oracene, der Rechtsanwalt, der Physiotherapeut, die persönlichen Freunde, die Welt der Williams ist eine Welt für sich. Für die USA, ihre Heimat, sind sie ein Glücksfall: zwei Schwestern, die aus dem Ghetto kommen und nun die Szene beherrschen. Interessanterweise hat mir Vater Williams vor anderthalb Jahren angeboten, Venus und Serena zu trainieren.

SPIEGEL: Warum haben Sie nicht zugesagt?

van Harpen: Ich verstehe mich gut mit Richard Williams, doch ich wäre der einzige Weiße in ihrer engsten Umgebung gewesen. Das erschien mir zu brisant. In der Mediengesellschaft wäre schon aus Gründen der Political Correctness jedes Wort von mir auf die Goldwaage gelegt worden.

SPIEGEL: Trauen Sie Venus zu, dass sie das Frauentennis über Jahre so beherrschen wird wie einst Steffi Graf?

van Harpen: Sie ist die derzeit beste Spielerin, aber auf lange Sicht? Fast ausgeschlossen. Venus ist verletzungsanfällig. Außerdem haben alle ambitionierten Spielerinnen erkannt, dass körperliche Fitness eine Grundvoraussetzung ist. Graf war eine Pionierin. Sie hat dem Begriff Professionalität eine neue Dimension verliehen. Und sie hat in den schwierigsten Situationen ihr bestes Tennis gespielt. Bei ihr gab es keinen Unterschied zwischen Training und Match.

SPIEGEL: Venus Williams donnert den Ball bei ihrem Aufschlag mit mehr als 200 Stundenkilometern übers Netz - härter als mancher Mann. Hätte sie eine Chance gegen einen Top-Ten-Spieler?

van Harpen: Mit der Dynamik bei den Männern hat Frauentennis nichts zu tun. Es gibt kaum eine Sportart, in der der Unterschied zwischen den Geschlechtern so groß ist. Williams kann gegen Andre Agassi spielen, bis ihr ein Bart wächst - sie wird kein Spiel gewinnen.

INTERVIEW: MICHAEL WULZINGER

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